Industriemuseum

Die Gesenkschmiede führt in die Vergangenheit

Holger Maus führte die Besucher bei „Auf den Zehntel genau“ durch das Industriemuseum. Foto: Christian Beier
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Holger Maus führte die Besucher bei „Auf den Zehntel genau“ durch das Industriemuseum.

Das Industriemuseum bietet wieder Führungen an – den Auftakt bildete „Auf den Zehntel Millimeter genau“.

Von Andreas Erdmann

Solingen. Um das Jahr 1900 wurden in der früheren Gesenkschmiede Hendrichs in Merscheid Tag für Tag Tausende von Scherenrohlingen gefertigt. Wissenswertes über den damaligen Herstellungsprozess unterschiedlicher Scherensorten sowie über den früheren Arbeitsalltag der Werkzeugmacher konnten Besucher am Sonntag während einer Führung durch das LVR-Industriemuseum erfahren. „Auf den Zehntel Millimeter genau“ lautete das Thema. „Dermaßen genau mussten die ersten Musterformen, die sogenannten Leisten und Gesenken, beschaffen sein, die hier von erfahrenen Werkzeugmachern und Scherenschleifern aus Werkzeugstahl gearbeitet wurden“, erläuterte Museumsaufseher und Maschinenführer Holger Maus. Erst diese strikte Genauigkeit in der Produktion war ein Garant für die hohe Qualität der Scheren, für den die Klingenstadt weltweit bekannt ist.

„Es bedurfte eine langjährige Erfahrung des Werkzeugmachers.“

Holger Maus, Museumsaufseher

Die Führung folgte dem Produktionsprozess von Scheren und anderen Werkzeugen. Dabei gewährte sie den Teilnehmern Einblicke in die alten Hallen mit Härtebecken, Reck- und Fallhämmer und anschließend in die Schmiede sowie in die geräumige Werkzeugmacherei. „Erster Arbeitsschritt war die Bearbeitung angelieferter Stahlruten. Aus ihnen wurden sogenannte Spaltstücke für die Scherenrohlinge abgeschnitten“, war zu erfahren. Zur Vervielfältigung einer bestimmten Schere wurde ein Gesenk als Negativform benötigt. „Um eine Leiste als Positivform in solche ein Gesenk einzuschlagen, musste Letzteres auf eine Temperatur von 12 000 Grad Celsius erhitzt werden.“ Nach Abkühlen und Aushärten des Gesenks wurde dessen Oberfläche von einem Metallhobel plan gehobelt.

Solingen: Damaliger Arbeitsalltag von Werkzeugmechanikern war strapaziös

Diesen zeitintensiven Arbeitsvorgang veranschaulichte Holger Maus an einer historischen Hobelmaschine für Metall. „Die Fertigung eines größeren Gesenks konnte schon bis zu einer Woche betragen, bis es für die Scherenproduktion gebrauchsfertig war.“ Heute werden Gesenke binnen weniger Minuten vollautomatisch mit computergesteuerten CNC-Werkzeugmaschinen wie HSC-Fräsen oder Funken-Erodiermaschinen hergestellt. Von einer einzelnen Negativform konnten dann durch Einlegen der Schmiedestücke und deren Bearbeitung durch Schmiedehämmer und -Pressen bei großen Scheren bis zu 6000 und bei kleineren bis zu 20 000 Stück hergestellt werden. „Handwerklich äußerst mühsam und zeitaufwendig war das Abgraten der Rohwerkzeuge mit Riffeln, Feilen und Schabern. Es bedurfte eine langjährige Erfahrung des Werkzeugmachers, Fingerfertigkeit und Augenmaß.“

Der damalige Arbeitsalltag war weitaus strapaziöser als der von heutigen Werkzeugmechanikern. Daran erinnerten sich einige der älteren Besucher, die früher selber als Werkzeugmacher in der Gesenkschmiede Hendrichs tätig waren. „So was wie Arbeitsschutz gab es fast gar nicht. Wir arbeiteten ohne Gehörschutz und ohne Schuhe mit Stahlkappen. Allenfalls Schutzbrillen gegen den Funkenflug standen uns zur Verfügung.“

Manfred Keck, mit 90 Jahren ältester Teilnehmer der Führung, berichtete: „Ich war gleich nach meiner Lehre bei Carl Prinz von 1949 bis 1959 als Werkzeugmacher bei Hendrichs beschäftigt. Mein Anfangsgehalt betrug damals 95 Pfennige die Stunde. Das war sehr viel. Üblich für Beschäftigte in Gesenkschmieden waren 60 Pfennige.“ Zunächst habe er noch an Maschinen mit Riemenantrieb gearbeitet. „Elektromotoren kamen erst ab 1955 auf.“

Industriemuseum: Die nächsten Führungen

Die nächsten Führungen finden unter dem Motto „Sheddächer, Schornsteine, Fabrikantenvilla“ am 4. Oktober und 1. November jeweils von 15 bis 16 Uhr an der Merscheider Straße 289 bis 297 statt. Zudem gibt es am 18. Oktober ab 15 Uhr eine Familienführung zum Thema „Diesel, Dampf und Antriebsriemen“. Kosten: 6 Euro pro Person. Im Preis ist der Eintritt ins Museum im Anschluss an die Führung enthalten. Kinder und Jugendliche bis 18 Jahren frei. Anmeldung unter Tel. (0 22 34) 9 92 15 55 oder per E-Mail.

info@kulturinfo-rheinland.de

Der Dieseltag im Industriemuseum zog Familien und Technikfans an: Das Team der Gesenkschmiede Hendrichs gab Einblicke in eine vergangene Handwerkstradition.

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