Corona-Pandemie

Führerschein: Prüflinge müssen in Solingen warten

Fahrlehrer Selman Berisha (l.) mit Fahrschüler Niklas Siefen: Aktuell müssen sich Fahrschüler auf deutlich längere Wartezeiten einstellen, wenn sie einen Termin für die theoretische oder praktische Prüfung haben möchten. Foto: Moritz Alex
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Fahrlehrer Selman Berisha (l.) mit Fahrschüler Niklas Siefen: Aktuell müssen sich Fahrschüler auf deutlich längere Wartezeiten einstellen, wenn sie einen Termin für die theoretische oder praktische Prüfung haben möchten.

Fahrschulen und Tüv beklagen lange Bearbeitungszeiten, die vor allem der Corona-Pandemie geschuldet sind.

Von Kristin Dowe

Solinger Fahrschüler, die aktuell die theoretische oder praktische Führerscheinprüfung ablegen möchten, müssen sich oft auf längere Wartezeiten für einen Prüfungstermin einstellen. Diese Entwicklung sieht auch Fahrlehrer Andreas von Kalben von der Academy Fahrschule Müller am Schlagbaum. „Durch die Corona-Pandemie haben sich die Abläufe einfach an allen Bearbeitungsstellen verlangsamt, so dass es mit der Terminvergabe entsprechend länger dauert. Hinzu kam der sechswöchige Lockdown, der sich noch immer auf den Zeitplan auswirkt.“

Schwierig sei dies sowohl für den Fahrlehrer, der den Termin sehr vorausschauend und mit ausreichender Vorlaufzeit organisieren müsse, als auch für den Prüfling, der bei größeren zeitlichen Abständen möglicherweise Prüfungsangst aufbauen könnte. „Wenn es bis zur Prüfung beispielsweise noch fünf Wochen dauert, habe ich auch fünf Wochen Zeit, um nervös zu werden“, so von Kalben. Wann dann der Termin vom Tüv zugewiesen werde, lasse sich schwer voraussagen. „Wir planen zurzeit die Fahrschüler auf Verdacht.“

Führerschein in Solingen: Tüv beklagt enorme Verwaltungsprobleme

Wer schnell seine theoretische Prüfung ablegen wolle, die dezentral über den Tüv abgewickelt wird, könne dies nicht immer in seiner Heimatstadt tun. „Da fahren die Solinger Prüflinge auch schon mal nach Aachen, wenn es schnell gehen soll“, so von Kalben.

Arne Böhne, Ansprechpartner für Führerscheine beim Tüv Rheinland, kann den Hintergrund der teils langen Bearbeitungszeiten näher erklären. So dauere es von der Anmeldung einer Fahrprüfung beim Tüv durch den Fahrlehrer normalerweise – so zumindest die Regel vor der Pandemie – etwa drei Wochen. „Das ist ein guter Zeitraum, um Touren zu disponieren und die Prüfungen zu planen. Mittlerweile liegen wir allerdings im Schnitt elf Tage darüber, so dass es ab der Anmeldung mehr als fünf Wochen dauert.“

Diese Verzögerung klingt für außenstehende Laien zwar womöglich nicht so dramatisch, sorgt beim Tüv intern aber für enorme Verwaltungsprobleme. „Wir arbeiten mit Hochdruck daran, diese Zeit wieder zu drücken“, betont Böhne. „Die wesentlichen Elemente des Führerscheinerwerbs vom Antrag bei der Fahrerlaubnisbehörde, über den Erste-Hilfe-Kurs, die Ausbildung bei der Fahrschule bis hin zu den über den Tüv organisierten Prüfungen in Theorie und Praxis griffen früher wie bei einer geölten Maschine ineinander. Durch Corona ist diese Maschine aber ins Stocken geraten.“

Führerschein in Solingen: Weiterer Lockdown wäre ein „Supergau“ für Fahrschulen

Ein Beispiel: Nachdem der Fahrerlaubnisanwärter seinen Führerschein beim Straßenverkehrsamt beantragt hat, schickt diese Behörde einen Prüfauftrag an den Tüv. Ab diesem Zeitpunkt hat der Kandidat normalerweise ein Jahr bis zum Termin der theoretischen und ein weiteres Jahr bis zur praktischen Prüfung Zeit. Diese Fristen sind verbindlich festgelegt. „Nun waren während der Corona-Pandemie die Fahrschulen aber teilweise wochenlang geschlossen, so dass die Fahrschüler in dieser Zeit nichts machen konnten. Deshalb hatte das NRW-Verkehrsministerium die Fristen insgesamt drei Mal pauschal um ein halbes Jahr verlängert“, erklärt Böhne. Dies sei zwar in der Ausnahmesituation ein nachvollziehbarer Schritt gewesen, habe aber zu erheblichen Verzögerungen im gesamten System geführt. „Deshalb häufen sich bei uns immer noch die Prüfaufträge.“

Ein weiterer Aspekt sei, dass die theoretische Prüfung aufgrund der Pandemie nur noch über eine verbindliche Terminvereinbarung organisiert werden könne, während dies früher in einem „Taubenschlag-Modell“ geschah. „Dann konnten die Prüflinge zum Beispiel im Zeitraum von 8 bis 14 Uhr am Prüfungstag reinkommen und jede volle Stunde wurde geprüft. Das war sehr effizient.“

Nun aber müsse aufgrund der Corona-Schutzbestimmungen jedem Prüfling ein fester Termin zugewiesen werden, was „den Durchfluss bei der Theorie verlangsamt“, so Böhne. Während sich die Situation gerade normalisiere, wäre ein weiterer Lockdown für die Fahrschulen ein „Supergau“, warnt er. Hinzu kommt der Umstand, dass die Prüfzeit für die praktische Prüfung seit dem 1. Januar von 45 auf 55 Minuten verlängert wurde, weshalb entsprechend mehr Prüfpersonal erforderlich sei. „Auf die gesetzliche Änderung waren wir zwar vorbereitet, aber Corona war natürlich nicht abzusehen.“

Schlussendlich belaste eine hohe Durchfallquote von 38 Prozent bei der theoretischen und 36,5 Prozent bei der praktischen Prüfung das System zusätzlich, da für gescheiterte Kandidaten neue Termine koordiniert werden müssten. Böhne: „Manche Leute bekommen nicht mal das Auto vom Hof gefahren.“

Bereits im vergangenen Jahr im Frühjahr hatte es bei der Führerscheinprüfung lange Wartezeiten gegeben. Der Grund auch damals: Die Pandemie.

Hintergrund

Fahrschulen: In Solingen gibt es nach Angaben des Tüv Rheinland 16 Fahrschulen. Derweil seien 66 Prüferinnen und Prüfer im Großraum des Bergischen Städtedreiecks aktiv, die in den Städten rotieren. Arne Böhne: „Wir setzen täglich zwei Prüfer in Solingen ein. Das genügt, um den Bedarf zu befriedigen.“

Antrag: Den Antrag für den Führerschein können Anwärter bei der Fahrerlaubnisbehörde im Bürgerbüro in Mitte (Mummstraße 1-3) stellen.

Standpunkt: Belastung für das System

kristin.dowe@solinger-tageblatt.de

Kommentar von Kristin Dowe

Wohl die meisten von uns erinnern sich noch an den Moment, in dem sie mit klammen Händen das erste Mal auf dem Fahrersitz des Autos den Gang eingelegt haben. Wer dann endlich bereit für die Prüfung ist, möchte dies in der Regel schnell hinter sich bringen. Mindestens ebenso sehr wie den Prüfling treffen die derzeit langen Bearbeitungszeiten die Akteure hinter den Kulissen – sprich, die Fahrlehrer, Prüfer und Beschäftigten des Straßenverkehrsamts, auf deren Schreibtischen sich die Vorgänge häufen. Die Verlängerung der Frist für die Prüfaufträge durch das NRW-Verkehrsministerium war rückblickend ein notwendiger Schritt. Wie vielerorts zu beobachten ist, zeigt das Beispiel aber auch, wie sehr eine veränderte Stellschraube das gesamte System belastet. Es bleibt zu hoffen, dass allen Beteiligten ein weiterer Lockdown erspart bleibt.

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