Montagsinterview

Solingen: Astrid Hofmann fordert mehr Chancengleichheit

Astrid Hofmann ist die neue Gleichstellungsbeauftragte der Stadt Solingen.
+
Astrid Hofmann ist die neue Gleichstellungsbeauftragte der Stadt Solingen.

Die städtische Gleichstellungsbeauftragte Astrid Hofmann möchte Frauen und Männern ihre Möglichkeiten zeigen.

Von Kristin Dowe

Frau Hofmann, vor dem Gesetz sind Frauen und Männer längst gleichberechtigt. Warum benötigt man im Jahr 2020 noch eine Gleichstellungsbeauftragte?

Astrid Hofmann: Ich möchte es mal so sagen: Wir brauchen diese Aufgabe nicht, wenn Frauen beispielsweise in technischen Berufen die gleichen Chancen haben, für ihre Arbeit generell den gleichen Lohn erhalten wie Männer, ähnlich häufig Führungspositionen besetzen wie Männer und im Alter gleich gut abgesichert sind, um nur einige Punkte zu nennen. Frauen in Westdeutschland erhalten im Schnitt 58 Prozent weniger Alterssicherung als Männer.

Welche Aufgaben haben Sie als Gleichstellungsbeauftragte?

Hofmann: Einerseits bin ich die Gleichstellungsbeauftragte für Bürgerinnen und Bürger. Hier gibt es viele Netzwerke, beispielsweise zum Thema häusliche Gewalt. Gleichzeitig bin ich intern für die Stadt Solingen als Arbeitgeberin mit rund 3000 Beschäftigten zuständig mit dem Ziel der Chancengleichheit von Frauen und Männern. So nehme ich an Vorstellungsgesprächen, sämtlichen Personalmaßnahmen und Vorstandssitzungen teil und bin in Lenkungsgruppen eingebunden. Außerdem berate ich Frauen und natürlich auch Männer bei Fragen zu ihrem beruflichen Weiterkommen.

Mit welchen Anliegen wenden sich Mitarbeiter an Sie?

Hofmann: Beispielsweise melden sich Frauen bei mir, wenn sie nach einer familiär bedingten Pause ihre Arbeitszeit wieder erhöhen oder ihre Arbeitsstruktur zugunsten der Familie verändern möchten. Oft wenden sie sich mit einem solchen Wunsch zuerst an ihre Abteilung, sind damit manchmal aber nicht auf Anhieb erfolgreich, obwohl vieles schon gut funktioniert. Dann vermittle ich zwischen den Beteiligten, um im Dialog eine Lösung zu finden. Für Frauen geht es auch nicht immer darum, mehr arbeiten zu wollen, sondern mehr arbeiten zu müssen, um die Familie zu finanzieren. Da geht es um die Existenzsicherung und auch um die Frage von Altersarmut.

Die Gleichstellungsbeauftragte ist auch eine Vertrauensperson, wenn es um sexuelle Belästigung geht. Sind Ihnen solche Fälle in Solingen schon begegnet?

Hofmann: Ja, das kommt vor. In der Vergangenheit haben sich Mitarbeiterinnen auch wegen mutmaßlicher Übergriffe, Belästigung und Stalking an die Gleichstellungsstelle gewandt und auch Männer haben sich wegen Stalking Hilfe bei uns gesucht. Wir bemühen uns dabei immer, die betroffenen Personen zu schützen und gleichzeitig die Unschuldsvermutung in Bezug auf die tatverdächtige Person zu wahren. Um beiden Seiten gerecht zu werden, haben wir innerhalb der Verwaltung ein sehr gutes Verfahren erarbeitet. Oberste Priorität hat hier natürlich die Vertraulichkeit.

Welche Erfolge kann die städtische Gleichstellungsstelle bislang vorweisen?

Hofmann: Da gibt es schon einige positive Veränderungen, die ich mit meiner neuen Kollegin Sandra Ernst weiterentwickeln möchte. Beispielsweise ist es uns gelungen, mehr Führungspositionen mit Frauen zu besetzen. Die aktuelle Zahl liegt mir noch nicht vor, aber 2019 lag der Frauenanteil in Führungspositionen bei der Stadt immerhin bei 33 Prozent und hat sich damit zu 2014 verdoppelt. Ein anderer Erfolg ist, dass wir Arbeitsverträge von ja zumeist weiblichen Reinigungskräften entfristen konnten, was für deren Existenzsicherung eine wichtige Rolle spielt.

Welche Hindernisse sehen Sie bei der Karriereplanung von Frauen in der Verwaltung und in der Privatwirtschaft?

Hofmann: Frauen haben zwar oft sehr gute Qualifikationen und oftmals auch bessere Schulabschlüsse als Männer vorzuweisen, aber es ist für sie nach wie vor schwierig, Familie und Beruf miteinander zu vereinbaren. Das gilt besonders für Frauen in Pflegeberufen, die im Schichtbetrieb arbeiten. Gerade in der Corona-Krise hat sich gezeigt, wie wichtig diese Care-Berufe sind, die neben mehr gesellschaftlicher Anerkennung dringend eine finanzielle Aufwertung verdient hätten. Es ist auch nicht überall ohne weiteres möglich, in Teilzeit zu arbeiten, was in der Verwaltung vergleichsweise gut funktioniert. Wenn Frauen nach ein paar Jahren der Familienpause wieder in den Beruf einsteigen – und eine längere Erziehungszeit ist ja auch eher selten geworden – ist das in der Privatwirtschaft häufig eine große Herausforderung. Nicht selten arbeiten sie dann in sogenannten 450 Euro-Jobs.

Sehen Sie auch Männer in der Verantwortung, sich stärker an der Erziehungsarbeit zu beteiligen?

Hofmann: Grundsätzlich ja. Familienarbeit lässt sich partnerschaftlich organisieren. Zwar gehen mittlerweile durchaus auch Männer in Elternzeit, über die üblichen zwei Monate geht der Zeitraum aber selten hinaus. Es sind häufiger Frauen, die ihre Arbeitszeit zugunsten der Familie reduzieren.

Am 13. September wird in Solingen gewählt – allerdings sind Frauen auch in der Kommunalpolitik eher unterrepräsentiert. Warum?

Hofmann: Ich glaube, dass es auch dort strukturelle Hindernisse und allen voran ein Zeitproblem für Frauen gibt, die sich auf vielfältigen Ebenen engagieren – sei es in einem Ehrenamt, in Beruf und Familie oder in der Pflege von Angehörigen. Eine interessante Diskussion, die wir bei dem „Politischen Aschermittwoch der Frauen“ im Februar geführt haben, hat gezeigt, dass vielfältige Gründe für diese Situation eine Rolle spielen. Paritätsgesetze, Mentoring-Programme und eine bessere Vernetzung von Frauen untereinander könnten Lösungsansätze bieten.

Was möchten Sie mit Ihrer Arbeit erreichen?

Hofmann: Um nicht missverstanden zu werden: Ich möchte weder Frauen noch Männer dazu nötigen, Karriere zu machen und einen Weg einzuschlagen, den sie für sich selbst nicht möchten. Ich möchte Menschen Möglichkeiten für die Verwirklichung ihrer Ziele zeigen. Chancengleichheit muss selbstverständlich werden.

Zur Person

Astrid Hofmann (45) ist ausgebildete Diplom-Verwaltungsbetriebswirtin, verheiratet und Mutter von zwei Kindern. Sie übernahm kürzlich das Amt der bisherigen Gleichstellungsbeauftragten der Stadt, Gisela Köller-Lesweng. Hofmann ist bereits seit sieben Jahren in der Gleichstellungsstelle tätig.

Das könnte Sie auch interessieren

Meistgelesen

Inzidenz über 50: Diese Corona-Regeln gelten in Solingen ab Montag
Inzidenz über 50: Diese Corona-Regeln gelten in Solingen ab Montag
Inzidenz über 50: Diese Corona-Regeln gelten in Solingen ab Montag
Ab heute gelten die neuen Corona-Regeln, weitere ab Sonntag und Montag
Ab heute gelten die neuen Corona-Regeln, weitere ab Sonntag und Montag
Ab heute gelten die neuen Corona-Regeln, weitere ab Sonntag und Montag
Corona: Inzidenzstufe 3 ab Montag - Weiter höchster Wert im Bund
Corona: Inzidenzstufe 3 ab Montag - Weiter höchster Wert im Bund
Corona: Inzidenzstufe 3 ab Montag - Weiter höchster Wert im Bund
Heinz Schwandt feiert heute seinen 106. Geburtstag
Heinz Schwandt feiert heute seinen 106. Geburtstag
Heinz Schwandt feiert heute seinen 106. Geburtstag

Unsere News per Mail

Nach der Registrierung erhalten Sie eine E-Mail mit einem Bestätigungslink. Erst mit Anklicken dieses Links ist die Anmeldung abgeschlossen. Ihre Einwilligung zum Erhalt des Newsletters können Sie jederzeit über einen Link am Ende jeder E-Mail widerrufen.

Die mit Stern (*) markierten Felder sind Pflichtfelder.

Kommentare