Wohnungsmarkt

Genossenschaft investiert in Klimaschutz

Seit Anfang Juni ist Jürgen Dingel Vorstandsvorsitzender des Spar- und Bauvereins Solingen. Foto: Rouven Böttner
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Seit Anfang Juni ist Jürgen Dingel Vorstandsvorsitzender des Spar- und Bauvereins Solingen.

Jürgen Dingel, Vorstandsvorsitzender des Spar- und Bauvereins, über den Wohnungsmarkt und Neubau-Projekte.

Das Gespräch führte Manuel Böhnke

Herr Dingel, wie schätzen Sie die Lage auf dem Solinger Wohnungsmarkt ein?

Jürgen Dingel: Die Stadt geht davon aus, dass bis zum Jahr 2040 rund 5200 neue Wohneinheiten benötigt werden. Ob diese Annahme berechtigt ist, kann ich nicht beurteilen. Es gibt aber Druck auf dem Markt, der sich an den steigenden Preisen ablesen lässt. In den Metropolen Köln und Düsseldorf ist das Wohnen so teuer geworden, dass sich Menschen, die dort arbeiten, in Solingen nach einer günstigeren Wohnung umschauen. Diese steigende Nachfrage spüren wir natürlich auch.

Wie sieht die richtige Reaktion darauf aus?

Dingel: Es ergibt Sinn, den Wohnungsbestand zu erhöhen. Man muss jedoch im Blick behalten, wie sich die Nachfrage in Zukunft entwickelt, wenn die Kinder der geburtenstarken Jahrgänge versorgt sind. Kontraproduktiv wäre, in Produkte zu investieren, die in einigen Jahren überhaupt nicht mehr gefragt sind. Um das zu verhindern, orientieren wir uns bei neuen Projekten an einem Baustil, der bis ins hohe Alter nutzbar ist – mit Fahrstühlen und ebenerdigen Duschen. Das ist ein Standard, der heutzutage von jungen Menschen ebenso akzeptiert wird wie von älteren.

Sie stehen seit Anfang Juni an der Spitze des Spar- und Bauvereins. Welche Rolle soll die Genossenschaft auf dem Solinger Wohnungsmarkt einnehmen?

Dingel: Der Spar- und Bauverein ist zurzeit der größte Anbieter von Wohnraum in Solingen. Und das soll so bleiben. Deshalb ist es logisch, dass wir unseren Bestand weiterentwickeln. Wir modernisieren und nehmen alte Häuser durch Abriss vom Markt, um an gleicher Stelle neu zu bauen. Wir wollen aber auch wachsen – kontrolliert, um nicht in Leerstand hinein zu investieren.

Wie kann Wachstum angesichts des knappen Flächenangebots gelingen?

Dingel: Das ist genau das Problem: Es gibt nur wenige geeignete Grundstücke und obendrein sind die Preise davongelaufen. Wir können froh sein, dass wir noch über einige Vorratsflächen verfügen.

Wo?

Dingel: Wir haben ein großes Grundstück am Halfeshof. Die Lage ist landschaftlich wunderschön und trotzdem nicht abgelegen. Für Pendler wäre der Standort attraktiv, wenn der angedachte Bahnhaltepunkt Meigen tatsächlich realisiert wird. Dieses Projekt gehen wir aber erst in ein paar Jahren an. Auch für die Innenstadt gibt es Ideen.

Wie sehen die aus?

Dingel: Es gibt Ideen für eine Straßenrandbebauung auf unserem Grundstück im Bereich Kölner Straße/Max-Leven-Gasse. Das würde dem Stadtbild in diesem Bereich einen moderneren Anstrich verpassen und mit dem Sparkassen-Neubau harmonieren. Um das Projekt umzusetzen, müssten wir einen Neubau für unsere Werkstätten, die sich ebenfalls auf dem Grundstück befinden, realisieren. Ich würde mir wünschen, dass sie in der Innenstadt bleiben, zukünftig jedoch attraktivere Arbeitsbedingungen bieten. Das ist aber noch Zukunftsmusik, aktuell ist das Projekt für Ende 2025 angedacht.

Welche Pläne sind bereits konkreter?

Dingel: Aktuell fokussieren wir uns auf die kommenden Bauabschnitte in der Siedlung Böckerhof. Danach wollen wir an der Rudolf-Schwarz-Straße Alt- durch Neubauten ersetzen und an der Raabestraße neuen Wohnraum schaffen.

Gleichzeitig plant der Spar- und Bauverein, bis 2025 jährlich mehr als 4,3 Millionen Euro auszugeben, um die Bestandsimmobilien klimafreundlicher zu machen.

Dingel: Es ist ganz klar, dass wir in Sachen Klimaschutz etwas tun müssen. Womit wir begonnen haben, ist Heizsysteme zusammenzuführen und die Gebäudedämmung zu verbessern, um den Energieverbrauch zu reduzieren. Das sind aber noch keine Lösungen, mit denen man von fossilen Brennstoffen wegkommt.

Wie kann das gelingen?

Dingel: Das ist eine gute Frage. Viele Immobilieneigentümer und Wohnungsgesellschaften haben das Problem, dass sie hauptsächlich mit Gas und Öl heizen. Momentan fehlt allen noch die wirkliche Idee, worauf man zukünftig setzen sollte. Ich weiß nicht, ob Strom alle Probleme löst.

Welche Nachteile sehen sie?

Dingel: Es gibt viele offene Fragen. Beispielsweise, ob vor allem im Winter, wenn am meisten geheizt wird, ausreichend Energie zur Verfügung steht. Und welche Speichermöglichkeiten es für Strom und Wärme gibt. Wir planen derzeit, in einem Gebäude aus den 1960er Jahren testweise mit einer Wärmepumpe zu arbeiten. In unseren älteren Gebäuden haben wir allerdings keine Flächenheizungen, sondern viele kleine Heizkörper verbaut, was eine hohe Vorlauftemperatur nötig macht. Es gibt Wärmepumpen, die das leisten können. Häufig wird dazu auf eine elektrische Zuheizung zurückgegriffen. Dabei darf man nicht die Kosten vergessen. Wenn wir auf Strom umstellen, wird sich das massiv auf die Heizkosten auswirken. Deshalb müssen wir darauf achten, dass das Gesamtpaket aus Miete und Nebenkosten tragbar bleibt. Sie sehen: Es ist kompliziert. Nichtsdestotrotz haben wir damit begonnen, auf einigen Dächern Photovoltaikanlagen zu installieren. Vielleicht können wir den damit erzeugten Strom eines Tages für Wärmepumpen nutzen.

Der Spar- und Bauverein hat sich in der Vergangenheit für seine verhältnismäßig geringen Mieten gerühmt. Wie lange bleibt das angesichts der nötigen Investitionen noch so?

Dingel: Das ist eine berechtigte Frage. Wir können schließlich nicht zaubern und die Baukosten laufen uns genauso weg wie allen anderen. Wir müssen darauf achten, dass sich die einzelnen Einheiten tragen und keine Quersubventionierung im Bestand stattfindet. Was nicht passieren darf: Die Mieter aus weniger komfortablen Altbauten sorgen dafür, dass sich die Neubauten rechnen. Das konnten wir in den vergangenen Jahren zum Glück verhindern. Wäre das anders, müssten wir von solchen Projekten Abstand nehmen.

Seit 1977 sind sie beim Spar- und Bauverein. Was waren in diesen vier Jahrzehnten die größten Veränderungen?

Dingel: Ganz klar die Digitalisierung. Als ich hier angefangen habe, gab es ein Rechenzentrum in Düsseldorf. Ein Kurier hat unsere Belege, Anträge und Formulare dorthin gebracht und wieder abgeholt. Die Zinsen wurden per Hand berechnet. Einmal im Jahr, wenn die Zinsen dem Kapital zugeschrieben wurden, war die gesamte Verwaltung im Einsatz. Eine ähnliche Aktion war nötig, wenn die Dividende berechnet wurde. Irgendwann kamen die ersten PCs auf. Diese ganzen Entwicklungszyklen von damals bis zum heutigen Tage waren sehr spannend - und ein Ende ist nicht absehbar.

Hintergrund

Seit Anfang Juni ist Jürgen Dingel als Nachfolger von Ulrich Bimberg hauptamtlicher Vorstandsvorsitzender des Spar- und Bauvereins Solingen (SBV). Der 60-Jährige ist ein SBV-Eigengewächs: 1977 absolvierte er bei der Genossenschaft seine Lehre zum Kaufmann für Grundstücks- und Wohnungswirtschaft. Zuletzt leitete der gebürtige Solinger 23 Jahre lang die Abteilung für Finanz- und Rechnungswesen. Den Vorstand komplettieren Erwin Kohnke, Manfred Krause und seit kurzem Uwe Asbach. Er wurde in diesem Monat vom Aufsichtsrat als nebenamtliches Vorstandsmitglied bestellt. „Wir haben einen ausgewiesenen Experten für die Bereiche Energie und klimagerechte Zukunftsgestaltung im Bereich der Wohnungswirtschaft gewonnen“, ist Vorstandsvorsitzender Jürgen Dingel sicher.

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