Die Woche von Stefan M. Kob

Goldene 20er: Das Beste kommt vielleicht zum Schluss

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stefan.kob@solinger-tageblatt.de

Auf ein neues, hoffentlich besseres Jahr 2021.

Wie anders war dieses Silvester im Vergleich zum vergangenen: 20er-Jahre-Partys waren schwer in Mode, überall wurde ausgelassen gefeiert, getanzt, geböllert und insgeheim vielleicht auf eine Wiederkehr von „Goldenen 20ern“ gehofft. Kaum jemand nahm Notiz von der lauernden Gefahr, die da bereits im fernen China grassierte und wenige Wochen später die Welt infizieren sollte: mit hunderttausenden Toten, einem Absturz der Weltwirtschaft, stillgelegtem öffentlichen Leben, geisterhaft leeren Innenstädten, Ausgangssperren, gesellschaftlichen Verwerfungen. Der Jahreswechsel vor 100 Jahren sah allerdings viel schlimmer aus: Hungersnot, Arbeitslosigkeit, Epidemien bedrohten die junge Weimarer Republik. Auch wenn keine Querdenker die aufkommenden Antibiotika diffamierten, so war die Lage aufgrund erstarkender radikaler Kräfte instabil. Und wie man heute weiß, führte das schnelle Ende der ersten deutschen Demokratie direkt ins Verderben. Auch wenn Kassandrarufer teuflische Parallelen an die Wand malen, so dürfen wir doch hoffen, dass wir in diesem Jahr nicht in den Abgrund blicken, sondern das berühmte Licht am Ende des Tunnels sehen. Und das nicht nur wegen des Impfstoffs. Zuallererst hat sich unsere Demokratie als beständig erwiesen. Mitten in der Pandemie wurden reibungslos neue Stadtparlamente und Bürgermeister gewählt. Die Gegner unserer Grundordnung sind nicht stärker geworden, im Gegenteil. Die Krise, mag sie auch die schlimmste nach dem Zweiten Weltkrieg sein, hat nicht nur Leid und Existenzsorgen gebracht. Sie bewirkt gleichzeitig einen enormen Veränderungsschub, der auch ohne Corona dringend geboten wäre und nun im Zeitraffer abläuft. Das betrifft vor allem das Thema Digitalisierung. Gab es vor kurzem nicht mal Geld für Seifenspender auf Schulklos, fließen jetzt die Millionen, um alle Schulen ans Breitbandnetz zu hängen. Auf einmal setzt sich der „Solinger Weg“ einer Teilung der Klassen in Präsenz- und Distanzunterricht gegen alle Widerstände durch. Der stationäre Einzelhandel, der sich allzu oft als Opfer des Onlinehandels fühlt, entwickelt angesichts des Lockdowns hybride Geschäftsmodelle.

Und das Beste kommt womöglich zum Schluss: Denn der Digitalisierung-Zug kann unsere Region nach vorn bringen. Angesichts Millionen neuer Heimarbeiter, die von überall problemlos per Zoom, Slack und Office 365 online sind, stehen plötzlich ganze Bürotrakte in den Metropolen leer – und werden sich nach der Pandemie nie wieder komplett füllen. Das verstärkt den Trend gerade junger Familien, der Enge, den Preisen und der Unsicherheit der Großstädte ins Umland zu entfliehen. Hier müssen sie nicht erst einen Kita-Platz beantragen, bevor sie mit der Zeugung des Nachwuchses beginnen. Hier kann man noch Kinder im Grünen spielen lassen, durch Wälder wandern und in Talsperren baden – alles das, was gestresste Kölner und Düsseldorfer am Wochenende gerne auf Facebook posten. Das Bergische Land, verkannte Bergregion zwischen Rheinschiene und Ruhrgebiet, wird plötzlich hip, wie man an den steigenden Immobilienpreisen ablesen kann. Nur: Wir müssen diesen Trend auch nutzen wollen, zum Beispiel mit einer proaktiven Baulandpolitik. Dann könnten es für unsere Stadt wirklich goldene 20er Jahre werden.

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