Rückblick

Das Geheimnis der versteckten Schuhe

Die Fundstücke lassen trotz des stark abgenutzten Zustands erkennen, dass sie sehr akkurat gefertigt wurden. Fotos: Andreas Erdmann
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Die Fundstücke lassen trotz des stark abgenutzten Zustands erkennen, dass sie sehr akkurat gefertigt wurden.

Bis heute ist ungeklärt, was es mit diesem Brauch auf sich hat. Expertin vermutet Aberglaube.

Von Andreas Erdmann

Ich staunte, als ich im März 1992 beim Renovieren des Fachwerkhauses Stresemannstraße 15b in Wald unter den Brettern des Dachbodens zwei Kinderschuhe entdeckte. Die Schuhe steckten im Hohlraum zwischen zwei Balken dicht an der Dachkante und zeigten mit den Spitzen nach außen. Sie waren aus schwarzem Leder, stark abgenutzt, sehr fein gearbeitet und schienen von beträchtlichem Alter. Dazu kam ein stark verwitterter kleiner Puppentorso zum Vorschein.

Wie kamen die Schuhe dorthin? Wem gehörten sie? Welchem Zweck dienten sie – war es Füllmaterial für den Hohlraum? Warum war aber dann kein weiteres Material vorhanden? Der Fund erschien mir erhaltenswert, so dass ich ihn aufbewahrte.

Erst viele Jahre s

Unser Autor entdeckte die eingemauerten Schuhe bei der Renovierung des Fachwerkhauses in Wald an der Stresemannstraße 15b.

päter erfuhr ich nun in einem Vortrag mit dem Titel „Versteckte Schuhe“ der Bauforscherin beim LVR-Amt für Denkmalpflege, Kristin Dohmen, dass die von mir gefundenen Schuhe kein Einzelfall sind. Seit die Wissenschaftlerin erstmals 2010 von einem eingemauerten Schuh in einem historischen Bauwerk hörte, ist sie dem Phänomen auf der Spur. Damals wurde bei der Sanierung von Burg-Engelsdorf bei Düren ein einzelner, gebrauchter Männerschuh aus Leder gefunden. Sein geschätztes Alter: 300 Jahre. Der rätselhafte Schuh steckte in einem Hohlraum im unteren Bereich einer spätmittelalterlichen Fenstersitznische und war dort nachträglich eingemauert worden.

Bald darauf hörte Kristin Dohmen von einem Fund auf Schloss Liedberg am Niederrhein. Bei der Renovierung des Turms wurden ehemalige Balkenlöcher in zwölf Metern Wandhöhe geöffnet. Darin: acht einzelne, säuberlich eingemauerte Schuhe aus dem 18. Jahrhundert – und jeder der Frauen-, Männer- und Kinderschuhe mit der Spitze nach außen gerichtet. Der nächste Fund kam auf Schloss Hardenberg in Velbert-Neviges zu Tage: drei Männerschuhe in einer vermauerten Wandnische.

In ganz Europa wurden über 1000 eingemauerte Schuhe registriert

„Es sind jeweils einzelne und getragene, abgewetzte Schuhe. Sie wurden immer bei Umbauten ins Mauerwerk eingebracht. Das ist immerhin eindeutig“, erklärt Kristin Dohmen. Und sie seien stets in der Nähe von funktionslos gewordenen Maueröffnungen gefunden worden. „Die Schuhe wurden so versteckt, dass sie eigentlich nie wieder entdeckt werden sollten.“

Zunächst hielt die Forscherin das Einmauern von Schuhen für einen rheinländischen Brauch. Dann meldete man auch Funde aus Hessen, Rheinland-Pfalz und dem Saarland, Niederbayern, Tirol und England.

WER WEISS MEHR?

FRAGEN Hat jemand beim Renovieren alter Gebäude auch solche versteckten Schuhe entdeckt? Dazu vielleicht einen Hinweis über den Sinn des vermeintlichen Brauchs? Wenn jemand das Rätsel lösen kann, bitte beim ST melden. 

ADRESSE Solinger Tageblatt, Betreff: Versteckte Schuhe, Redaktion, Mummstraße 9, 42651 Solingen. E-Mail: redaktion@solinger-tageblatt.de denkmalpflege.lvr.de

Mittlerweile wurden in ganz Europa über 1000 alte eingemauerte Schuhe registriert. Der bislang älteste zählt etwa 600 Jahre und stammt aus der Wand hinter dem Chorgestühl der Kathedrale im englischen Winchester. Warum aber die Schuhe vermauert wurden, sei nach wie vor ein Rätsel, betont Dohmen. „Das Einmauern von Schuhen wird in keiner schriftlichen Quelle erwähnt oder gar erklärt.“

Vermutlich handele es sich um einen Brauch mit abergläubischem Hintergrund, einer Art Segen oder Schutz für das Gebäude. „Vielleicht wurden die Schuhe dort deponiert, wo das Gebäude nach dem Umbau besonders vor bösen Mächten geschützt werden sollte, an vermeintlichen Schwachstellen“, spekuliert Dohmen. Oder rührt der Brauch etwa aus England, wo laut Legende ein volkstümlicher Heiliger im 13. Jahrhundert den Teufel mit seinem Stiefel gefangen haben soll? Ein neuerer Schuh aus Köln-Nippes, aber auch ein maschinell genähter Männerschuh aus dem Liedberger Turm zeigen, dass die rätselhafte Sitte noch bis ins frühe 20. Jahrhundert ausgeübt worden sein muss. Bis zum Sommer will Kristin Dohmen eine gründliche Auswertung aller Funde vornehmen.

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