Mahnwache an der Weyerstraße

Frust bei Borbet-Mitarbeitern sitzt tief

Rund 100 bisherige Borbet-Beschäftigte versammelten sich gestern zur Mahnwache an der Weyerstraße.
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Rund 100 bisherige Borbet-Beschäftigte versammelten sich am Mittwoch zur Mahnwache an der Weyerstraße.

Rund 100 Beschäftigte des geschlossenen Werks kommen zu täglicher Mahnwache.

Von Manuel Böhnke

Solingen. Sie haben Redebedarf – und wollen gehört werden. Seit dem ersten Weihnachtsfeiertag versammeln sich täglich Beschäftigte des geschlossenen Borbet-Werks an der Weyerstraße. Am Anfang kamen drei zur Mahnwache, Dienstag knapp 40, am Mittwoch waren es rund 100. Die Anwesenden einen Wut und Unverständnis. Das Aus für den Standort sehen viele als abgekartetes Spiel, sie fühlen sich nach oft mehr als 20 Jahren im Betrieb um eine angemessene Abfindung betrogen. Nur eine Frage beantworten die meisten mit einem Schulterzucken: Wie es für sie weitergeht.

Wie berichtet, hat der Räderhersteller Ende November bekanntgegeben, sich zum Jahreswechsel aus Solingen zurückzuziehen. Damit verlieren etwa 600 Menschen ihre Beschäftigung. Vorangegangen war ein Schutzschirmverfahren. Borbet hatte das Verfahren in Eigenverwaltung Anfang Dezember 2021 eingeleitet. Doch der Restrukturierungs- und Investorenprozess verlief ohne Erfolg.

Der Betrieb ruht seit Mitte Dezember 2022. Bei einem stillen Ende möchten es Ali Cankaya und seine Mitstreiter nicht beruhen lassen. Der 47-Jährige gehört zu den Initiatoren der Mahnwachen. 1995 ist der Maschinen- und Anlagenbediener zu Borbet gekommen, zehn Jahre lang war er Teil des Betriebsrats, zwischen 2014 und 2018 als Vorsitzender. Er möchte auf die Folgen für die Belegschaft aufmerksam machen – und das aus seiner Sicht falsche Verhalten des Unternehmens.

Frust, Unverständnis und Wut sind bei fast allen vor Ort zu spüren. „Borbet hat uns die Zukunft geklaut“, ist auf einem Pappschild zu lesen, „Ich will meine Arbeit zurück“ auf einem anderen. „Das ist ein Scheißgefühl, wir wurden überrumpelt“, sagt Fatih Kocak. 2012 hat der Industriemechaniker in der Schmelzerei an der Weyerstraße angefangen, nun muss er sich nach einem neuen Job umschauen. In der derzeitigen Lage sei das ein großes Problem, sagt der 32-Jährige – und schimpft über die Politik. Sie sei verantwortlich für die wirtschaftlich angespannte Situation.

„Das ist ein Scheißgefühl.“

Fatih Kocak, Borbet-Mitarbeiter

Der Ärger hat sich bei der Borbet-Belegschaft aufgestaut. „Wir fühlen uns betrogen. Es wurde nicht gut mit dem Personal umgegangen“, platzt es aus Fatih Kocak heraus. Er erzählt von großen Aufträgen, für die das Werk 2022 den Zuschlag erhalten habe, viel Arbeit, neuem Material, das trotz nahender Werkschließung angeliefert worden sei, und dem aktuellen Betriebsrat, der sich nicht ausreichend für die Belegschaft eingesetzt habe. Die Umstehenden pflichten ihm bei.

Als Hauptschuldigen sehen sie jedoch die Borbet-Gruppe. Sie habe verlangt, gekürzte Zulagen zu akzeptieren, etwa auf Weihnachts- und Urlaubsgeld zu verzichten. 25 bis 30 Prozent weniger Lohn hätte das bedeutet. Das habe man nicht akzeptieren können. Nun fordert Fatih Kocak ordentliche Abfindungen mit ordentlichen Fristen. „Große Unternehmensgruppe, kleinlich zu den Mitarbeitern“, ist von einem Kollegen zu hören.

Der 32-jährige Kocak ist verheiratet, hat zwei Söhne, fünf und sieben Jahre alt. Viele der bisherigen Borbet-Mitarbeiter haben Familie. Einige von ihnen sind zur Mahnwache gekommen. Ein Junge trägt ein Pappschild: „Mein Papa soll nichts arbeitslos werden.“

Auch Kinder der Mitarbeiter waren vor Ort – und machten mit Schildern eindringlich auf die schwierige Situation aufmerksam.

Auch Ulas Alakus’ siebenjährige Tochter Arîn ist dabei, um ihren Vater zu unterstützen. Mehr als zehn Jahre lang war er für Borbet beschäftigt. Die Familie plagen Existenzängste, erzählt Ehefrau Nurcan Alakus. „Wir wissen noch nicht, wie es weitergeht.“ Sie arbeitet als Tagesmutter, doch das Gehalt genügt nicht, um die fürs Eigenheim aufgenommenen Verbindlichkeiten zu bedienen. Die Tochter spüre die Unsicherheit, fragt, ob sie die Schule wechseln muss, sollte ein Umzug nötig werden. Eine schwierige Situation, schildert Nurcan Alakus: „Wir zeigen ihr, dass wir alles geben, damit es nicht dazu kommt.“ Und wenn doch? „Dann ist das Wichtigste, dass wir gesund und zusammen sind.“

Schicksale wie diese möchte Ali Cankaya aufzeigen. Unterstützung erhält er dabei von der IG Metall Remscheid-Solingen. „Die Leute fühlen sich um ihren Job und ihre Abfindung gebracht“, betont deren Geschäftsführer Marko Röhrig. Viele von ihnen wollen ihm zufolge eine Kündigungsschutzklage einreichen. 231 haben laut Borbet-Angaben bislang den Wechsel in die Transfergesellschaft unterzeichnet. Der Rest wartet ab, möchte mit dem Schritt nicht seine Rechtsansprüche verlieren.

Das Jahr neigt sich dem Ende, das Borbet-Aus wird jedoch 2023 Thema bleiben. Die täglichen Mahnwachen sollen weitergehen, kündigt Ali Cankaya an. „Bis auf Weiteres, wir wollen alle 600 hier haben.“

Prämie

Vor Ende des Standorts wollte Borbet Umlaufbestände abbauen – 221 000 Räder. Dafür wurde der Belegschaft eine Prämie von 3,60 Euro pro Stück in Aussicht gestellt – pro Kopf bis zu 1400 Euro. Das Ziel sei zu mehr als 90 Prozent erreicht worden, teilt das Unternehmen mit. Die Auszahlung erfolge mit dem Dezember-Gehalt.

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