Keine Bewerber trotz mehrerer Ausschreibungen

Für Bestattungen fehlen in Solingen zwölf Sargträger

Josef Deutzmann (v. l.), Konstantino Alexeja, Detlef Schweizer, Peter Morawetz, Ingo Wittwer und Stefan Fritz gehören zur schwindenden Zunft der Sargträger. Foto: Christian Beier
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Josef Deutzmann (v. l.), Konstantino Alexeja, Detlef Schweizer, Peter Morawetz, Ingo Wittwer und Stefan Fritz gehören zur schwindenden Zunft der Sargträger.

Stadt Solingen setzt ab Mai auf die Beerdigungsunternehmen, selbst Personal zu besorgen.

Von Philipp Müller

Solingen. Es ist der große Moment des letzten Abschieds von einem geliebten, verstorbenen Menschen, Sargträger lassen den Sarg oder die Urne in die vorher dazu ausgehobene Grabstelle hinab. Ausgerechnet für diesen wichtigen Teil fehlt es in Solingen zunehmend an Personal. Rund ein Dutzend an geeigneten Kräften brauche es mehr, sind sich Bestatter Christian Gräf und Patricia Neubecker von der Friedhofsgärtnerei Dreier einig. Beide Firmen stellen Sargträger.

Der Mangel hat Konsequenzen. Denn ab Mai will die Stadt Solingen den Service nicht mehr anbieten, gegen Gebühr die Sargträger gesichert zu stellen. Dieser Passus soll aus der Friedhofsgebührensatzung gestrichen werden. Künftig sollen die Bestattungsunternehmen selbst für die Sargträger sorgen. Der Zentrale Betriebsausschuss soll es kommende Woche beschließen.

Dreimal habe die Stadt die Leistungen ausgeschrieben, beworben habe sich niemand. Das bestätigt Christian Gräf. Sein Unternehmen habe 30 Jahre lang das Personal auf den städtischen Friedhöfen gestellt. Doch hatte er früher 14 Männer im Einsatz, seien es jetzt nur noch neun. Damit könne er kein leistungsfähiges Angebot mehr machen.

„Eine Bestattung verlangt Würde und einen gewissen Chic.“

Patricia Neubecker zu den Anforderungen an Sargträger

Patricia Neubecker verfügt über zwölf Personen. Beide berichten, sie hätten viele Stellenanzeigen geschaltet. Es habe kaum Bewerbungen gegeben. Und nicht immer seien die Anwärter geeignet. So sagt Neubecker: „Eine Bestattung verlangt Würde und einen gewissen Chic.“ Pünktlichkeit und Sauberkeit seien da die wichtigsten Tugenden. Am Ende stehe ein guter Zuverdienst als Aushilfskraft. Reich wird man nicht. So berechnet die Stadt bisher 30 Euro pro Träger. Sechs sind es bei Sargbestattungen, zwei bei der Beisetzung einer Urne. Nur ein Teil der 30 Euro kommt bei den Trägern an. Meist sind es Rentner und Frührentner, die sich mit der Tätigkeit auf den Friedhöfen etwas dazu verdienen.

Gräf erläutert, wo es jetzt hakt, warum ein Dutzend an Kräften fehlt. Komme es auf den drei städtischen Friedhöfen jeweils zur gleichen Zeit zu Bestattungen von Särgen, dann seien schon 18 der 21 aktuell tätigen Sargträger im Einsatz. Da schaffe man dann parallel nur noch eine Urnenbestattung auf einem konfessionellen Friedhof. Und das System funktioniert nur, weil sich Gräf und Neubecker gegenseitig helfen. „Da gibt es ein gutes Miteinander“, sagt Gräf.

Auf den Einsatz des Personals der beiden Firmen setzen auch die konfessionellen Friedhofsträger. Andrea Honnef von der Kirchengemeinde St. Johannes der Täufer berichtet, für die katholischen Friedhöfe gebe es entsprechende Verträge. Susanne Dörken vom Evangelischen Kirchenkreis erklärt, auf dessen Friedhöfen müssten sich, so wie es die Stadt plant, seit einigen Jahren die Bestatter um die Träger kümmern.

Klaus Luchtenberg ist Bestatter und sieht Mehrarbeit auf seine Branche zukommen. „Wir können uns die Träger nicht aus den Rippen schneiden.“ Auch wenn die Stadt Solingen jetzt einen Schritt gehe, den andere Kommunen längst unternommen hatten, hätte er sich eine Lösung mit städtischen Trägern gewünscht. Christian Gräf berichtet dagegen, er habe mit dem städtischen Friedhofsverwalter Andreas Brüne dazu gute Gespräche geführt. Am Ende habe immer gestanden: „Wir brauchen mehr Personal.“

Bestattungen

Für Friedhöfe, egal ob kommunal oder konfessionell, gibt es Satzungen. Sie regeln, wie bestattet werden darf. Zudem werden für die Grabstellen und die Leistungen rund um Bestattungen Gebühren festgelegt. Die Satzungen regeln aber auch, wie die Grabpflege durchgeführt werden muss und welche Grabsteine erlaubt sind.

Standpunkt: Alles eine Frage der Pietät

Kommentar von Philipp Müller

philipp.mueller@solinger-tageblatt.de

Mit dem Wort Pietät bezeichnen wir ehrfürchtigen Respekt und auch taktvolle Rücksichtnahme. Beides ist gerade bei Bestattungen auf Friedhöfen gefordert. Diese Pietät wird auch von den Sargträgern gefordert. Davon gibt es in Solingen immer weniger. Zwei Firmen versorgen die Friedhöfe der Klingenstadt mit den Männern, die so würdevoll den Moment gestalten, in dem Sarg oder Urne ins Grab gelassen werden. Warum sich kaum Nachwuchs findet, das wissen die Firmeninhaber Patricia Neubecker und Christian Gräf auch nicht so genau. Sie vermuten, dass es in der heutigen Gesellschaft immer mehr Menschen daran fehle, sich der Pietät bei den Beerdigungszeremonien zu stellen. Aber genau das hat jetzt zur Konsequenz, dass die Zunft der Sargträger droht, in Kürze so stark zu schwinden, dass es immer schwieriger wird, freie Termine für Bestattungen zu koordinieren. Natürlich müssen sie nicht abgesagt werden. Aber die betroffenen Stellen brauchen auf Dauer Lösungen.

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