Mein Blick auf die Woche in Solingen

Flut, Corona, Klimakrise, Ukraine - immer wieder kommt es auf jeden Einzelnen an

stefan.kob@solinger-tageblatt.de
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Die Kirche steckt in einer Krise. Immer mehr Menschen wenden ihr den Rücken zu. Es bleibt die bange Frage, welche moralische Instanz noch den Kitt liefert, um unsere immer brüchiger werdende Gesellschaft zusammenzuhalten. Denn wer kann die klaffende Lücke schließen? Das fragt Chefredakteur Stefan M. Kob im Wochenkommentar.

Dass sich viele Menschen derzeit von der katholischen Kirche abwenden, kann kaum überraschen. Die Missbrauchsskandale, aber auch die Kultur der systematischen Vertuschung der Verantwortlichkeiten, erschüttern das Vertrauen in die Institution. Der Vorsitzende des Kölner Diözesanrates, Solingens Oberbürgermeister Tim Kurzbach, spricht ob der scheinbar folgenlosen Auszeit-Rückkehr von Kardinal Woelki von einer drohenden Kernschmelze des Erzbistums, wenn das kaputte Machtsystem so weiter gestützt werde.

Doch wer nun meint, die von diesen Skandalen weitaus weniger betroffene evangelische Kirche bliebe vom Exodus der Gläubigen verschont oder könnte vielleicht sogar verstörten Katholiken eine neue theologische Heimat bieten, der täuscht sich. Jahr für Jahr häufen sich auch die Kirchenaustritte beim evangelischen Kirchenkreis Solingen - 358 erklärten im vergangenen Jahr ihre Abkehr. Auch wenn die Größenordnung im üblichen Rahmen liegt und die Zahl der Gemeindeglieder durch Todesfälle noch weit stärker sinkt, so muss uns die erodierende Basis doch Anlass zur Sorge geben.

Nicht, weil der Untergang des Abendlandes nun unmittelbar bevor stünde. Aber es bleibt die bange Frage, welche moralische Instanz noch den Kitt liefert, um unsere immer brüchiger werdende Gesellschaft zusammenzuhalten. Denn wer kann die klaffende Lücke schließen? Die Politik steht als System, in dem Streit immanent angelegt ist, nicht zur Verfügung. Die Legitimität unseres demokratischen Staates wird immer stärker bewusst unterhöhlt, Wissenschaft und Medien werden gezielt diskreditiert, wenn sie Ergebnisse präsentieren, die einigen nicht in ihr krudes Weltbild passen. Dabei sind christliche Werte wie Barmherzigkeit, Mitmenschlichkeit, Hilfsbereitschaft in den heutigen dunklen Tagen wichtiger denn je. Wo bleibt noch der moralische Halt in einer Zeit, in der alle Fundamente ins Wanken geraten und unsere wirtschaftliche Zukunft nur noch gegen Rubel erhältlich ist? 

Doch erneut zeigt sich, dass gerade in den dunkelsten Stunden die kleinen Lichter besonders hell scheinen. Das war schon bei der Flutkatastrophe so, als eine müde und zerrissene Zivilgesellschaft plötzlich zusammenrückte und zu ungeahnter Hilfe fähig war. Das ist jetzt wieder zu spüren, wenn massenhaft ukrainische Flüchtlinge aus dem Kriegsgebiet bei uns mit offenen Armen empfangen werden. Ein Satz wie “Wir schaffen das” würde heute auf einen anderen Resonanzboden fallen, als das noch auf dem Höhepunkt der Flüchtlingskrise 2015 der Fall war. Und weil die staatlichen Institutionen wiederum nicht vorbereitet waren und sich im Wirrwarr der föderalen Zuständigkeiten verstricken, sind es wieder die Bürger vor Ort, die in die Bresche springen und den Job übernehmen. Ob es um Geld- oder Sachspenden geht, Wohnraum für Geflüchtete oder Angebote in Schulen und Vereinen: Die Solinger stehen bereit.

Und Beispiele, wie das der Firma Iventum, werden sicher bald weiter Schule machen. Firmenchef Tim Buhl bot einer geflüchteten Familie nicht nur ein Dach über dem Kopf, sondern gleich auch Arbeit an - die diese freudig annahmen, weil jede Beschäftigung besser ist als tatenlos in schweren Gedanken an die zunächst verlorene Heimat zu versinken.

Was lernen wir? Es gibt nicht den Staat oder die Stadt. Es kommt auf jeden einzelnen an. Auch bei einem anderen Thema, das - Corona und Krieg zum Trotz - für unsere Zukunft entscheidend sein wird: das Klima. Selbst wenn aus Sicht der Aktivisten immer noch viel zu wenig passiert: Es sind viele beispielhafte Aktionen, die auf das richtige Konto einzahlen. Und was jeder tun kann, um seinen ökologischen Fußabdruck zu verkleinern, darüber haben unsere Nachwuchs-Journalistinnen in einer umfassenden Serie zum Thema Nachhaltigkeit berichtet. Ein halbes Jahr lang haben die drei Autorinnen recherchiert, interviewt, geplant und geschrieben. Herausgekommen ist eine 35-teilige Serie über das Thema Nachhaltigkeit im Bergischen Land, über Ernährung, Mobilität und Konsum, die auch außerhalb Solingens für Beachtung gesorgt hat.

Die intensive Beschäftigung mit dem Thema hat mindestens drei Menschen zum Umdenken gebracht: die drei Autorinnen selbst. Denn je tiefer man sich mit den Zusammenhängen unseres Lebensstils und den Folgen für den globalen Klimawandel beschäftigt, desto deutlicher wird, dass es eben auf jeden von uns ankommt, der seinen - größeren oder kleineren - Beitrag leisten kann.

Weitere Themen dieser Woche:

Für jeden Bürger einen Baum: Stadt pflanzt 160.000 Bäume für die Wiederaufforstung - auch ein wichtiger Schritt gegen den Klimawandel.

Der Krieg in der Ukraine kommt auch in Form von zunehmenden Cyberattacken bei uns an: Was kann man tun, um sich vor schädlicher Software zu schützen?

Was hat Corona mit jungen Solingerinnen und Solingern gemacht? Eine Umfrage der Stadt kommt zu bedrückenden Ergebnissen.

Auch wenn die Intensivstationen nicht überfüllt sind, sorgt Corona doch für massive Belastung bei den Solinger Kliniken

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