Abschied vom Gasthaus Schaaf

Die Kneipe ist tot, lang lebe der Biergarten

Der Abschied von der „Kneipenfamilie“ im Gasthaus Schaaf fällt Wirt Philipp Müller schwer.
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Der Abschied von der „Kneipenfamilie“ im Gasthaus Schaaf fällt Wirt Philipp Müller schwer.

Nach 31 Jahren schließt das Gasthaus Schaaf – im Außenbereich sollen im Sommer Konzerte stattfinden.

Von Manuel Böhnke

Solingen. Als Philipp Müller im Februar 1992 mit seinem Bruder Felix das Gasthaus Schaaf übernahm, hat er sich eine Sache geschworen: Mit 60 Jahren möchte er das urige Lokal nicht mehr führen. „Da bin ich konsequent“, sagt der ST-Redakteur und Gastronom grinsend. Folgerichtig öffnete der Innenbereich Anfang Februar zum letzten Mal. Damit endeten beinahe 90 Jahre Kneipenkultur an der Ritterstraße – wenn auch nicht vollständig.

Ihren Namen verdankt die Gaststätte Philipp und Felix Müllers Großeltern. Grete und Fritz Schaaf eröffneten den Betrieb 1934, führten ihn bis 1967. In den folgenden Jahren versuchten sich unterschiedliche Pächter. Unter anderem schafften Kemal und Erika Marhez mit dem „Bierbrunnen“ einen beliebten Treffpunkt – nicht nur für die Südstadt, sondern ganz Solingen.

Im September 1991 zog sich das Ehepaar zurück. Der Grund: Die 1890 gebaute Immobilie musste umfassend saniert werden. Der Mietzins wäre in der Folge nicht mehr tragbar gewesen. Stattdessen entschieden sich Philipp und Felix Müller, in die Fußstapfen ihrer Großeltern zu treten.

Ein gutes Stück Idealismus war von Beginn an im Spiel. „Wir mussten viel Lehrgeld bezahlen. Wir haben die Kosten total unterschätzt“, erinnert sich Philipp Müller. Rasch habe sich gezeigt: Eine Gaststätte dieser Größe kann nicht zwei Haushalte ernähren. Deshalb legte Felix Müller, der inzwischen seit einigen Jahren hauptberuflich Taxi fährt, den Fokus auf den Familienbetrieb. Sein drei Jahre älterer Bruder Philipp arbeitete in unterschiedlichen Positionen für die B. Boll Mediengruppe.

„In viel Wein liegt noch mehr Wahrheit.“

Philipp Müller, Gastronom und Journalist

Das Erreichen seiner selbst gesetzten Altersgrenze sei der Hauptgrund für die Schließung, betont Philipp Müller. Und doch verhehlt der Solinger nicht, dass die Rahmenbedingungen kompliziert geworden sind. Das Gasthaus Schaaf stand seit jeher für Livemusik. Lange Zeit lagen die Betreiber mit 90 Prozent der Konzerte in der Gewinnzone. Doch bereits vor der Corona-Pandemie kippte der Trend.

Traten keine Lokalmatadoren, sondern unbekanntere Künstler aus der Umgebung auf, kamen zu wenige Gäste. Das war vor allem zu beobachten, wenn sie Eintritt zahlen mussten. Nur mit den Pro-Kopf-Umsätzen lohne sich das Geschäft weder für die Bands noch für die Gastronomen. „Wir erleben in der freien Musikszene einen alarmierenden Besucherschwund“, beschreibt Müller. Und auch der klassische Kneipengänger scheint einer bedrohten Art anzugehören. Zuletzt hatte das Gasthaus Schaaf neben den Konzertterminen nur noch montags regulär geöffnet.

Pandemie und Inflation verschärfen die Lage. „Jetzt ist der richtige Zeitpunkt zum Aufhören.“ Nicht nur Strom und Gas werden teurer, auch Lebensmittel. Allein das Plus bei Fassbier beziffert Müller auf 10 bis 15 Prozent. „Ich will nicht diskutieren müssen, warum wir die Preise anheben.“

Sein halbes Leben lang hat der 60-Jährige die Kneipe betrieben. Und doch verzichtete er auf eine große Party zum Abschied. Stattdessen standen am letzten Abend an der Ritterstraße Peter Gorny und Gregor „Grille“ Wehning auf der Bühne. Ein Kreis schloss sich: Das Duo spielte auch am Eröffnungstag vor ziemlich genau 31 Jahren. „Ein bisschen Nostalgie musste dann doch sein“, erklärt Philipp Müller.

Noch fühle sich das Aus ein wenig nach Urlaub an. Das liegt wohl auch daran, dass sich der Solinger für einen Abschied auf Raten entschieden hat. Kneipe und Partyservice schließen, doch die Konzession erlischt nicht. Derzeit arbeitet Müller an einer Lösung für den Gänseservice. Seit Jahren versorgt das Gasthaus Schaaf zwischen St. Martin und Weihnachten Hunderte Solinger mit der Spezialität.

Darüber hinaus plant der 60-Jährige, den gemütlichen Biergarten hinterm Haus umzubauen. Sieben, acht Auftritte sollen dort im Sommer pro Jahr zukünftig stattfinden. Zudem möchte er Bands seine Expertise als Konzertveranstalter, die er unter anderem als Mitorganisator in die Sommerparty „Echt.Scharf.Solingen“ einbringt, zur Verfügung stellen.

Trotz des stückweisen Abnabelungsprozesses fällt Philipp Müller das Aus schwer. Kneipengäste bilden eine Familie. Sie kennen die Probleme der anderen, geben aufeinander acht, schaut einer der ihren zu oft zu tief ins Glas. So hat es auch der Wirt in den vergangenen drei Jahrzehnten gehandhabt. Auf den ersten Blick erkenne er, wer viel und wer wenig Alkohol trinkt.

In vino veritas, heißt es. „Und in viel Wein liegt noch mehr Wahrheit“, sagt Philipp Müller. Oft hat der Gastronom mit Gästen diskutiert, die zu vorgerückter Stunde fragwürdige politische Einstellungen offenbarten, zugehört, wenn sie sich Ehekrisen oder Arbeitsfrust von der Seele reden mussten. Für viele sei die Kneipe in Situationen wie diesen ein wichtiger Anker. Beichtväter und Sozialarbeiter? Diese Aufgaben erfüllen Wirte bis heute. „Das“, bekennt Philipp Müller, „wird mir fehlen.“ Vielleicht findet er, wenn er den Abschied realisiert hat, am Tresen eines Kollegen ein offenes Ohr.

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