Gespräch

„Glaube nicht alles, was du denkst“

Dr. Kai Schreibers Buch „Wahre Lügen“ gewinnt angesichts der Verschwörungstheorien in der Corona-Krise eine neue Aktualität. Foto: Michael Schütz
+
Dr. Kai Schreibers Buch „Wahre Lügen“ gewinnt angesichts der Verschwörungstheorien in der Corona-Krise eine neue Aktualität.

Verschwörungstheorien – Interview mit dem Neurowissenschaftler und Autor Dr. Kai Schreiber.

Das Gespräch führte Jutta Schreiber-Lenz

Der in Solingen lebende Neurowissenschaftler und Autor Dr. Kai Schreiber erläutert im ST sein Buch „Wahre Lügen: Warum wir nicht glauben, was wir sehen“. Anlass sind die aktuellen Verschwörungstheorien.

Dr. Schreiber, angesichts der Verschwörungstheorien, die in der andauernden Corona-Krise kursieren, haben die Aussagen Ihres Buches eine neue Aktualität. Was passiert da, offenbar haben Menschen, die zum Beispiel die Ansteckungsgefahr durch Sars-CoV-2 leugnen, eine andere Wahrnehmung als andere?

Dr. Kai Schreiber: Ja. Das, was wir wahrnehmen, deckt sich oft genug nicht mit dem, was sich wirklich abspielt, und trotzdem glauben wir fest, recht zu haben. Jeder bringt seine eigene Erfahrungswelt mit, wenn er eine Situation beurteilt. Ich lege in meinem Buch die sogenannte bayesianische Vorstellung von Wahrnehmung zugrunde. Dieser Begriff aus der Psychologie bedient sich hierbei einer Wahrscheinlichkeitstheorie. Aus der Fülle von auf einen niederregnenden Informationen zusammen mit zuvor gelerntem Wissen setzt man für sich das bestmögliche Bild zusammen – aber ohne die abschließende Sicherheit zu haben, dass man damit der Weisheit letzter Schluss gefunden hat. Das bestmögliche Bild ist eben nie das absolut richtige. Das kann gar nicht so sein, weder aus mathematischer, noch aus psychologischer Sicht.

Das heißt also, dass man sich darüber klar sein muss, dass man kein objektiv gültiges Urteil über etwas fällen kann? Ist das dann nicht etwas, das jegliches Handeln in der Praxis lähmen würde?

Schreiber: Das wäre fatal. Aus dem Umstand, nichts sicher wissen zu können zu folgern, dass dann irgendwie alles egal ist und alles laufenzulassen, spielt Verschwörungstheoretikern erst recht in die Hände, weil es die Zweifel an der Wissenschaft fundamental bestärken würde. Nein, das Fazit muss sein, so gut wie möglich und so sorgfältig wie möglich zu forschen, zu arbeiten und hinzuschauen- also quasi das exakte Gegenteil.

Man sollte sich aber möglichst nicht von Intuitionen leiten lassen?

Schreiber: Das kommt ganz auf jeweilige Erfahrungswerte an. Wenn Leute sich mit einer Sache gut auskennen und zum Beispiel jahrelang am Klima und seinen Ursachen geforscht haben, hat deren Bauchgefühl einen anderen Stellenwert als das von Leuten, die keine Ahnung vom Thema habe, sondern ihr Bauchgefühl nur am eigenen Empfinden ausrichten.

Also sollte man sich selbst weniger als Maßstab nehmen und bescheidener und weniger überzeugt daherkommen?

Schreiber: Der klassische Satz aus der Psychotherapie: „Glaube nicht alles was Du denkst“ hat hier eine Schlüsselfunktion. Sich selbst gegenüber misstrauischer sein, würde helfen, manchen Humbug zu auszusortieren, der so umgeht. Gerade in den sozialen Medien aber suchen (und finden) viele Leute genau das, was sie sowieso immer schon dachten – und fühlen sich erst recht bestätigt.

Wie kommt man als Physiker eigentlich dazu, sich mit solch einem Thema zu beschäftigen?

Schreiber: Das liegt daran, dass ich Physik studiert habe, weil ich dachte, darüber am ehesten zu verstehen wie die Welt tickt. Die wissenschaftliche Methodik, die ich dort gelernt habe, hat mir tatsächlich fernerhin viel geholfen – auch wenn ich schnell begriffen habe, dass ich lernen muss wie Menschen ticken, um zu erkennen wie das mit der Welt funktioniert.

Zur Person

Kai Schreiber, geboren 1972 in Aalen, ist promovierter Physiker und Neurowissenschaftler. Nach Stationen in Kanada, Kalifornien und New Jersey, zog es ihn wegen eines Forschungsprojekts an die Universität Münster und zum Kölner Max-Planck-Institut. Seit 2017 ist der musikinteressierte Hobby-Sänger freiberuflich tätig.

Das könnte Sie auch interessieren

Unsere News per Mail

Nach der Registrierung erhalten Sie eine E-Mail mit einem Bestätigungslink. Erst mit Anklicken dieses Links ist die Anmeldung abgeschlossen. Ihre Einwilligung zum Erhalt des Newsletters können Sie jederzeit über einen Link am Ende jeder E-Mail widerrufen.

Die mit Stern (*) markierten Felder sind Pflichtfelder.

Meistgelesen

Kein Durchkommen nach Unfall in Stöcken
Kein Durchkommen nach Unfall in Stöcken
Kein Durchkommen nach Unfall in Stöcken
28 Raser pro Tag: Stadt will am Werwolf blitzen
28 Raser pro Tag: Stadt will am Werwolf blitzen
28 Raser pro Tag: Stadt will am Werwolf blitzen
Nicole Müller macht Gassigehen zu ihrem Beruf
Nicole Müller macht Gassigehen zu ihrem Beruf
Nicole Müller macht Gassigehen zu ihrem Beruf
Corona: Inzidenzwert wieder unter 50 - Ein weiterer Todesfall
Corona: Inzidenzwert wieder unter 50 - Ein weiterer Todesfall
Corona: Inzidenzwert wieder unter 50 - Ein weiterer Todesfall

Kommentare