Früher war auch nicht mehr Lametta

Stefan Ziegenbalg ist verheiratet, Vater zweier erwachsener Kinder und seit 2014 Pfarrer der Evangelischen Kirchengemeinde Wald. Schwerpunkt seiner Tätigkeit ist die Arbeit an der Jugendkirche Mangenberg. Archivfoto: up/dt
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Stefan Ziegenbalg ist verheiratet, Vater zweier erwachsener Kinder und seit 2014 Pfarrer der Evangelischen Kirchengemeinde Wald. Schwerpunkt seiner Tätigkeit ist die Arbeit an der Jugendkirche Mangenberg. Archivfoto: up/dt

Theologen laden im ST zur Andacht ein – heute der evangelische Pfarrer Stefan Ziegenbalg

Liebe Leserin, lieber Leser,

wir warten – immer: „Wir warten auf den Anruf, auf die Nachricht, auf den Bus. Wir merken, wie die Zeit sich manchmal ausruhen muss. Wie Zeit sich nicht beeilen kann, sie geht ihren Gang.“ So beschreibt es ein Lied. Und dann fragt die Autorin Susanne Brandt: „Wir warten, wie lang?“

Warten ist nicht einfach. Die Adventszeit ist dafür jedes Jahr das beste Beispiel. Die Kinder, die aufs Christkind warten, zeigen uns das immer wieder. Und wir Erwachsenen sind da nicht viel anders. Das erkennen wir besonders in diesem Jahr, in dem wir neben all den Dingen, auf die wir normalerweise warten, auf etwas ganz Besonderes warten müssen: auf das Ende der Pandemie. Und das lässt noch auf sich warten! Das ganze Jahr hatten wir doch schon gewartet. Erst, dass die Impfstoffe fertig würden. Dann, dass sie endlich in genügender Anzahl da wären. Dann auf den Impftermin. Und dann auf das Ende des ganzen Schreckens, der Auseinandersetzungen und Verletzungen, die wir uns in unserer Angst und im Frust gegenseitig zugefügt haben. Sehnsüchtig blicken wir zurück und wollen, dass endlich alles wieder so wird wie vorher: normal, schön, selbstbestimmt.

Sehnsucht kann Großes bewirken, aber sie ist nicht unproblematisch. „Krankheit des schmerzlichen Verlangens“ nennt sie das Deutsche Wörterbuch. Gerne verklären wir damit die Vergangenheit und verdrängen, dass eben früher nicht alles besser war. Das gilt auch für die Zeit vor Corona: Auch damals war nicht mehr Lametta. Der Blick zurück hilft nicht wirklich. Es geht darum, nach vorne zu schauen – gerade dann, wenn es schwer ist und wir es gar nicht erwarten können, dass die Belastungen der Gegenwart aufhören. Das ist es, was wir im Advent erspüren könne. Wir schauen in winterlicher Dunkelheit auf Weihnachten. Auf den Tag, mit dem das Licht in die Dunkelheit kommt. Von da an wird es jeden Tag ein wenig heller. Die Tage werden länger.

Der Dichter Jochen Klepper hat das in seinem Weihnachtslied so formuliert: „Die Nacht ist vorgedrungen, der Tag ist nicht mehr fern!“ Und dann macht er auch denen, die in der Nacht noch geweint haben, Mut, Gott zu vertrauen. Denn Gott bringt auch in ihre Dunkelheit Licht: „Gott will im Dunkel wohnen und hat es doch erhellt.“ Hoffnung kann auch in schlimmen Situationen Kraft schenken. Hoffnung kommt von Hüpfen. Da stecken Kraft und Bewegung drin, ganz viel Freude und Power, denn Hoffnung blickt nach vorne. Im Advent blicken wir auch nach vorne. Wir sehen die Krippe, das Kind in Dreck und Armut als Hoffnungsträger. Kein Rundumsorglospaket, aber der Anfang eines neuen Weges, eines langen Weges. Doch dieser Weg führt heraus aus der Einsamkeit. Er sammelt die Verzweifelten und Hoffnungslosen, die Ausgestoßenen und Aussortierten. Und zusammen geht es raus aus dem Elend. Licht am Ende des Tunnels: Das ist es, was das Kind in der Dunkelheit symbolisiert. Noch ist es nicht so weit. Das Warten geht weiter, aber es ist ein anderes Warten. Ein Warten mit anderen zusammen, solidarisch, mit der Zuversicht, dass letztendlich das Licht über die Dunkelheit siegen wird.

In ihrem Lied beschreibt Susanne Brandt das so: „Wir warten dennoch weiter, auch wenn vieles offen bleibt. Wir spüren, wie sich Hoffnung an den Zweifeln zerreibt. Und unverhofft kommt in der Nacht ein Funke ins Spiel. Der ändert so viel. Das ändert so viel.“

Ich wünsche Ihnen eine erfüllte, adventliche Wartezeit! Ihr Stefan Ziegenbalg

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