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Neumann Metallwarenfabrik: Firmengeschichte endet nach 98 Jahren

Die Geschwister Helga Pollender (v. l.), Mechthild Neumann, Detlef Neumann, Dagmar Zimmermann und Raimund Neumann (kleines Foto) kümmern sich gemeinsam um die Abwicklung des Traditionsbetriebs.
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Die Geschwister Helga Pollender (v. l.), Mechthild Neumann, Detlef Neumann, Dagmar Zimmermann und Raimund Neumann (nicht auf diesem Foto) kümmern sich gemeinsam um die Abwicklung des Traditionsbetriebs.

Produkte der Neumann Metallwarenfabrik waren gefragt.

Von Manuel Böhnke

Solingen. Helga Pollender kann sich noch gut erinnern. „Früher gab es kaum ein Café in Köln, das unsere Sachen nicht hatte.“ In den 1960er und 1970er Jahren setzten rund 70 Prozent der italienischen Eiscafés auf Alpaka versilberte Eisbecher und -löffel der Neumann Metallwarenfabrik, ergänzt ihr Bruder Detlef Neumann. Viele dieser Betriebe existieren heute nicht mehr. Und auch die Geschichte des Solinger Traditionsunternehmens endet dieser Tage – nach 98 Jahren.

Fünf Geschwister kümmern sich derzeit um die Abwicklung der Firma, die ihr Vater Fritz 1924 in der Klingenstadt gegründet hat. Die Brüder Raimund und Detlef Neumann führen das Unternehmen seit 1987. Unterstützung erhielten sie in den vergangenen Jahrzehnten bei Bedarf von den Schwestern Helga Pollender, Dagmar Zimmermann und Mechthild Neumann.

„Das Ende der Firma fällt uns schwer. Es war ein Abenteuer, und wir hatten immer viel Spaß“, verhehlt Detlef Neumann seine Wehmut nicht. Es gebe jedoch keine Alternative dazu, den Betrieb stillzulegen. Er ist 74 Jahre alt, der ältere Bruder Raimund 83. Seit 2016 habe man sich um einen Nachfolger bemüht – ohne Erfolg.

Zuckerschalen, Sahnekännchen und Co. aus Neusilber sind nicht mehr gefragt - Das ist der Grund

Das hängt wohl auch mit einer veränderten Nachfrage zusammen. Oder wie es Detlef Neumann ausdrückt: „Wir haben das Unternehmen an die Mode verloren.“ Der Trend zu Glas habe das Geschäft für den Familienbetrieb erheblich erschwert. Denn seit 1924 ist die Firma auf Metallwaren spezialisiert. Gründer Fritz Neumann vertrieb in den Anfangsjahren zunächst Bestecke und Tafelgeräte anderer Hersteller. Um 1930 entschloss er sich, eine Fertigung nach seinen Vorstellungen aufzuziehen.

An der Flensburger Straße entstanden an der Handpresse Zuckerschalen und Sahnekännchen aus Neusilber, verarbeitet in der eigenen Galvanik. Im Laufe der Jahre wurde die Produktpalette sukzessive erweitert, unter anderem um Tabletts, Bestecke und Eisbecher. Fritz Neumanns Besteckmodell 5400 im Bauhaus-Stil fand Eingang ins Werk „Europäisches Besteck-Design 1948-2000“ des Sammlers und Designers Wolfgang-Otto Bauer.

Vor allem versilberte Eisbecher waren für die Neumann Metallwarenfabrik eine wichtige Einnahmequelle. Später wurden die Variationen aus Edelstahl gefertigt. Die Zielgruppe bot weitere Möglichkeiten. „Die Bedürfnisse der Eismacher für ihre Cafés wurden umgesetzt. Eishörnchen-ständer, Übergabeständer in verschiedenen Größen und Ausführungen kamen hinzu“, erinnert sich Detlef Neumann.

Als das Geschäft wegen der wachsenden Beliebtheit von Glasgefäßen ins Stocken geriet, erschlossen die Verantwortlichen einen neuen Markt: Werbemittel. Neumann bot Tabletts mit Gravuren an, die unter anderem bei Kommunen als Gastgeschenke beliebt waren. In den 2000er Jahren kamen weitere Produkte aus Edelstahl hinzu, etwa Zettelboxen und Jahreskalender.

Ein Bleistift und ein Zettel machten Ideen lebendig

Fast alle Neuentwicklungen sind an der Freiligrathstraße entstanden, wo das Unternehmen seit 1954 produziert. Für viele Ideen war Detlef Neumann verantwortlich. „Einen Bleistift und einen Zettel – mehr brauchte ich für die Konstruktion nicht“, sagt der 74-jährige Tüftler. Auch im Ruhestand möchte er Produkte entwerfen. Zuletzt habe er ein Patent für einen Universalhaken angemeldet, den die Nutzer ihren Ansprüchen nach zurechtbiegen können. „Ich hänge noch sehr an der Arbeit.“

Die Werkzeuge für die Produktion fertigte Raimund Neumann größtenteils selbst. Dass zuletzt rund 20 Tonnen davon verschrottet werden mussten, ist für die Brüder „der größte Schmerz“. Die Hallen sind inzwischen weitestgehend leer. Die Angestellten haben den Betrieb bereits Ende 2021 verlassen. Zwei waren es zuletzt, in Hochzeiten beinahe 30.

Raimund Neumann

Manche Produkte der Neumann Metallwarenfabrik werden das Unternehmen überleben. So fertigt zukünftig die Eutiner Firma Stöckel Söhne unter anderem einige Eisbecher und Tabletts. Ein Anbieter aus Gloon in Bayern übernimmt einen Eisportionierer, die Solinger Evertz Werkzeugbau GmbH Zettelboxen. Helga Pollender berichtet, dass man Neumann-Bestecke ans Klingenmuseum übergeben habe. Das Stadtarchiv soll historische Dokumente erhalten.

So bleibt der Name in der Welt. Auch in vielen Eiscafés dürften noch lange Produkte der Solinger zu finden sein – ein Metallbecher aus Edelstahl halte ein Leben lang, betont Detlef Neumann. Es sei schade, dass die Firmenhistorie in dieser Zeit endet. Denn: „Das ist nachhaltig in jeder Beziehung.“ Oder wie es Fritz Neumann 1955 ausdrückte: „Eine gute Ware kann nie im Einkauf billig sein. Eine gute Ware ist erst billig im Gebrauch, und erst nach fünf oder zehn Jahren wird man beurteilen können, ob man zu niedrigen Preisen teuer oder zu höheren Preisen wohlfeil eingekauft hat.“

Geschichte

Der 1900 in Hanau geborene Fritz Neumann hat die nach ihm benannte Metallwarenfabrik 1924 gegründet. Zunächst hatte der Betrieb seinen Sitz an der Flensburger Straße, 1954 erfolgte der Umzug der Produktion an die Freiligrathstraße. Fritz Neumann starb 1987. Seine fünf Kinder gründeten eine GmbH, um den Betrieb in seinem Sinne weiterzuführen. 2006 wandelte Raimund Neumann das Unternehmen nach Absprache mit seinen Geschwistern wieder in eine Einzelfirma um. Der 83-Jährige ist bis heute Inhaber des Traditionsbetriebs.

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