Tierschutz-Hundeverordnung

„Gassi-Pflicht“ stellt Stadt Solingen vor ein Rätsel

Andrea Kleimt, Vorsitzende des Tierschutzvereins Bergisch Land, mit ihrem Hund Theo. Auch bei ihr stößt die Gassi-Pflicht auf Unverständnis. Foto: Christian Beier
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Andrea Kleimt, Vorsitzende des Tierschutzvereins Bergisch Land, mit ihrem Hund Theo. Auch bei ihr stößt die Gassi-Pflicht auf Unverständnis.

Laut Bundesministerin Julia Klöckner sollen Hunde jeden Tag eine Stunde raus – die Stadt müsste das kontrollieren.

Von Katharina Birkenbeul

Solingen. Die Bundesministerin für Ernährung, Landwirtschaft und Verbraucherschutz, Julia Klöckner, machte vor ein paar Wochen den Vorschlag, die Tierschutz-Hundeverordnung des Bundes zu erweitern. Darin soll dann aufgeführt werden, dass Tierbesitzer dazu verpflichtet sind, mindestens zweimal am Tag für insgesamt mindestens eine Stunde außerhalb eines Zwingers mit ihrem Vierbeiner spazieren zu gehen. Außerdem sollen in der Verordnung auch neue Regeln für Hundezüchter und Tiertransporte aufgeführt werden. Damit soll gewährleistet sein, dass Hunde ausreichend Auslauf und Betreuung erhalten. Aber die „Gassi-Pflicht“ stößt nicht nur bei der Stadt auf Unverständnis. Auch Hundebesitzer und Tierschutzverein sind zwiegespalten.

Denn: Wer kontrolliert das? Und wer ist dafür zuständig? „Gemäß der Zuständigkeitsverordnung Tierschutz Nordrhein-Westfalen sind die Kreisordnungsbehörden beziehungsweise die Ordnungsbehörden der kreisfreien Städte für den Vollzug der Regelungen der Tierschutz-Hundeverordnung zuständig“, erklärt Tanja Albrecht als Pressereferentin des Ministeriums für Umwelt, Landwirtschaft, Natur- und Verbraucherschutz des Landes Nordrhein-Westfalen auf Nachfrage der Redaktion. Und das gelte somit auch für den Vollzug etwaiger Anpassungen der Verordnung.

Bei der Stadt Solingen stößt die neue Regelung auf Unverständnis. Wie die Kontrollen der Gassi-Pflicht umgesetzt werden könnten, sei für die Verwaltung unvorstellbar, betont Stadt-Sprecherin Birgit Wenning.

Die Hundebesitzer selbst sind zwiegespalten. „Das ist viel zu schwierig nachzuhalten“, so die Besitzerin eines Schäferhundes, die namentlich nicht genannt werden möchte. Aber: „Wenn jemand einen Vorschlag macht, wie die Pflicht kontrolliert wird, bin ich dabei.“ Eine Stunde sei dabei nicht zu viel. Sie selbst gehe mit ihrem Hund meist zwei Stunden täglich vor die Tür.

„Es ist traurig, wenn wir so eine Pflicht überhaupt brauchen, weil dann der Verstand der Menschen nicht ausreicht.“ 

Andrea Kleimt, Vorsitzende des Tierschutzvereins Bergisch Land

Jedoch sieht sie einen anderen Kritikpunkt. „Jeder normale Hundebesitzer geht doch mit seinem Tier spazieren. Denn der Hund muss vor die Tür“. Das sieht auch Andrea Kleimt als Vorsitzende des Tierschutzvereins Bergisch Land so. „Es ist traurig, wenn wir so eine Pflicht überhaupt brauchen, weil dann der Verstand der Menschen nicht ausreicht“, sagt sie. „Aber es gibt leider vernachlässigte Hunde.“

Wer sich einen Hund anschaffe, müsse sich auch mehr als ausreichend um den Vierbeiner sorgen. Eine Stunde am Tag Gassi zu gehen, wäre meist noch zu wenig. Bei einer Pflicht sei aber auch zu berücksichtigen, dass nicht jeder Hund gleich ist. „Es gibt Hunde, die brauchen nicht so viel Auslauf. Es kommt doch immer auf die Rasse und das Alter des Tieres an“, erklärt Kleimt. Ihr Hund Theo gehöre schon zu der älteren Generation der Tiere, und besonders bei warmen Wetter sei er nicht bereit, soweit zu laufen. 

Gesetze für Hunde

Tierschutz-Hundeverordnung: Die Tierschutz-Hundeverordnung gilt in ganz Deutschland. Darin ist etwa festgehalten, wie ein Hund gehalten werden soll und wie eine Zucht möglich ist. Für die einzelnen Bundesländer gibt es zusätzliche Gesetze, die sich in einigen Punkten unterscheiden.

Hundegesetz für das Land Nordrhein-Westfalen: Das Hundegesetz für das Land NRW (LHundG NRW) gilt nur für das Bundesland. Dort ist beispielsweise geregelt, welcher Hund als gefährlich eingestuft wird. In NRW zählen dazu etwa der Bullterrier und der Pitbull Terrier.

Standpunkt: Unverständnis ist richtig

Von Katharina Birkenbeul

Gesetze werden immer wieder überarbeitet und erneuert. Manchmal sollte ein Vorschlag allerdings erst öffentlich gemacht werden, wenn er von vorne bis hinten durchdacht ist. Und das scheint die „Gassi-Pflicht“, wie sie die Bundesministerin Julia Klöckner einführen möchte, nicht zu sein.

katharina.birkenbeul@solinger-tageblatt.de

Die Frage, wer das wie kontrollieren soll, ist verständlich. Auch die Reaktion der Stadt, daraufhin mit Unverständnis zu reagieren, ist vollkommen gerechtfertigt. Außerdem sollte im Hinterkopf behalten werden, dass es schon ein Gesetz gibt, mit den Hunden vor die Tür zu gehen. 

Denn die allgemeine Anforderung an das Halten der Hunde besagt, dass den Vierbeinern genügend Auslauf gewährt werden sollte. Und da sind die Hundebesitzer selbst in der Pflicht, das auch passend für den eigenen Hund umzusetzen. Da ist die Stadt nicht für verantwortlich. Denn sich einen Hund anzuschaffen, sollte gut überlegt sein, der Besitzer muss sich um ihn sorgen. Ganz gleich, ob in einem Gesetz steht, dass man mindestens zweimal täglich insgesamt eine Stunde mit dem Hund raus muss oder nicht. 

Mit dem Hund Gassi gehen wird für Hundebesitzer bald zweimal täglich zur Pflicht. Auch Hundezüchter erwarten 2021 neue Vorgaben.

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