Die Frage nach dem Warum bleibt

Raphaela Demski-Galla, 34, ist seit 2019 Pfarrerin in der Evangelischen Kirchengemeinde Solingen-Dorp. Sie ist verheiratet und Mutter von zwei kleinen Mädchen. Archivfotos: Christian Beier/Raphaela Demski/Galla
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Raphaela Demski-Galla, 34, ist seit 2019 Pfarrerin in der Evangelischen Kirchengemeinde Solingen-Dorp. Sie ist verheiratet und Mutter von zwei kleinen Mädchen. Archivfotos: Christian Beier/Raphaela Demski/Galla

Theologen laden im ST zur Andacht ein – heute Pfarrerin Raphaela Demski-Galla

Liebe Leserinnen und Leser,

meine zweieinhalbjährige Tochter ist in der klassischen Warum-Phase. „Warum ist kein Sommer mehr?“ „Warum muss ich schlafen?“ Die erste Antwort stellt sie selten zufrieden, so dass sich eine ganze Warum-Kette anschließt. Und leider weiß ich nicht immer eine Antwort. Wider besseres Wissens breche ich dieses Frage-Antwort-Spiel gelegentlich ab, indem ich ihr erkläre, dass das eben so ist oder dass ich schlicht keine Ahnung habe.

Dabei erkenne ich stolz an, dass meine Tochter im Prinzip Ursachenforschung betreibt. Sie will diese Welt kennenlernen, Antworten für sich gewinnen. Sie ist neugierig auf den Zusammenhang von Ursache und Wirkung, beginnt für sich herauszufinden, was richtig und was falsch ist. Kinder sind Weltmeister in der Warum-Frage.

Doch irgendwann fangen sie an, aufzuhören, diese Fragen zu stellen. Vielleicht weil ihnen niemand mehr Antwort gibt oder weil sie gelernt haben, dass es vermeintlich besser ist, mit Wissen zu glänzen, anstatt zu hinterfragen.

Die Frage nach dem Warum bleibt jedoch ein Leben lang in uns. Warum sind wir? Wohin gehen wir? Warum ist diese Welt, wie sie ist? Es sind die tiefen Fragen unseres Lebens. Durch sie finden wir einen Zugang zu den Werten, die uns wichtig sind. Sie bilden den Boden, auf dem wir Leben gestalten.

Vielleicht lauten Ihre Warum-Fragen anders. Aber vielleicht gibt es sie ja. Vielleicht stellen Sie sie auch. Vielleicht gibt es aber auch keinen Ort, an dem Sie sie aussprechen könnten. Ich habe schon oft den Eindruck gehabt, dass wir so Vieles auf dieser Welt erklären können: naturwissenschaftliche Zusammenhänge, politische Entwicklungen, all das, was Wissenschaft und Forschung leisten können. Und ich bin dankbar für so viel Fortschritt und Aufklärung in unserem Land und in unserer Zeit.

Und doch bleiben die Dinge, die wir nicht erklären können. Es bleiben Situationen, in denen gängige Erklärungsmuster nicht greifen: am Anfang des Lebens oder wo Leben endet, in Freude und Dankbarkeit, im Zweifel und im Schmerz. Da kommt Glaube ins Spiel. Der Glaube an Gott lässt mich aushalten, nicht alles bis ins Detail erklären zu müssen. Voller Überzeugung kann ich von Gott singen: „Der Wolken, Luft und Winden gibt Wege, Lauf und Bahn“, wie es in einem alten Paul Gerhardt-Lied heißt. Weil es diese Welt in einen größeren Zusammenhang stellt, als die rein wissenschaftliche Erklärung es tun könnte.

Durch Lebensphasen getragen werden, die ohne Antwort bleiben

Der Glaube an Gott und sein Mit-dabei-sein in dieser Welt schenkt mir das Auge für das Wunderbare des Augenblicks. Gleichzeitig lässt er mich auf einen Gott hoffen, der sich meine Warum-Fragen gefallen lässt. In den seltensten Fällen, bekomme ich darauf eine klare Antwort. Aber im Gespräch mit Gott kann ich ganz ungeschützt damit rausrücken, kann ich bekennen, dass ich mehr brauche als Wissen. Werde ich getragen durch die Lebensphasen, die ohne Antwort bleiben.

Denn ein Wort steht immer, in den Wellness-Phasen meines Lebens sowie in den dunkleren: „Ich lasse dich nicht fallen und verlasse dich nicht.“ Ein altes Versprechen aus der Bibel, aus dem Buch Josua (1,5). Es lädt uns ein, offen und interessiert nachzufragen: ohne Angst, nicht genügend zu wissen, die Warum-Ketten aufrecht zu erhalten, nicht still zu werden.

In der Hoffnung, dass Gott diese Kette schließen wird. In der Hoffnung, dass er die Antwort auf mein „Warum?“ ist. Warum nicht?

Herzlich grüßt sie Pfarrerin Raphaela Demski-Galla

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