Programm für Jugendliche mit Einwanderungsgeschichte

Für Suria aus Afghanistan fängt in Solingen ein neues Leben an

Suria Sediqi aus Solingen nimmt am Programm für Jugendliche mit Einwanderungsgeschichte teil. Foto:
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Suria Sediqi aus Solingen nimmt am Programm für Jugendliche mit Einwanderungsgeschichte teil.

Junge Afghanin floh mit zehn Jahren aus ihrer Heimat – sie wurde in ein Stipendienprogramm aufgenommen.

Von Marei Vittinghoff

Solingen. Das erste Mal hat Suria Sediqi alles in ein kariertes Heft geschrieben. Auf Dari-Persisch. Da war sie gerade erst nach Deutschland gekommen, zehn Jahre alt, und sicher, dass sie festhalten wollte, was sie erlebt hatte, bevor die Eindrücke sich vermischen und die Erinnerung an ihre Flucht womöglich verfliegt. Wie sie sich mit ihrer Mutter, deren Cousin und ihren drei jüngeren Geschwistern von Afghanistan aus auf den Weg in das Ungewisse machen musste. In vollen Bussen, Taxen, Zügen, Schlauchbooten und immer wieder zu Fuß. Bis nach Solingen, wo sie zunächst noch nicht zur Schule gehen konnte und darum umso mehr schrieb. 80 Seiten lang. Über das Loslassen und das Ankommen. Bis es schließlich fertig war, ihr allererstes Buch. „Der Weg zu einem neuen Leben.“

Passiert ist seitdem viel. Suria Sediqi ist jetzt 15 Jahre alt und Zehntklässlerin an der Realschule Vogelsang. Sie möchte einmal Medizin studieren, sich der Organisation „Ärzte ohne Grenzen“ anschließen oder vielleicht selbst einmal einen gemeinnützigen Verein gründen. Ihr Buch hat sie ins Deutsche übersetzt und im Partisan Kunstverlag herausgebracht. Eine ehrenamtliche Helferin, die längst zur Freundin der Familie geworden ist, hat ihr dabei geholfen, die richtigen Worte zu finden. Und Suria Sediqi vor ein paar Monaten auch noch auf etwas anderes aufmerksam gemacht: Auf das dreijährige Stipendium der Start-Stiftung für herausragende Schülerinnen und Schüler mit Einwanderungsgeschichte. Erst sei sie nicht sicher gewesen, ob sie sich wirklich bewerben soll, sagt die 15-Jährige. „Weil ich eigentlich ein bisschen schüchtern bin.“ Getan hat sie es dann aber doch. Zum Glück.

Ein Nachmittag im Obergeschoss des Seminarhauses Gut Alte Heide in Wermelskirchen: Hier stehen Stehtische, Stühle und eine Leinwand bereit. Es ist die Aufnahmefeier der neuen Stipendiaten und Stipendiatinnen. 37 Jugendliche aus NRW wurden für die Förderung ausgewählt. Es ist ihr zweiter Tag in Wermelskirchen. Am Vortag ging es erst einmal um das Kennenlernen. Jetzt, vor einigen Tagen, folgte die offizielle Aufnahmefeier im Seminarhaus. Stefanie Kreyenhop, die Geschäftsführerin der Stiftung, ist gekommen, genauso wie Johanna Holst von der Hans Herrmann Voss-Stiftung oder Sabine Stahl von der Landesstelle Schulische Integration der Bezirksregierung Arnsberg.

Bildungsprogramm fördert Schüler aus ganz Deutschland

Es gibt Bilder und Videos von Veranstaltungen der vergangenen Jahrgänge zu sehen, marokkanische Lieder und Poetry-Slam-Beiträge zu erleben und jede Menge aufmunternde Sätze wie „Ihr seid die Zukunft und die Zukunft startet jetzt“ oder „Ihr seid tolle junge Menschen mit offenem Herzen, wachem Verstand und der Bereitschaft, die Dinge selbst in die Hand zu nehmen“ zu hören. Und mittendrin auf einem dieser Stühle sitzt Suria Sediqi, die wartet, bis sie aufgerufen wird. Und die – als es schließlich so weit ist – mit einem Lächeln im Gesicht nach vorne geht, ihre Urkunde abholt und von den anderen Jugendlichen im Raum gefeiert wird, als kannten sich alle schon seit Ewigkeiten. Von der Schüchternheit, die die 15-Jährige beinahe zurückgehalten hätte, ist nichts mehr zu sehen.

Das Bildungs- und Engagementprogramm der Start-Stiftung, in das Suria Sediqi jetzt in Wermelskirchen aufgenommen wurde, fördert Schülerinnen und Schüler aus ganz Deutschland, die mindestens 14 Jahre alt sind, die 8. Klasse beendet haben und noch drei Jahre Schule vor sich haben. Die Schulform und der angestrebte Abschluss spielen keine Rolle. Voraussetzung für eine Förderung sind jedoch das Bestehen eines zweistufigen Auswahlprozesses, der Wille, etwas in der Gesellschaft zu bewegen und eine eigene Einwanderungsgeschichte oder die eines Elternteils. In Nordrhein-Westfalen wird die Stiftung unterstützt durch das Ministerium für Schule und Bildung, das Integrationsministerium und etwa 30 weitere Partner, die das Stipendienprogramm mittragen.

Wer eine Förderung bekommt, den oder die erwartet bis zum Schulabschluss ein Programm aus Workshops, Akademien, Ausflügen und erlebnispädagogischen Angeboten. Am Ende des dreijährigen Stipendiums steht dann ein gemeinnütziges Projekt, das jede und jeder Jugendliche selbst umsetzt. Zusätzlich gibt es jährlich 1000 Euro Bildungsgeld.

Suria Sediqi möchte sich in Zukunft vor allem für Frauenrechte und gegen Diskriminierung einsetzen. Sie möchte etwas verändern, das steht für sie fest. Genau wie für die anderen Jugendlichen, die mit ihr gemeinsam in das Programm aufgenommen wurden. Wie die 14-jährige Beyza Pulcu zum Beispiel, die an der Bettine-von-Arnim-Gesamtschule in ihrer Heimatstadt Langenfeld das Fach „Vielfalt erleben“ eingeführt hat, in dem es etwa um Themen wie Islamfeindlichkeit gehen soll.

Die 15-jährige Eleni Melikidou aus Ratingen, die sich am Carl Friedrich von Weizsäcker-Gymnasium als Stufensprecherin und als stellvertretende Schülersprecherin engagiert und vor kurzem als Schauspielerin in der kanadisch-deutschen Koproduktion „Ist mein Mikro an?“ über die Folgen der Klimakrise in Düsseldorf zu sehen war.

Die 15-jährige Maedeh Chavoshpour, die an der Janusz-Korczak-Gesamtschule in Neuss ihre eigene Schach-AG gegründet hat und sich bei dem gemeinnützigen Verein „Chancenwerk“ engagiert.

Oder die 15-jährige Merve Demirtas aus Issum, die sich bei Protesten und in den sozialen Medien so oft wie es geht gegen Alltagsrassismus einsetzt. Sie alle werden sich nun in den kommenden drei Jahren immer wieder treffen. Und vielleicht ja gemeinsam in ein neues Leben starten.

Förderung

Stipendium: Aktuell befinden sich bundesweit 672 Jugendliche aus mehr als 50 Herkunftsnationen in der Förderung, 137 von ihnen kommen aus Nordrhein-Westfalen. Ziel der Stiftung ist es, Schülerinnen und Schülern mit Einwanderungsgeschichte durch Workshops, Akademien und weitere Angebote zu ermutigen, sich für die Gesellschaft einzusetzen.

www.start-stiftung.de

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