Ratschlag

„Im Familienalltag ist das Smartphone tabu“

Prof. Dr. Theda Radtke (38) ist seit Oktober neue Professorin für Gesundheitspsychologie und angewandte Diagnostik an der Bergischen Universität Wuppertal. Fotostudio Witten/Kristina Bruns
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Prof. Dr. Theda Radtke (38) ist seit Oktober neue Professorin für Gesundheitspsychologie und angewandte Diagnostik an der Bergischen Universität Wuppertal.

Prof. Dr. Theda Radtke erklärt, wie Eltern und Kinder mit dem digitalen Endgerät umgehen sollten.

Das Gespräch führte Melissa Wienzek 

Frau Radtke, Sie forschen an der Bergischen Uni unter anderem im Bereich gesunde Nutzung eines Smartphones. Kontrolliert dieses kleine Endgerät unser Leben?

Prof. Dr. Theda Radtke: Ich finde, diese Frage impliziert, dass wir das nicht in der eigenen Verantwortung haben, als ob unsere eigenen Strategien nicht ausreichen – da bin ich skeptisch. Ich als Psychologin würde sagen, wir können unser Verhalten noch steuern. Wir kontrollieren das Smartphone, nicht es uns.

Sorgt das Smartphone für übergewichtige Kinder?

Radtke: Auch das ist eine schwierige Frage. Es gibt wenige Studien, die sich speziell die Smartphone-Nutzung im Zusammenhang mit Übergewicht anschauen. Eine zeigt aber, dass Kinder, die es mehr als fünf Stunden nutzen, auch übergewichtig sind. Allerdings weiß man nicht genau, ob dies auch mit anderen Faktoren zusammenhängt. Wenn man die Smartphone-Nutzung mit dem Fernsehschauen vergleicht, gibt es Befunde, die zeigen, dass es einen Zusammenhang gibt. Aber wie genau, ist noch nicht abschließend beantwortet. Es könnte sein, dass man sich bei starker Mediennutzung auch gleichzeitig schlecht ernährt. Oder sich die betroffenen Kinder allgemein weniger bewegen.

Steigt das Stresslevel mit dem Smartphone?

Radtke: Darauf gibt es in verschiedenen Bereichen Hinweise. Arbeitnehmer fühlen sich beispielsweise durchaus gestresst, wenn sie rund um die Uhr erreichbar sind und sich im Feierabend noch mit berufsbezogenen Dingen befassen. Es hängt aber auch davon ab, welcher Typ man ist. Derjenige, der es mag, die beiden Bereiche zu mischen, den stresst es nicht so sehr. Aber derjenige, der beides strikt trennen möchte, der fühlt sich gestresst – vor allem, wenn es von der Firma oder den Kollegen erwartet wird. Es zeigt sich aber auch in der Partnerschaft. Es gibt Studien, die zeigen, dass es zu Stress führt, wenn das Smartphone genutzt wird, obwohl die andere Person anwesend ist.

Haben Sie ein Beispiel?

Radtke: Ein Paar sitzt im Zug, beide sind mit ihren Smartphones beschäftigt, sie kommunizieren nicht miteinander. Unsere Studie hat gezeigt, dass sogar Personen, die das nur beobachten, höhere Stresswerte aufweisen. Unsere Vermutung, warum das so ist: Man wird sozial ausgeschlossen, das sorgt für Stress. Denn der Mensch hat das Bedürfnis, dazuzugehören. Bei der Smartphone-Nutzung weiß man nie so genau, was das Gegenüber eigentlich tut.

Verlernen wir also durch das Smartphone, richtig zu kommunizieren?

Radtke: Sowohl als auch. Es gibt Sprachforscher, die sagen, dass unsere Sprache durch Smartphones anders wird, dass wir mehr Kürzel oder Emojis verwenden. Zudem kann eine geschriebene Nachricht beim Empfänger ganz anders ankommen als eine gesprochene – es fehlt die Mimik. Aber das Smartphone kann auch einen positiven Effekt auf die Kommunikation haben, das zeigen einzelne Studien: Es kann dafür sorgen, dass Familie mehr miteinander kommuniziert, zum Beispiel über Channels, über die man Fotos schickt und sich austauscht.

Viele Kinder besitzen bereits im Grundschulalter ein Smartphone. Ab welchem Alter ist es in Ordnung, eines zu besitzen?

Radtke: Ich finde, Kinder im Grundschulalter brauchen kein Smartphone. Meiner Meinung nach sollten sich Klassen oder die Schule gemeinsam dazu verpflichten, keine Smartphones zuzulassen. Es gibt teilweise schon Grundschulen, an denen das untersagt ist. Das finde ich sehr gut. Denn dann zeigt man, dass das nicht der Standard ist. Es gibt die Empfehlung, unter elf oder zwölf Jahren sollte ein Kind auf keinen Fall ein Smartphone besitzen. Ich bin auch dafür. Ich wüsste persönlich auch nicht, wofür Kinder es bräuchten. Es passiert oft aus einem Sicherheitsgefühl heraus, aber wir sind auch alle ohne Smartphone groß geworden, und Kinder sind heute mit dem Smartphone auch nicht sicherer unterwegs, im Gegenteil, meist werden sie dadurch noch abgelenkt im Straßenverkehr.

Sollten Eltern die Handy-Nutzung ihrer Kinder also einschränken?

Radtke: Ja. Es gibt die Initiative ,Schau hin!‘, die empfiehlt, dass Eltern auf jeden Fall wissen sollten, was Kinder mit ihrem Smartphone tun. Ich bin sehr dafür, dass man Regeln für die Smartphone-Nutzung anwendet.

Welche zum Beispiel?

Radtke: Zum Beispiel, dass beim gemeinsamen Essen kein Smartphone genutzt werden darf – auch nicht von den Eltern, sie müssen Vorbilder sein. Oder dass abends, wenn es Zeit ist, ins Bett zu gehen, kein Smartphone mehr genutzt werden darf. Im Bett noch zu chatten, kann Auswirkungen aus das Schlafverhalten haben, weil man zum Beispiel noch lange darüber nachdenkt.

In welchen Bereichen ist das Smartphone im Familienalltag Ihrer Meinung nach tabu?

Radtke: Studien, bei denen Kinder befragt wurden, ergaben, dass sich Kinder vom Smartphone der Eltern gestresst fühlen. Beispiel Spielplatz: Kinder finden es nicht toll, wenn ihre Eltern auf der Bank sitzen und nur mit ihrem Smartphone beschäftigt sind. Das kann sich negativ auf die Kinder auswirken. Sie erhalten dann keine Aufmerksamkeit, fühlen sich ausgeschlossen, weil keine Reaktion von den Eltern kommt. Und das ist ein ganz wichtiger Punkt. Ich finde, im Familienalltag hat das Telefon nichts zu suchen. Das ist schwierig, gerade, wenn man in Zeiten von Covid-19 Familie und Arbeiten unter einen Hut bringen muss.

Haben Sie einen Tipp, wie uns das im Alltag gelingt?

Radtke: Man sollte sich bewusst machen, wann man das Smartphone braucht oder ob es auch Zeitfenster gibt, in denen man es einfach mal weglegt und vergisst. Vielleicht reicht es, das Smartphone, abends vor dem Zubettgehen nicht mehr zu nutzen. Denn seien wir mal ehrlich: Es liegt meistens ziemlich griffbereit. Legen Sie das Smartphone einfach mal außer Sichtweite. Das sorgt für quality time. Oder Pläne machen. Also ganz konkret aufschreiben, wann und wie man etwas ändern will. Zum Beispiel, das Smartphone in die Schreibtischschublade legen und dort einfach mal zwei Stunden nicht mehr rausholen, sobald man nach Hause gekommen ist.

Hat das Smartphone nicht auch viele Vorteile?

Radtke: Was ich als riesengroßen Vorteil sehe, ist, dass wir einen Zugang zu allen Informationen zu jeder Zeit haben. In anderen Ländern ermöglicht das auch die Initiierung demokratischer Prozesse. Man kann es aber zum Beispiel auch dazu nutzen, um die Ernährung umzustellen, um körperlich aktiver zu werden, da gibt es einige gute Apps.

Wofür nutzen Sie eigentlich Ihr Smartphone?

Radtke: Tatsächlich telefoniere ich noch damit, vor allem, wenn ich pendle. Ich nutze es, um Kontakt mit meinen Liebsten zu halten, um Fotos zu machen, aber auch, um die Uhrzeit abzulesen – das könnte ich allerdings noch optimieren, muss ich zugeben. Ich würde allen dazu raten, sich eine Armbanduhr zuzulegen, weil man sonst immer wieder aufs Smartphone schaut, nur, um die Uhrzeit abzulesen.

Zur Person

Prof. Dr. Theda Radtke (38) wurde in Dortmund geboren und wuchs in Witten auf. Sie studierte Psychologie an der Ruhr-Universität Bochum und promovierte 2011 an der Universität Zürich zum Rauchverhalten von Jugendlichen. Sie war Lehrbeauftragte am Lehrstuhl Entwicklungs- und Gesundheitspsychologie der Uni Konstanz sowie von 2014 bis 2019 Oberassistentin am Lehrstuhl Angewandte Sozial- und Gesundheitspsychologie der Uni Zürich. Darauf folgte eine Professur für Gesundheits-, Arbeits- und Organisationspsychologie an der Uni Witten/Herdecke, bevor sie im Oktober an die Bergische Universität wechselte. Radtke lebt mit ihren beiden Kindern in Witten. In ihrer Freizeit genießt sie gemeinsam mit ihren Kindern und ihrem Partner den Garten und den angrenzenden Wald.

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