ST-Montagsinterview

Der Gastronomie fehlen viele Arbeitskräfte

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Public Viewing wie hier im Theater und Konzerthaus ist auch für die Gastronomie spätestens seit dem Sommermärchen ein Geschäft. Doch Gebühren schmälern den Verdienst. Und natürlich ein frühes Ausscheiden der Nationalmannschaft aus dem Turnier in Russland (Archivfoto).

GESPRÄCH Petra Meis ist Vorsitzende des Solinger Hotel- und Gaststättenverbandes(Dehoga).

Von Manuel Böhnke

Frau Meis, wie ist die Situation der Solinger Gastwirte zu Beginn des Sommers?

Petra Meis: Die Gastronomie profitiert von der guten gesamtwirtschaftlichen Lage. Die Menschen möchten sich etwas gönnen und finden in unseren Gastronomien passende Angebote. Im Mai konnte man das spüren. Das war mit vier Feiertagen ein anstrengender Monat für uns. Gerade für die Außengastronomie war es schwierig, weil die Mannschaft noch nicht komplett steht. Man versucht noch, Aushilfen zu bekommen. Und die Festangestellten müssen sich an dieses Arbeitspensum erst wieder gewöhnen.

Wobei das gute Wetter an den Feiertagen für sie ein großes Glück gewesen sein dürfte.

Meis: Klar, das ist immer schön: Viele Gäste bringen viel Umsatz. Aber man muss es auch stemmen können und das Personal für diese anstrengenden Tage haben. Leider gibt es einen Fachkräftemangel in der Gastronomie, den wir nicht so einfach auffangen können.

Warum gibt es dieses Problem?

Petra Meis ist Gastronomin und Verbandsvorsitzende. (Archivfoto)

Meis: Das Schulsystem hat sich so entwickelt, dass Jugendliche lieber studieren, als eine Ausbildung zu machen. Das spüren Handwerks- und Dienstleistungsbetriebe.

Welche Auswirkungen könnte das auf lange Sicht haben?

Meis: In ländlichen Gebieten haben Wirte teilweise ihre Öffnungszeiten verkürzt, weil ihnen das Personal fehlte. Darauf könnte es in Zukunft hier auch hinauslaufen.

Inwiefern erschwert die aktuelle Mindestlohn-Regelung ihnen die Arbeit?

Meis: Wenn ich Minijobber zum Mindestlohn anstelle, dürfen sie maximal 48,5 Stunden arbeiten. Möchte ich ihnen mehr bezahlen, weil sie schon lange bei uns arbeiten oder vom Fach sind, geht das zulasten ihrer Stundenzahl, da sie sonst die 450-Euro-Grenze überschreiten würden.

Wie könnte eine Lösung aussehen?

Meis: Man könnte Minijobs an die Stundenzahl koppeln und nicht an den Verdienst. Ein Beispiel: Jede Aushilfe darf 50 Stunden im Monat arbeiten – unabhängig von ihrem Stundenlohn. Dann könnte ich den Aushilfen mehr bezahlen, ohne dass ich sie deshalb weniger einsetzen darf.

Inwiefern profitieren die Solinger Gastwirte von der anstehenden Weltmeisterschaft?

Meis: Mit dem Zeigen der Spiele ist ein bürokratischer und finanzieller Aufwand verbunden. Jeder Gastronom muss die erhofften Mehreinnahmen mit den anfallenden GEMA-Gebühren abwägen. Ob sich das lohnt, hängt auch davon ab, wie Deutschland spielt. Wenn die Nationalmannschaft früh ausscheidet, bleiben die Gäste aus. Personal und Gebühren muss man dennoch zahlen.

Die Erhöhung der Wirte-Gebühr für städtische Flächen sorgte für viele Diskussionen. Statt der geplanten 40-Prozent-Erhöhung gibt es nun einen Aufschlag um elf Prozent. Welche Folgen hat das?

Meis: Die geplante drastische Erhöhung war nicht richtig. Mit einer angemessenen Anhebung kann man aber umgehen. Zumal es möglich ist, sie monatlich zu zahlen – je nach Bedarf der Gastwirte. Dennoch trifft das natürlich einige Kollegen. Andererseits ist es so, dass die betroffenen Betriebe davon profitieren, dass sie durch städtischen Raum ihre Ladenfläche vervielfachen. Wirte, die einen eigenen Biergarten haben, bezahlen diese Gebühr zwar nicht, müssen aber nun mal für die Pflege aufkommen. Das sind Kosten, die es auch ohne Gebühr gibt.

Wie wird sich die Zahl der Solinger Gastronomie-Betriebe in den kommenden Jahren entwickeln?

ZUR PERSON

PRIVAT Petra Meis ist 61 Jahre alt. Die gebürtige Solingerin ist geschieden und hat zwei Kinder. 

BERUFLICH Nach ihrer Ausbildung arbeitete die gelernte Hotelkauffrau in verschiedenen Hotels. 1997 übernahm sie die Leitung der Gaststätte Rüdenstein von ihren Eltern. 

DEHOGA Im Hotel- und Gaststättenverband sind einige Solinger Gaststättenbetreiber Mitglied. Der Verband versteht sich als Interessenvertretung.

Meis: Ich vermute, dass sie rückläufig bleibt.

Warum?

Meis: Es gibt viele Familienbetriebe, die in den kommenden Jahren altersbedingt schließen, weil es keinen Nachfolger gibt. In Solingen sind viele Betriebe, mit denen ich groß geworden bin, aufgrund dieser Problematik bereits verschwunden. Das bedauere ich sehr, denn die Nachfrage ist vorhanden. Die aktiven Betriebe haben gut zu tun. Insbesondere in den Wandergebieten gibt es zudem kilometerlange Abschnitte, an denen es kaum Einkehr-Möglichkeiten gibt. Ich bin sicher, dass der Bedarf das Angebot dort übersteigt.

Wie steht es um die Übernachtungszahlen in Solingen?

Meis: Im Vergleich mit 2017 sind die Übernachtungszahlen im ersten Quartal dieses Jahres rückläufig.

Woran liegt das?

Meis: Das Vorjahr war ein sehr gutes Messejahr in der Umgebung, wovon auch Solingen profitiert hat. Das ist 2018 anders. Es gibt zwar Kurzurlauber – damit kriegt man die Hotels aber nicht voll.

Wodurch könnten die Übernachtungszahlen wieder steigen?

Meis: Die Touristiker hier in Solingen sind sehr fleißig. Die tollen Rad- oder Wanderrouten werden auch angenommen. Das könnte sich positiv auswirken.

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