Weltkrieg

Geschichte: Die Spur der Zwangsarbeiter führt zu Solinger Firmen

Nadja Thelen-Khoder hat sich auf die Suche nach den Namen der Ermordeten gemacht. Ihr Großvater Dr. Meinolf Segin wird die Leichen vermutlich exhumiert haben
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Nadja Thelen-Khoder hat sich auf die Suche nach den Namen der Ermordeten gemacht. Ihr Großvater Dr. Meinolf Segin wird die Leichen vermutlich exhumiert haben.

Nadja Thelen-Khoder sucht nach Namen von Zwangsarbeitern, die kurz vor Kriegsende ermordet wurden.

Von Alexandra Dulinski

Solingen. Kurz vor ihrer Befreiung wurden sie ermordet: Sowjetische Zwangsarbeiter, darunter Kinder und Frauen, die in Warstein, Suttrop und Eversberg verscharrt wurden. Einige von ihnen haben bei Solinger Firmen gearbeitet.

Hinter den Ermordeten stecken Namen, nach denen nie gefragt wurde. Nadja Thelen-Khoder, Historikerin und Germanistin, versteht es als ihr Erbe, diese Namen herauszufinden und zu veröffentlichen. „Wenige Monate vor ihrem Tod erzählte mir meine Mutter, dass im Langenbachtal wenige Tage vor Kriegsende russische Zwangsarbeiter im Wald ermordet und verbuddelt wurden“, berichtet sie. Ihr Großvater, der als Arzt arbeitete, sei in einem Dokument als Zeuge genannt worden. Thelen-Khoder nimmt an, dass er die Toten damals exhumiert hat. Ihre Mutter berichtete ihr davon, wie sie und ihre Schwester an den Leichen haben vorbeigehen müssen.

Nadja Thelen-Khoder, die sich selbst nicht als klassische Historikerin sieht, sondern „Geschichte aus den Gräbern heraus“ erzählen will, hat seit 2015 diverse Friedhöfe besucht, Grabsteine entziffert und in Archiven gesucht. 12,3 Millionen Zwangsarbeiter habe es in Deutschland gegeben, 5,2 Millionen davon seien aus der Sowjetunion gekommen. Auf deutschem Boden seien davon 3,5 Millionen in Gefangenschaft getötet worden oder gestorben, erklärt die 61-Jährige.

„Zwischen dem 20. und 22. März 1945 sind 57 Zwangsarbeiter in Suttrop erschossen oder erschlagen worden, in Warstein 71“, berichtet sie. Wenige Tage nach dem Massaker seien die Toten gefunden worden. Im Gegensatz dazu sei man erst 1947 auf die 80 Ermordeten eines dritten Massakers in Eversberg gestoßen. Insgesamt habe es bei den drei Massakern 208 tote Zwangsarbeiter gegeben. Über Arbeits- und Versichertenkarten fand Nadja Thelen-Khoder heraus, dass einige der Zwangsarbeiter in Solingen gearbeitet haben.

Fast jede Firma in Solingen beschäftigte Zwangsarbeiter

Von den insgesamt 128 Ermordeten aus Suttrop und Warstein haben fünf bei der Solinger Firma Richard Abraham Herder gearbeitet. Oft stieß Thelen-Khoder bei ihrer Recherche auf Fotos der Zwangsarbeiter. „Es ist ein Unterschied, ob man Zahlen liest oder ob man jemandem auf dem Foto einer Arbeitskarte in die Augen gucken muss. Man weiß, dass derjenige kurz vor seiner Befreiung ermordet wurde und unter den anstrengendsten Arbeiten leiden musste“, sagt die gebürtige Kölnerin.

Neben der Firma Herder haben auch die Klopp-Werke in Solingen Zwangsarbeiter beschäftigt. Die 20-jährige Sophia Kotowa habe mit ihren zwei Schwestern Anna und Eugenia als Hilfsarbeiterin in den Klopp-Werken gearbeitet. „Sie kamen dann in das Durchgangslager Am Giebel, dem Auffanglager Wuppertal-Sonnborn. Hier ist die große Lücke. Wir wissen nicht, wie sie dahingekommen sind oder wie sie von dort nach Suttrop kamen. Es wird wohl ein Todesmarsch gewesen sein“, sagt Thelen-Khoder, die aus ihrer Arbeit ein Buch gemacht hat.

„Wer die Namen von Ermordeten verschwinden lässt, tötet sie ein zweites Mal.“
Nadja Thelen-Khoder, Historikerin

Auf diesen Todesmärschen seien Zwangsarbeiter aber wohl nicht systematisch umgebracht worden, vielmehr seien sie den gewalttätigen und brutalen Bedingungen erlegen, berichtet Stadtarchivar Ralf Rogge. Er bestätigt, dass die drei Schwestern am 6. Dezember 1943 nach Solingen gekommen sind. In ihrer Kartei sei von den zwei Lagern Nordstraße und Friedrich-Ebert-Straße die Rede. Rogge vermutet, dass die Schwestern umgezogen seien. „Die spannende Frage ist, ob alle Zwangsarbeiter von Klopp weggeschickt wurden“, sagt Rogge. Um das zu beantworten, seien weitere Untersuchungen notwendig. Etwa 400 Zwangsarbeiter seien während des Zweiten Weltkrieges bei Klopp beschäftigt gewesen, von diesen wurden am 12. und 13. März 1945 knapp 200 in das Sammellager Sonnborn abtransportiert.

Bei Herder arbeiteten 250 Zwangsarbeiter. Die Firmen Herder und Klopp seien aber keineswegs die einzigen Solinger Unternehmen gewesen, die Zwangsarbeiter beschäftigten. „Praktisch jede Solinger Firma hatte Zwangsarbeiter. Je wichtiger die Firma für das Kriegsgeschehen war, desto mehr“, erklärt Rogge.

„Uns ist bekannt, dass die Firma Herder Zwangsarbeiter beschäftigt hat“, berichtet Siegmund Riedel von der Firma Gedore, früher Herder. Herder habe in einen Fonds eingezahlt, der Wiedergutmachung an den Familien der Zwangsarbeiter leisten sollte. „Das Thema wird hier sehr offen behandelt“, sagt Riedel, der sich viel mit der Firmengeschichte beschäftigt hat. Die Firma Klopp wollte sich auf ST-Anfrage nicht dazu äußern.

„Dass diese Namen eigentlich seit 75 Jahren bekannt sind, ist unvorstellbar“, erklärt Nadja Thelen-Khoder. Das Schweigekartell sei drastisch. „Wer die Namen von Ermordeten verschwinden lässt, tötet sie ein zweites Mal“, sagt die Historikerin. Auf Dokumenten – beispielsweise von Krankenkassen und Versicherungen – seien die Zwangsarbeiter mit dem Hinweis „Ost“ abgestempelt worden. Dabei hätten sie mit den Juden zusammen auf unterster Stufe gestanden. „Zu sagen ,Wir haben davon nichts gewusst‘ ist unmöglich“, so Thelen-Khoder. Es habe Propagandareden und Transporte von Zwangsarbeitern gegeben.

Recherchen führten bis nach Hessen

Ihre Recherchen haben sie nach Bad Arolsen in Hessen geführt, zu den Arolsen Archiven, die sich dafür einsetzen, Dokumente zur NS-Verfolgung international zugänglich zu machen und nach Spuren von NS-Verfolgten zu suchen.

Über das Archiv ist sie auf eine Namensliste der 95. Infanterie Division der US-Armee gestoßen, in der die Namen der Ermordeten der beiden Massaker in Suttrop und Warstein aufgelistet sind.

60 von ihnen sind Nadja Thelen-Khoder mittlerweile namentlich bekannt, davon konnte sie 15 bereits verorten. Die Toten wurden auf den „Franzosenfriedhof“ in Meschede umgebettet. Dort sei auf vier Gedenksteinen die Zahl der in Suttrop und Warstein getöteten Zwangsarbeiter angegeben. Verwiesen werde allerdings nur auf 121 Tote, obwohl die Namensliste der Infanterie Division 128 Zwangsarbeiter angibt. Die sieben verbliebenen Arbeiter seien bis heute nicht gefunden worden, sagt Thelen-Khoder.

Nadja Thelen-Khoder sieht die Suche nach den Namen als Generationenprojekt und wünscht sich die Mitarbeit der Schulen. „Wir brauchen Schüler, die mitdenken. Das ist spannender Geschichtsunterricht“, sagt sie.

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Am 13. April 1945 richtete die Gestapo 71 Häftlinge am Wenzelnberg hin. Der Opfer des Grauens wird jährlich still gedacht.

Buch

Im Buch „Der ,Franzosenfriedhof‘ in Meschede – Drei Massaker, zwei Gedenksteine, eine ,Gedenktafel‘ und 32 Grabsteine: Dokumentation einer Spurensuche“ dokumentiert Nadja Thelen-Khoder ihre Suche nach den Namen der Ermordeten. Mit vielen Listen, die tausende sowjetische Zwangsarbeiter betreffen, soll das Buch Quellen für weitere Forschungen erschließen. Für 36,99 Euro ist es online erhältlich.

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