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Es gibt Charakterköpfe und den Cow Club

Bei der Release-Party im Getaway stellten Jens Mummert (von links), René Regier Dominik Singer, Philipp Husgen und Malte Möhring vom Cow Club im Jahr 2016 eine neue Vinyl-Langspielplatte mit dem Titel „Hype City No. 2“ vor. Archivfoto: Christian Beier
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Bei der Release-Party im Getaway stellten Jens Mummert (von links), René Regier, Dominik Singer, Philipp Husgen und Malte Möhring vom Cow Club im Jahr 2016 eine neue Vinyl-Langspielplatte mit dem Titel „Hype City No. 2“ vor.

Leute wie Andreas Schäfer oder Fritz Kappner sind neben diversen Vereinen wichtige Solinger Impulsgeber.

Von Julian Müller

Solingen. Nachdem im letzten Teil der Reihe die Jazz-Szene der frühen 1960er, die Großveranstaltungen der 1970er und die Schülerrockfestivals im Mittelpunkt standen, geht es diesmal um Charakterköpfe und die Geschichte des Cow Clubs.

Ein wichtiger Solinger Macher, der hinter den Kulissen seit den 70ern immer wieder für tolle Veranstaltungen und neue Impulse in Solingen gesorgt hat, ist Andreas Schäfer. Erste Schritte ging er ab 1975 zusammen mit seinem Bruder Stephan Schäfer-Mehdi und Hajo Eickelmann mit dem Folk Club Solingen.

„Mein erstes eigenes Rockkonzert war 1976 mit der Gruppe Gate in der Schwertstraße“, erzählt Andreas Schäfer. Besonders wichtig war ihm das Gender-Thema. So veranstaltete er beispielsweise am 19. Oktober 1985 ein Festival im Walder Stadtsaal, bei dem ausschließlich Frauen auftraten. Auch schwarze Bluesmusiker wie J.B. Hutto und Louisiana Red holte er nach Solingen und schaffte damit ein weiteres Stück Diversität in der hiesigen Kulturlandschaft.

Andreas Schäfer (links) und sein Bruder Stephan begrüßten im Oktober 1985 im Walder Stadtsaal die Band „The Guest Stars“. Das war eine angesagte Frauen-Jazzband, die auf dem Festival mit Musik von Frauen von „Die Provinz lebt“ auftraten.

Unterstützung bei diesen Projekten bekam er durch sein Engagement bei dem kulturell sehr umtriebigen Verein „Die Provinz Lebt“ aus dem 1994 das Kulturzentrum Cobra entstanden ist. Dort inszenierte er nach großstädtischem Vorbild zahlreiche aufwendige Theaterprojekte. In diese Leidenschaft brachte Andreas Schäfer auch stets sein Faible für Rockmusik ein, indem er seine Inszenierungen mit Musik anreicherte und diese Genres erfolgreich verband. So kollaborierte er mit S.Y.P.H.-Bassist Jojo Wolter, der für die musikalische Untermalung sorgte.

Eine unverzichtbare Solinger Institution ist bis heute der Cow Club. 1985 als AG Rock von einem siebenköpfigen Team um Jürgen Ries, Jungspund Chris Link und dem bis heute aktiven Jens Mummert gegründet, lagen die Hauptaugenmerke auf der Vernetzung der Szene und der Schaffung von neuen Auftrittsmöglichkeiten. Künstler von außerhalb wurden gebucht und im Vorprogramm durften Solinger Bands auftreten. In den 1990ern in Cow Club umbenannt, um den etwas angestaubten Namen aufzupeppen, ging die Förderung der hiesigen Konzertszene in verschiedenen Locations ohne Unterbrechung weiter. Der Fokus lag und liegt auf der Underground-Kultur, die im Mainstream weniger präsent ist, aber deswegen radikaler und mutiger agieren kann. Gefördert wird der Cow Club durch das Kulturmanagement der Stadt Solingen.

„Mein persönliches Highlight war ein Konzert mit Egberto Gismonti in der Liederkiste.“
Fritz Kappner, Veranstalter

Größere Veranstaltungen von alten Recken und jungen Chartstürmern fanden oft im Getaway von Jürgen Ries statt. Marc Kirchheim sorgte als Booker für viele spektakuläre Konzerte von Acts wie den Fantastischen Vier, Popa Chubby oder Mother’s Finest.

Nicht unerwähnt bleiben darf auch Fritz Kappner als unermüdlicher Förderer Solinger Kultur. So bereicherte der Tontechniker mit seiner großzügigen Unterstützung durch Rat, Tat und Equipment zahlreiche Musikkarrieren und hat auch selbst als Veranstalter immer wieder die Kulturlandschaft geprägt. „Mein persönliches Highlight war in Kooperation mit ,Die Provinz Lebt‘ das Konzert von Egberto Gismonti in der Liederkiste von Doro Schleutermann“, erzählt Kappner.

Die kleine Musikkneipe war mit etwa 100 Zuschauern zum Zerbersten gefüllt und das Publikum stand bis auf die Straße. „Vor der Zugabe mussten Gismonti und seine Band durchs Fenster in den Hof springen“, erzählt Kappner. Ein anderer denkwürdiger Abend war das Konzert des legendären amerikanischen Songwriters Townes Van Zandt im Steinenhaus. Vor knapp 50 Leuten spielte der schon schwer von seiner Alkoholsucht gezeichnete Musiker im November 1996 eines seiner letzten Konzerte, bevor er wenig später am 1. Januar 1997 starb.

„So misslungen das Konzert auch war – so beeindruckend war es“, erinnert sich Kappner. „Townes war ein Wrack und verkörperte genau deswegen die Personen, die er in seinen Songs besang perfekt.“

Seit 25 Jahren veranstaltet auch Philipp Müller zusammen mit seinem Bruder Felix bis zu 50 Konzerte in seinem Gasthaus Schaaf. Neben überregionalen Acts, sind es die lokalen Bands, die dort ihr zweites Wohnzimmer finden. „Wir verstehen uns als Club, der der regionalen Szene Raum bietet“, erklärt Philipp Müller. Einer der Höhepunkte sind für ihn dabei die Konzerte der Juicy Souls am Tag vor Silvester. „An diesen Abenden sind elf Leute auf der zehn Quadratmeter großen Bühne – das ist wie Yoga für die Musiker.“

„Konzerte zu veranstalten, ist für mich ein Hobby.
Guido Ocker, Folk-Fan

Ein weiterer leidenschaftlicher Förderer kleiner Konzerte ist – ganz in der Tradition des Folk Clubs aus den 1970ern – Guido Ocker, der seit vielen Jahren immer wieder amerikanische und kanadische Singer und Songwriter in die Stadt holt. Eine kleine treue Fangemeinde dankt ihm für seinen Einsatz und lässt ihn darüber hinwegsehen, dass er für die Abende meistens draufzahlen muss. „Konzerte zu veranstalten, ist für mich ein Hobby“, so Ocker.

So ist die gerne gesponnene Legende von dem geringen kulturellen Angebot in Solingen nicht ganz richtig. Damit diese kulturelle Vielfalt aber weiterhin stattfinden kann oder besser gesagt nach Corona hoffentlich neu erblüht, ist es umso wichtiger die Augen offen zu halten und interessante Veranstaltungen auch durch Anwesenheit zu unterstützen.

Serie Solinger Rockgeschichte

In der Reihe über die Solinger Rockgeschichte blickte Julian Müller, Kopf der Blackberries, auf wichtige Solinger Bands wie Promotion, The Mods, S.Y.P.H., Accept oder die Embryonics zurück. Aktuell arbeitet Müller an einer Ausstellung, einem Film und einem Buch zu dem Thema. Wer ergänzendes Foto- und Film-Material hat, ist herzlich dazu eingeladen, sich per Mail an redaktion@solinger-tageblatt.de mit uns in Verbindung zu setzen. In der kommenden Woche widmet sich die Serie aktuellen Vertretern der Musik-Szene.

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