Andacht im ST

Fronleichnam 2021 – ganz ohne Blasmusik

Simone Miklis ist seit etwa zwei Jahren in der Solinger Pfarrei St. Sebastian im Einsatz, zu der auch die katholische Kirche Liebfrauen in Aufderhöhe gehört. Fotos: Christian Beier/Simone Miklis
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Simone Miklis ist seit etwa zwei Jahren in der Solinger Pfarrei St. Sebastian im Einsatz, zu der auch die katholische Kirche Liebfrauen in Aufderhöhe gehört.

Theologen laden im ST zur Andacht ein – heute die katholische Pastoralreferentin Simone Miklis

Liebe Leserinnen und Leser,

ich denke, ich war damals etwa 15 oder 16 Jahre alt, als eines Montagmorgens ein Mitschüler auf mich zukam und sagte: „Ey, ich war echt sauer auf dich!“ Ich hatte keine Ahnung, was er meinte und schaute ihn verdutzt an. „Ich war so froh, dass ich am Wochenende ausschlafen konnte und dann wurde ich von Blasmusik geweckt!“, fuhr er fort. Beim Wort „Blasmusik“ verzog er missbilligend die Miene. Klar, wir waren Teenager. Ich hatte aber immer noch keine Ahnung, was ich denn mit dieser Blasmusik zu tun hatte. Als ich nichts dazu sagte, erzählte er weiter: „Ich war so wütend, dass ich aufgestanden bin, um aus dem Fenster zu sehen, warum vor meiner Haustüre Blasmusik läuft. Und wen habe ich gesehen? Dich. Verkleidet. Mit einer Glocke in der Hand. Mitten in einer Horde singender Leute.“ „Oh, okay. Das war Donnerstag. Da war Fronleichnam.“, sagte ich und wusste nicht, wo ich anfangen sollte, zu erklären, was ich da gemacht habe.

Um es kurz zu fassen: Ich war damals Messdienerin bei der Fronleichnamsprozession meiner Gemeinde. Diese Prozession gehörte für mich damals schon so fest zu diesem Feiertag dazu, dass ich sie gar nicht in Frage stellte.

Fronleichnamsfest kommt heute eher weltfremd daher

Aber die Kritik meines Klassenkameraden hat mich kalt erwischt. Es stimmte, von außen betrachtet, war das schon alles eine sehr skurrile Situation. Meine vermeintliche Verkleidung war mein Messdienergewand, in dem ich mich eigentlich immer sehr wohl fühlte. Aber damit durch die Straßen zu ziehen, war durchaus ungewöhnlich. Die Lieder aus dem Gotteslob waren bestimmt nicht für alle Menschen echte Hits und darüber hinaus ist die Frage der Darbietung natürlich Geschmackssache. Wenn diese Situation für mich völlig fremd gewesen wäre, hätte ich wahrscheinlich auch mit einem Kopfschütteln reagiert.

Und genau das finde ich wirklich schade. Gerade das Fronleichnamsfest, das unseren Glauben hinaus in die weite Welt tragen soll, kommt doch heutzutage eher weltfremd daher. Etabliert hat sich das Fest schon Mitte des 13. Jahrhunderts in Deutschland, um die Einsetzung der Eucharistie zu feiern. Wir Katholikinnen und Katholiken glauben daran, dass Christus im gewandelten Brot präsent ist. Das ist für uns ein Grund zu feiern. Wir tragen ihn in Form des heiligen Brotes durch unsere Straßen. Jeder soll sehen können, woran wir glauben, nämlich an die Nähe Gottes.

Gefeiert wird auch ohne Prozession

Aber diese Nähe spüren viele Menschen nicht und ich kann verstehen, dass wir es nicht schaffen, sie ihnen mit unseren Traditionen näherzubringen. Ich kann verstehen, wenn Blasmusik und alte Gebete einfach nicht (mehr) selbsterklärend sind und deshalb so wirken, als kämen sie aus einer Parallelwelt.

Aber auch über 20 Jahre nach diesem Gespräch mit meinem Klassenkameraden laufe ich noch bei genau diesen Fronleichnamsprozessionen mit und frage mich, wie man es verständlicher machen könnte. Hinter jedem Fenster, in dem sich eine Gardine zur Seite bewegt, vermute ich einen erstaunten Menschen, der sich wundert, was da gerade vor sich geht. Und ich würde ihm zumindest gerne erklären, warum ich mitlaufe. Nämlich weil mich die Botschaft bewegt, dass Gott uns nahe ist.

Dieses Jahr findet in Solingen keine Prozession statt. Gefeiert wird trotzdem! Mit der Heiligen Messe in unseren Kirchen oder auch Open Air. Um auch ohne Prozession die Nähe Gottes in unsere Straßen zu bringen, haben sich einige Gemeindemitglieder dazu bereiterklärt, einen geschmückten Altar vor ihren Haustüren aufzubauen. Diese kleinen Altäre können den ganzen Tag über besucht werden. Vielleicht sehen Sie den einen oder anderen und fragen sich, so wie damals mein Schulfreund, was das sein soll. Die Antwort lautet: Das ist Fronleichnam 2021. Dieses Jahr ganz anders. Ohne Blasmusik und ohne jemanden zu wecken. Ihre Simone Miklis

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