Ausstellung

Wie aus Gastarbeitern Solinger wurden

Filippo Bologna war 1962 seinem Vater als elfjähriger Junge mit der ganzen Familie in die Klingenstadt gefolgt Schon 1964 begann er Fotos zu machen und Filme zu drehen. Foto: Uli Preuss
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Filippo Bologna war 1962 seinem Vater als elfjähriger Junge mit der ganzen Familie in die Klingenstadt gefolgt. Schon 1964 begann er Fotos zu machen und Filme zu drehen.

Im Industriemuseum wurden Erinnerungen an die Zeit wach, als Arbeitskräfte aus Italien und Griechenland nach Deutschland kamen.

Von Karl-Rainer Broch

Das Thema „Zuwanderer in Solingen“ stand im Mittelpunkt des Kaffeenachmittags im LVR Industriemuseum. Solinger Bürger, um 1960 als Gastarbeiter nach Solingen gekommen und inzwischen längst zu unserer Stadt gehörend, erzählten von ihren Anfängen.

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Die wissenschaftliche Mitarbeiterin Nicole Scheda stellte Filippo Bologna aus Sizilien und Elena Kontogianni aus Nord-Griechenland vor. Besucherin Rosa Militells klinkte sich in die vielfältigen Erinnerungen an eine schwere Zeit ein: „Wir konnten alle kein Deutsch und verständigten uns nur mit Zeichensprache.“

Filippo Bologna war 1962 seinem Vater als elfjähriger Junge mit der ganzen Familie in die Klingenstadt gefolgt, die bei Olbo in Ohligs an der Maschine arbeitete. Er pendelte zwischen Italien, der Schweiz und Deutschland, machte auf Sizilien eine Ausbildung zum Elektroschweißer und Werkzeugmacher. Schon 1964 begann er Fotos zu machen und Filme zu drehen: „Von Normal 8 über Super 8 bis zum Videofilm.“ Er zeigte viele historische Familienfotos und hatte vor zehn Jahren auch einen Film über die italienischen Brüder Carmelo und Gaetano Stancanelli gedreht: „Die fingen mit nichts an, kauften sich Maschinen und stellten in ihrer Firma GS-Stahlwaren Scheren für den Friseurbereich her.“ Ein Beweis, wie aus Gastarbeiter Solinger Fabrikanten wurden, die mit „Made in Solingen“ vor allem in Amerika Kundschaft fanden.

Das Wirtschaftswunder Ende der 1950er Jahre verlangte nach zusätzlichen Arbeitskräften, die es auf dem deutschen Markt nicht gab. 1957 kam der erste Italiener nach Deutschland, und in der Folgezeit entwickelte sich der Stadtteil Ohligs zu „Little Italy“.

„Ich kann auch Solinger Platt.“
Elena Kontogianni

Filippo Bolgna analysierte: „30 bis 35 Prozent sind dabei in der Messer- und Scherenindustrie gelandet.“ Es kamen damals die Bewohner ganzer Dörfer nach Deutschland. Die Zuwanderer verloren nicht den Kontakt zu ihrer Heimat und besuchen auch heute immer wieder die Verwandten in der alten Heimat. Bei der jüngeren Generation gibt es allerdings Sprachprobleme: „Sie sprechen perfekt Deutsch, aber weniger ihre Muttersprache.“

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LVR INDUSTRIEMUSEUM

AUSSTELLUNG Bis zum 30. Juni 2019 läuft die Dauerausstellung „Tradition und Leidenschaft - Schneidwarenindustrie in Europa“.

LOOSEN MASCHINN Am Sonntag, 30. September, ist von 15 bis 17 Uhr die Ausstellung von Wolfgang Vomm „Vom Passanten zum Porträtierten“ geöffnet. Börsenstraße 87.

VERANSTALTUNGEN Regelmäßige Veranstaltungen finden im Waschhaus am Weegerhof statt. Außerdem „Kulinarische Geschichten“ und „Schmiedeworkshop“ in der Gesenkschmiede Hendrichs.

WEITERE INFORMATIONEN Mehr zum Museum gibt es online.

Elena Kontogianni kam 1963 aus dem nordgriechischen Xanti als Touristin nach Deutschland: „Ich habe sechs Monate nicht gesprochen, dann schenkte mir mein Onkel ein Lexikon und sagte, ich müsse Deutsch lernen.“ Das klappte gut. Sie spricht nicht nur perfekt Griechisch und Deutsch: „Ich kann auch Solinger Platt.“ Sie begann bei der Solinger Firma Berg (Gebr. Weyersberg) Hauer für Zuckerrohr herzustellen, ehe sie in die Reisebranche wechselte und 45 Jahre lang beim Reisebüro Dahmen Reisen aller Art verkaufte: „Das ging früher alles nur mit Handarbeit und nicht mit Computer.“

Rosa Militells kann sich noch an ihren ersten Tag in Deutschland erinnern: „Das war der 25. Februar 1962. Ich habe Rasierklingen verpackt, hier meinen Ehemann kennengelernt und ihn 1965 mit 18 Jahren geheiratet.“ Sie lernte so schnell die Sprache, dass sie immer wieder anderen Italienern in Kindergarten oder Schule als Übersetzerin zur Verfügung stand. Der Kontakt zur sizilianischen Heimat ist wichtig: „Ich telefoniere viel mit Verwandten und Freunden.“

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