Corona-Krise

Gastronomen hadern mit der Sperrstunde

Das Caféhaus Gräfrath um 23.01 Uhr: Joanna Wolfertz und Katja Wagner zeigen an: Nichts geht mehr am Ausschank.
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Das Kaffeehaus Gräfrath um 23.01 Uhr: Joanna Wolfertz und Katja Wagner zeigen an: Nichts geht mehr am Ausschank.

Kleinere Gruppen an Tischen und um 23 Uhr ist Schluss: So erlebten Gäste und Wirte das Wochenende.

  • Am Samstag wurde in der Solinger Gastronomie erstmals die Sperrstunde umgesetzt.
  • Wirte bemerken schwindende Gästezahlen.
  • Solinger Gastronomen hatten schon zuvor umfangreiche Hygienemaßnahmen getroffen.

Von Sylke Jacobs, Lara Klee, Anna Lauterjung, Jutta Schreiber-Lenz 

Solingen. Aufgrund der hohen Corona-Infektionszahlen müssen Solinger Kneipen und Restaurants derzeit um 23 Uhr schließen. Gäste und Wirte haben Verständnis für den Versuch, Menschen zu schützen und Infektionszahlen zu verringern. Die Sperrstunde und verschärfte Kontaktbeschränkungen werden aber nicht als geeignetes Mittel gesehen. Das ST hat sich am Samstagabend umgehört.

Birkenweiher, Mitte: Andrea Schmidt und Dirk Görgen waren extra früher gekommen. Die Stammgäste gaben freimütig zu, von der Sperrstunde nichts zu halten. „Wer danach noch feiern will, tut das privat – und dann unkontrolliert“, sagte Andrea Schmidt. Und Dirk Görgen ergänzte: „Wir machen das mit, um die gebeutelten Gastronomen zu unterstützen, die diese Auflagen umsetzen müssen. Also haben wir unseren Kneipen-Abend eben vorverlegt.“

22.45 Uhr im Birkenweiher in Mitte: Stammgast Dirk Görgen ist wegen der Sperrstunde extra früher gekommen als sonst.

Um 22 Uhr waren nur vier Tische belegt. „Extrem wenig, extrem frustrierend“, kommentierte Inhaberin Berita Schwarz. „Heute ist es wie abgeschnitten. Offenbar verunsichert nicht nur die Sperrstunde die Menschen, sondern auch die Tatsache, dass man sich nur noch maximal zu fünft treffen darf.“ Denn das gilt außerhalb von Familien und Personen zweier Hausstände. Bis zu den neuen Regeln hatte Schwarz gut zu tun. Ab 23 Uhr bis gegen 3 Uhr früh seien die „Absacker“ gekommen – die fehlen nun komplett. Eine Gefährdung durch Corona in ihrer Kneipe sieht sie nicht: „Regeln rund um Maske und Abstand sind bei Gästen und Personal in Fleisch und Blut übergegangen.“

Bezüglich der Sperrstunde hatte sie extra mit dem Ordnungsamt telefoniert. „Wir müssen nicht um 23 Uhr den Schlüssel hinter dem letzten Gast umdrehen, sondern dürfen in Ruhe jeden sein Bier austrinken lassen“, erklärte sie.

Al B’Andy, Wald: Auch hier hat sich die Zahl der Gäste noch einmal stark reduziert, erzählte Betreiber Till Droß. „Sonst sind donnerstags schon alle Tische für Samstagabend reserviert.“ Dieses Wochenende kam nur ein Drittel der Gäste eines normalen Abends. Er sieht den Grund bei den Kontaktbeschränkungen. „Schön ist anders“, sagt Droß. Er habe Verständnis dafür, dass die Stadt stärker durchgreifen muss. Viel Wirkung sehe er bei einer Sperrstunde allerdings nicht. „Hier wird streng aufgepasst, dass die Hygiene- und Abstandsregeln eingehalten werden“, betonte er. Werden die Gäste nun wegen der Sperrstunde um 23 Uhr vor die Tür gesetzt, verlagere sich die Party in private Haushalte.

Das Al B’Andy in Wald um 22.29 Uhr: Die Sperrstunde rückt näher. Denis Palenschat, Ingo Hübner und Birgit Friedrichs von den Paladins erhalten noch Getränke.

„Die Gäste werden durch weitere Einschränkungen verunsichert.“

André Hitzegrad, Hitze-Frei

Auf den Umsatz, der bereits angeschlagenen Branche, hat die Sperrstunde negativen Einfluss. Für das Al B’Andy gingen die umsatzstärksten Stunden erst nach 23 Uhr los, das Personal verdient nun weniger Trinkgeld. „Wir sind trotzdem froh, dass wir überhaupt arbeiten können“, betont Droß.

Die Gäste am Samstagabend ließen sich die Laune nicht verderben. Wie jede Woche saßen Heidi und Achim Benninghaus und Petra und Gerold Steffens bei einem Bier zusammen. „Wir fühlen uns hier sicher“, betonte Heidi Benninghaus.

Denis Palenschat und Ingo Hübner vom Vorstand der Solinger Paladins sehen die Sperrstunde kritisch. Palenschat: „Das ist nicht zielführend.“ Gefeiert wie in der Altstadt in Düsseldorf werde in Solingen nicht. Ingo Hübner ergänzt: „Um 23 Uhr sagt dann einer: Ich habe noch eine Kiste Bier zu Hause, kommt mit.“ Für Palenschat und Hübner ist es wichtig, das Al B’Andy auch in schwierigen Zeiten zu unterstützen. Als kurz vor 23 Uhr die Lichter im Biergarten erlöschen und kassiert wird, hat ein Großteil der Gäste das Al B’Andy bereits verlassen.

Hitze-Frei, Ohligs: Es ist lange nicht so voll wie früher, jeder Tisch ist isoliert durch Trennwände. Die Sperrstunde macht es der Gastronomie noch schwerer, zu überleben. André Hitzegrad, Inhaber des Lokals, versucht positiv zu bleiben: „Für ein reines Essenslokal kommt man klar. Aber die Gäste werden verunsichert

22.12 Uhr im Hitzefrei in Ohligs: Betreiber André Hitzegrad und Raik Wessiepe, Sohn eines guten Freundes des Besitzers, konnten am Samstagabend nur wenige Gäste begrüßen.

bei weiteren Einschränkungen.“ An die Corona-Maßnahmen hält er sich strikt, nicht nur wegen der strengen Kontrollen. Die erste Corona-Welle im Frühjahr wurde für den Umbau des Lokals genutzt. Die Stimmung unter den Mitarbeitern sei gut, aber natürlich leiden auch sie.

Junge Gäste sind am Wochenende kaum vertreten – es ist derzeit schwer, diese Zielgruppe anzulocken. Auch die Absage der Freitagspartys trage dazu bei. „Keiner hört sich vor 23 Uhr einen DJ an“, sagt Hitzegrad. Die übrigen Gäste sind froh, dass sie weiterhin in Ruhe zum Abendessen oder Bier trinken ins Hitze-Frei kommen können. Die Sperrstunde wird daran nichts ändern.

Kaffeehaus, Gräfrath: Im Kaffeehaus wirkte kurz vor der Sperrstunde alles wie immer. Kerzen flackerten, ein dezenter Essensduft stieg noch aus der Küche auf– Menschen aßen, tranken, lachten. Eine Gruppe junger Mädchen hatte es sich auf der Außenterrasse unter den Wärmestrahlern gemütlich gemacht. Ein Samstagabend mit Freunden. Und doch war alles anders.

Elena Kirschner, eines der fünf Mädchen, sieht die Sperrstunde positiv: „In Solingen ist Corona richtig schlimm, man hat Angst sich anzustecken“, sagt die 18-Jährige. Wenn der Abend um 23 Uhr ende, würde vielleicht weniger Alkohol getrunken und die Leute verhielten sich vernünftiger. „Wir wollten heute eigentlich nach dem Essen noch feiern gehen“, meinte Nelly Rennich. „Doch das fällt jetzt aus.“ In einem waren sich alle fünf Mädchen einig: Einen erneuten Lockdown wollen sie nicht. Die Zeit, in der sich Freunde nicht treffen konnten, sei hart gewesen.

Die Geschäftsführer des Kaffeehauses, Peter von der Heiden und Ehefrau Dorothee Banewitz, hatten im Frühjahr bereits eine Vielzahl von Schutzmaßnahmen getroffen. Auf einen Teil der Bestuhlung haben sie verzichtet und zwischen den Tischen Trennwände aufgebaut. Zudem sorgt eine Filteranlage für Luftzirkulation. Der Sperrstunde steht von der Heiden skeptisch gegenüber: Solange die Leute sitzen und mit Verstand trinken, sei die Infektionsgefahr gering. Die Gastronomie sei nicht der größte Faktor, eher private Feiern. Dort sei nachweislich die Ansteckungsquote am höchsten.

Viele der ohnehin wenigen Gäste seien verunsichert, kämen nur noch kurz zum Essen – die Verweildauer habe sich seit der Pandemie entschieden verändert. Die Ankündigung der Sperrstunde habe eine Vielzahl von Stornierungen bewirkt.

Weitere Infos

Aufgrund des hohen Inzidenzwerts gelten für die Klingenstadt besondere Regeln. Eine Übersicht finden Sie hier.

In unserem Live-Blog finden Sie die neuesten Informationen zu Entwicklungen rund um das Coronavirus in Solingen.

www.solinger-tageblatt.de/coronaregeln

Darüber hinaus gelten Bestimmungen, die NRW in der Corona-Schutzverordnung festlegt. 

Standpunkt: Im Zweifel fragen

Von Björn Boch

bjoern.boch@solinger-tageblatt.de

Es ist ein Dilemma: Der Aufforderung an alle Solinger, nicht zwingend notwendige Kontakte zu meiden, stehen die Existenzängste der Gastronomen gegenüber. Müssten Restaurants und Kneipen erneut komplett schließen, würden viele Betriebe das nicht überstehen. Doch schon jetzt sind die Gästezahlen sehr niedrig. Über Sinn und Unsinn der Sperrstunde kann man tatsächlich streiten, immerhin wurde vor der Änderung eher dort gezecht, wo es Regeln gibt, und nicht zu Hause. 

In Berlin ist die Sperrstunde bereits von einem Gericht kassiert worden – auch in Düsseldorf wollen Wirte klagen. Solange die neuen Regeln bestehen, sollten sich Gäste allerdings nicht verunsichern lassen. Nur außerhalb von Familien und bei mehr als zwei Haushalten gilt die Obergrenze von fünf Personen, und bis 23 Uhr läuft der Rest wie bislang auch. Wer also ins Restaurant oder die Kneipe möchte, kann das tun und die Gastronomen unterstützen. Zumal diese Orte kaum eine Rolle für die Infektionsausbreitung zu spielen scheinen. Und wer unsicher ist, möge einfach seinen Wirt anrufen. Über klärende Gespräche freut er sich sicher mehr als über Absagen.

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