Fünf Kinder tot aufgefunden – Mutter unter Tatverdacht

Mitarbeiter der Kriminaltechnischen Untersuchung sicherten stundenlang Spuren in der Wohnung an der Hasselstraße. Fotos: Michael Schütz
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Mitarbeiter der Kriminaltechnischen Untersuchung sicherten stundenlang Spuren in der Wohnung an der Hasselstraße. Fotos: Michael Schütz

Familiendrama in der Hasseldelle: 27-Jährige warf sich in Düsseldorf vor einen Zug und überlebte schwer verletzt

Von Kristin Dowe

Eine unfassbare Familientragödie erschüttert Solingen, die in der Geschichte der Stadt noch lange nachhallen wird: Laut Polizeiangaben wurden in der Wohnung eines Mehrfamilienhauses an der Hasselstraße im Stadtteil Hasseldelle gestern fünf Kinder – drei Mädchen im Alter von 18 Monaten, zwei und drei Jahren sowie zwei Jungen im Alter von sechs und acht Jahren – tot aufgefunden. Die Polizei erreichte um 14 Uhr ein Notruf der Großmutter, die in Mönchengladbach wohnt und kurz zuvor mit ihrer Tochter in Kontakt stand.

Zu den Todesumständen der Kinder und der Auffindesituation ihrer Leichen macht die Polizei aktuell keine Angaben. Die 27-jährige Mutter, eine Deutsche, steht unter dringendem Tatverdacht, die Kinder getötet zu haben. Die junge Frau hatte sich nach der mutmaßlichen Tat am Düsseldorfer Hauptbahnhof vor einen Zug geworfen und überlebte den Suizidversuch schwer verletzt. Sie wird zurzeit in Düsseldorf im Krankenhaus behandelt und ist noch nicht vernehmungsfähig.

Der Vater der Kinder stammt laut ST-Informationen aus Haan und wurde unmittelbar nach der Tat von der Polizei und Seelsorgern aufgesucht, die 27-Jährige kommt gebürtig aus Mönchengladbach.

Glücklicherweise von der Tat verschont blieb das älteste Kind der Familie, ein elfjähriger Junge, mit dem sich die Mutter nach Angaben der Polizei nach der Tat zum Düsseldorfer Hauptbahnhof begeben haben soll. Von dort aus fuhr er alleine weiter zu seiner Großmutter nach Mönchengladbach. Unbestätigten Informationen zufolge musste das Kind die Tat nicht mitansehen. Der Junge befinde sich nun „im sicheren Umfeld der Familie“, versichert Polizeisprecher Stefan Weiand auf Nachfrage.

„Einen vergleichbaren Fall habe ich in Solingen noch nicht erlebt.“

Markus Röhrl, Polizeipräsident

Die Polizei war gestern den ganzen Tag mit einem Großaufgebot von rund 40 Kräften vor Ort. Die Kriminalpolizei hat die Ermittlungen übernommen und der Tatort wurde abgesperrt. Mitarbeiter der Kriminaltechnischen Untersuchung (KTU) nahmen den Tatort stundenlang in Augenschein und sicherten Spuren. Gleichzeitig tummelten sich zahlreiche Medienvertreter vor dem Haus im Stadtteil Hasseldelle, der zuweilen mit dem Ruf eines sozialen Brennpunkts zu kämpfen hat. Das Mehrfamilienhaus, in dem sich die Tat zugetragen hat, gehört zu den wenigen Hochhäusern in Solingen.

„So etwas ist auch für die Einsatzkräfte eine belastende Situation“, so Weiand. Eine Podiumsdiskussion der IHK mit den Solinger Oberbürgermeisterkandidaten wurde kurzfristig abgesagt. OB Tim Kurzbach (SPD) besuchte den Unglücksort, um sein Mitgefühl auszudrücken. „Ich bin heute hierher gekommen, weil diese Tat viele Solingerinnen und Solinger ins Herz getroffen hat – gerade wenn man wie ich selbst Vater ist“, sagte der OB, der von den Ereignissen sichtlich gezeichnet war und vor dem Haus eine Kerze aufstellte.

Ähnlich erschüttert zeigte sich Polizeipräsident Markus Röhrl, der ebenfalls zum Einsatzort gekommen war, um sich ein Bild von der Lage zu machen. „Einen vergleichbaren Fall habe ich abgesehen von dem Brandanschlag damals in Solingen auch noch nicht erlebt. Da hält einen natürlich nichts mehr im Büro – da möchte ich vor Ort sein, um mit den Kolleginnen und Kollegen darüber zu sprechen, was hier passiert ist.“

Die Polizei wird heute im Laufe des Tages eine Pressekonferenz zu dem Fall geben, denn gegenwärtig sind noch viele Fragen offen. Unklar ist etwa, ob die Frau polizeibekannt war und ob die Familie bereits unter Beobachtung des Jugendamtes stand. Eine Stellungnahme der Stadt liegt hierzu noch nicht vor.

| Standpunkt

Telefonseelsorge

Generell berichten wir nicht über Selbsttötungen oder Selbsttötungsversuche, damit solche Fälle mögliche Nachahmer nicht ermutigen. Eine Berichterstattung findet nur dann statt, wenn die Umstände eine besondere öffentliche Aufmerksamkeit erfahren. Wenn Sie oder eine Ihnen bekannte Person unter einer existenziellen Lebenskrise oder Depressionen leidet, kontaktieren Sie bitte die Telefonseelsorge.

Tel. (08 00) 1 11 01 11

Standpunkt

Von Björn Boch

Entsetzen, Fassungslosigkeit, Sprachlosigkeit: All das war zu spüren, als sich die schreckliche Nachricht des Todes von fünf Kindern in Solingen verbreitete. Nicht auszudenken, wie es Familienmitgliedern, Nachbarn, Freunden jetzt gehen muss – und was selbst hartgesottene Profis bei Polizei, Feuerwehr und Rettungsdiensten gestern ertragen mussten. Eine bleierne Schwere liegt über der Stadt. Welche Auswirkungen dieses tragische Ereignis haben wird, lässt sich noch nicht absehen. Aber es wird nachwirken, in der Stadt insgesamt, die nun international in den Schlagzeilen ist, aber auch in der Hasseldelle. Sie ist sicher nicht so schlecht wie ihr Ruf, steht nun aber erneut im Fokus – auch wenn sich der Verein „Wir in der Hasseldelle“ nachvollziehbarerweise etwas anderes wünschen würde. So kurz nach der Tat ist es zu früh für Schuldzuweisungen. Doch klar ist, dass aufgeklärt werden muss, ob und welche Lehren aus diesem schrecklichen Fall zu ziehen sind – und ob und wie die Tat zu verhindern gewesen wäre. Die Absage der Podiumsdiskussion mit den OB-Kandidaten und die Pause im Wahlkampf sind richtig, denn klar ist: Mit Wahlkampf verträgt sich die schreckliche Tat nicht. | Fünf Kinder . . .

bjoern.boch@ solinger-tageblatt.de

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