Tierschutz

Feuerwehr rettet in Solingen eingeschlossene Tauben

Die Jungtauben konnten wohlbehalten aus ihrem Gefängnis unter der Unterführung an der Höhscheider Straße gerettet werden. Sie werden jetzt in einer Auffangstation in Wuppertal aufgepäppelt. Foto: Natalie van der List
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Die Jungtauben konnten wohlbehalten aus ihrem Gefängnis unter der Unterführung an der Höhscheider Straße gerettet werden. Sie werden jetzt in einer Auffangstation in Wuppertal aufgepäppelt.

Arbeiten an Unterführung – Tiefbauunternehmen sperrte Jungtiere in ihrem Nest ein.

  • Ein Taubennest wurde im Zuge von Bauarbeiten in Solingen mit Netzen verhängt.
  • Feuerwehr und Ordnungsamt mussten die Tiere befreien.
  • Straßen NRW will den Vorfall aufklären.

Von Kristin Dowe

Solingen. Für Natalie van der List war es ein tragischer Anblick, als sie vor gut zwei Wochen Zeuge einer Situation wurde, die sich an der Höhscheider Straße / Unterführung Mühlenstraße abgespielt hatte: Ein Mitarbeiter eines Tiefbauunternehmens hatte dort im Auftrag von Straßen NRW in dem Tunnel befindliche Hohlräume mit Netzen verhängt, um Tauben fernzuhalten. Das Problem: „Unter der Unterführung befand sich ein Taubennest mit Jungtieren, die der Arbeiter dort eingeschlossen hatte. Das war ein schreckliches Bild“, ärgert sich die Solingerin. Die Jungen hätten verzweifelt geschrien und die Elterntiere immer wieder vergeblich das eingeschlossene Nest angeflogen.

Die Solingerin zögerte nicht und informierte gemeinsam mit einer Freundin sofort die Feuerwehr und das städtische Ordnungsamt, um die Jungtiere aus ihrem Gefängnis zu befreien. „Beide haben vorbildlich reagiert und die Tiere behutsam aus ihrem Gefängnis geholt“, lobt die Solinger Nabu-Vorsitzende Edeltraut Krüger, die ebenfalls an der Rettungsaktion beteiligt war. Die Feuerwehr rückte gar an zwei Tagen hintereinander aus, da beim ersten Versuch ein Vogel zurückgeblieben war, beim zweiten Einsatz aber wohlbehalten zu seinen Geschwistern in die Obhut der „Wuppertaler Schönheiten“, eine private Hilfsorganisation für Tauben, übergeben werden konnte.

„Das war ein schreckliches Bild“
Natalie van der List, Anwohnerin

Eine andere Solingerin hatte den verantwortlichen Unternehmer während der Arbeiten auf die Gefahr eingeschlossener Jungtiere aufmerksam gemacht. „Ich habe ihn gefragt, ob da noch ein Nest drin ist. Das hat der Herr verneint und sehr unfreundlich reagiert.“ Derweil versichert der Landesbetrieb Straßen NRW auf Nachfrage, dass der Auftragnehmer, das Gelsenkirchener Tiefbauunternehmen Stefan Apfeld, „bei der Auftragsvergabe ausdrücklich darauf hingewiesen worden ist, auf mögliche Brutstellen zu achten“.

Darüber hinaus wurden die Arbeiten offenbar mitten in der Brut-und Setzzeit durchgeführt, die in Nordrhein-Westfalen vom 1. April bis zum 15. Juli dauert. „Brutzeiten sind geschützt und eine Störung oder gar Zerstörung des Geleges unzulässig“, macht Sebastian Bauer, Sprecher von Straßen NRW, deutlich. „Die Einrichtung der Baustelle muss in einem solchen Fall vor Beginn der Brutzeit erfolgen, damit dort gar keine Brutstätte mehr entstehen kann.“ Da der Auftrag bereits im März vergeben wurde, hätte der Auftragnehmer ausreichend Zeit gehabt, die Gelege zu entfernen.

Dieser zeigt sich auf ST-Nachfrage von den Ereignissen unbeeindruckt. „Ich habe die Stelle sorgfältig kontrolliert und mit der Lampe dort hineingeleuchtet. Da war kein Nest mehr“, stellt Stefan Apfeld, der als Geschäftsführer des verantwortlichen Unternehmens die Arbeiten selbst ausgeführt hatte, seine Sicht der Dinge dar. Grundsätzlich versuchten die Mitarbeiter, die Tiere bei der Montage der Netze „zu verscheuchen“. Eine Entschuldigung für die Vorfälle lehne er ab. „Ich habe sorgfältig gearbeitet.“

Die Szenen verzweifelt umherfliegender Elterntiere hatten mehrere Leserinnen dem Tageblatt geschildert. „Das hätte jeder sehen können“, ist Natalie van der List überzeugt.

Inwiefern das Tiefbauunternehmen für den Vorfall zur Verantwortung gezogen werden kann und welche Konsequenzen dies haben würde, könne Straßen NRW zum jetzigen Zeitpunkt noch nicht sagen. Sebastian Bauer: „Wir möchten die Sache aufklären. Auch in unserem Interesse.“

Untersuchung

Auch das Bergische Veterinär- und Lebensmittelamt (BVLA) wurde über die Einsätze informiert. Im Nachgang habe eine amtliche Tierärztin den Ort umfassend untersucht und keine weiteren eingeschlossenen Tiere gefunden. Die Vorfälle würden „weitergehend tierschutzrechtlich von Seiten des BVLA untersucht“, heißt es auf Nachfrage dazu schriftlich.

Auch interessant: Auch während der Corona-Krise hält die Stadt am geltenden Fütterungsverbot für Tauben fest. Darüber war eine Diskussion entbrannt.

Die Tierrechtsorganisation Peta hatte wegen der Coronakrise gefordert, das Verbot auszusetzen.

Kommentar: Tierschutz ernstnehmen

Von Kristin Dowe

Allein dem Eingreifen einiger Bürgerinnen ist es zu verdanken, dass in einem Taubennest unter der Unterführung an der Höhscheider Straße nicht mehrere Jungtiere elendig verhungert sind.

Was dort geschehen ist, kann man mit Fug und Recht als Tierquälerei bezeichnen. Maßnahmen zur Taubenvergrämung mögen aus hygienischen Gründen notwendig sein. Doch müssen diese mit tierschutzrechtlichen Vorgaben wie der Brutzeit im Einklang stehen. 

Der Umgang mit den Vorfällen seitens des beauftragten Tiefbauunternehmens wirft Fragen auf. Dessen Geschäftsführer will die Örtlichkeit auf Nester sorgfältig überprüft haben und weist jede Verantwortung von sich. Auch wenn Straßen NRW nicht die Möglichkeit hat, die autark arbeitenden Unternehmen auf Tierschutzkonformität zu kontrollieren – Betriebe, die diesbezüglich negativ auffallen, sollten bei Ausschreibungen nicht mehr den Zuschlag erhalten.

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