Andacht

Fasten bedeutet, Spielräume zu nutzen

Pfarrer Thomas Förster macht sich Gedanken über das Fasten, bei dem es nicht nur um Verzicht, etwa auf Süßigkeiten, geht, sondern um eine Chance für Veränderung. Archivfotos: Christian Beier
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Pfarrer Thomas Förster macht sich Gedanken über das Fasten, bei dem es nicht nur um Verzicht, etwa auf Süßigkeiten, geht, sondern um eine Chance für Veränderung.

Theologen laden im ST zur Andacht ein – heute der evangelische Pfarrer Thomas Förster

Liebe Leserin, lieber Leser!

„Am Aschermittwoch ist alles vorbei.“ So bitter fühlt es sich in normalen Jahren an, wenn der Nubbel verbrannt ist und der Hoppeditz wieder in seiner Tonne steckt. In diesem Jahr schmeckt es für viele noch bitterer, denn mit der Fröhlichkeit und Ausgelassenheit des Karnevals konnte es wegen der Pandemie ja gar nicht richtig losgehen.

Und nun liegen vor uns zwischen Aschermittwoch und Ostern auch noch knapp sieben Wochen Fastenzeit. Als wenn wir nicht schon genug verzichten müssen, denken da vielleicht manche. Ich sehe da ein Missverständnis. Für mich geht es in der Fastenzeit nicht darum, verzichten zu müssen, sondern wichtige Veränderungen in meinem Alltag ausprobieren zu können. Mich freimachen zu dürfen von Gewohnheiten, die mich lange schon nerven, die ich eigentlich schon lange ändern möchte, aber von denen ich scheinbar einfach nicht loskomme. Als wenn ich an sie gefesselt wäre! Davon will ich mehr Freiheit gewinnen.

Warum ausgerechnet jetzt? Warum sollte jetzt klappen, was doch sonst in meinem Alltag schon oft genug nicht funktioniert hat? Weil die Fastenzeit mich daran erinnert, dass es nicht darum geht, jetzt endlich genug Mumm aufzubringen, um nun endlich die Veränderung zu erzwingen. Sondern es geht darum, mich von Jesus dazu einladen zu lassen, neue Wege zu gehen, die er für mich freigeräumt hat.

Fasten heißt nicht, einem weiteren Zwang folgen zu müssen. Fasten bedeutet, Spielräume nutzen zu dürfen, die Jesus für mich und andere erworben hat. Christinnen und Christen gucken darum in der Fastenzeit noch einmal besonders auf den Lebensweg Jesu. Die Bibel erzählt davon, dass Jesus auf diesem Weg zahllosen Menschen begegnete. Menschen, die er einfach ansprach, oder Menschen, die mit Fragen zu ihm kamen.

Viele dieser Menschen hatten Zweifel an ihrem Alltag, manche sogar ganz grundlegende Zweifel an ihrem Leben: „Das kann doch nicht alles sein?“ Solchen Menschen konnte Jesus immer wieder die Augen öffnen. Er konnte ihnen zeigen, dass es gut ist, über das eigene Leben nachzudenken. Und er machte ihnen glaubhaft, dass Gott es gut mit ihnen meint. So gab er vielen den Mut und das Gottvertrauen, das ihnen half, etwas Wichtiges im eigenen Leben zu verändern. Und er zeigte ihnen mit seinem eigenen Weg, dass es möglich ist, im Einklang mit Gott und mit sich selbst zu leben. „Ich bin gekommen, um das Leben in seiner ganzen Fülle zu bringen“, so hat er einmal seine Einladung für uns Menschen zusammengefasst (Johannesevangelium 10, 10).

Viele Christinnen und Christen nutzen die Fastenzeit, sich an Jesu Weg zu erinnern und sein Angebot auszuprobieren. Sie nehmen sich vor, in diesem Zeitraum von sieben Wochen bis Ostern versuchsweise einiges zu ändern, von dem sie meinen, dass es in ihrem Leben nicht rund läuft.

Für mich geht es in der Fastenzeit darum, Veränderungen in meinem Alltag ausprobieren zu können.

Manche sehnen sich nach mehr Freiheit, weil sie sich irgendwie immer beschäftigt fühlen, aber gleichzeitig spüren, dass sie zu vielem Wesentlichen nicht kommen. Manche möchten sich nicht länger gefesselt fühlen von immer neuen Informationen auf unzähligen Kanälen, so dass sie es gar nicht mehr schaffen, zu fragen, was wirklich wichtig ist. Manche möchten nicht länger resigniert weggucken, wenn sie wieder mal die Erkenntnis durchfährt, dass es so eigentlich nicht weitergehen kann mit unserem Klima, mit der weltweiten Ungerechtigkeit, mit den Müllbergen unseres persönlichen Konsums.

Jeder und jede weiß selber am besten, was sich anfühlt, als wenn es unfrei macht. Die Fastenzeit ist die Einladung Jesu, es noch mal ernsthaft zu versuchen mit einem neuen Anfang, der Fesseln löst. Versuchen Sie es doch auch einmal!

Ihr Thomas Förster

Zur Person

Thomas Förster

Person: Thomas Förster ist Pfarrer für Presse- und Öffentlichkeitsarbeit im Evangelischen Kirchenkreis Solingen und stellvertretender Superintendent. In diesem Jahr probiert er es mit dem Klimafasten.

Übrigens: Für alle, die sich mehr Anregungen oder Online-Fastengruppen wünschen, gibt es Informationen online:

www.klimafasten.de, www.7wochenohne.de, www.klingenkirche.de.

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