Corona-Pandemie

Wie Familien gut durch die Krise kommen

Dr. Thomas Fischbach ist Kinderarzt in Solingen und Präsident des Berufsverbands der Kinder und Jugendärzte. Archivfoto: Christian Beier
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Dr. Thomas Fischbach ist Kinderarzt in Solingen und Präsident des Berufsverbands der Kinder und Jugendärzte.

Das ST hat vier Mediziner zu den Folgen der Corona-Pandemie für Kinder und Eltern befragt.

Von Anja Kriskofski

Die Coronakrise ist auch für viele Familien eine belastende Zeit. Im Frühjahr waren Schulen und Kindergärten geschlossen. Diese sind jetzt zwar geöffnet – ebenso wie die Spielplätze –, doch es gelten erneut Kontaktbeschränkungen. Das ST hat mit vier Medizinern über die Folgen für Kinder und Jugendliche gesprochen: die Kinderärzte Dr. Thomas Fischbach, Dr. Ansgar Thimm und Dr. Christoph Damaschke sowie der Kinder- und Jugendpsychiater Privatdozent Dr. Gerhard Hapfelmeier.

Wie hat sich der erste Lockdown auf die Gesundheit von Kindern und Jugendlichen ausgewirkt?

„Viele Familien haben erzählt, dass ihre Kinder im ersten Lockdown komplett in der Wohnung waren“, schildert

Dr. Christoph Damaschke ist Chefarzt des Sozialpädiatrischen Zentrums in Remscheid.

Dr. Christoph Damaschke. „Für die Entwicklung ist das natürlich ganz schlecht.“ Und es hat Folgen: Manche seiner Patienten hätten in dieser Zeit vier, fünf Kilo zugenommen, sagt Dr. Thomas Fischbach. „Da gab es Frustessen gegen Langeweile, und auch der Medienkonsum spielt mit rein.“

Im Zentrum für seelische Gesundheit des Kindes- und Jugendalters seien im Frühjahr weniger Hilfen in Anspruch genommen worden, schildert Chefarzt Dr. Gerhard Hapfelmeier. Psychische Probleme seien zunächst von den Familien selbst „containt“, also eingedämmt worden. Später zeigten sich jedoch die Folgewirkungen der Isolation: Autistische Jugendliche zum Beispiel hätten sich noch mehr zurückgezogen, viele hätten noch mehr elektronische Medien konsumiert. „Schulprobleme, soziale Probleme und Erziehungsprobleme zeigen sich jetzt geballt.“

„Aber es gab auch positive Seiten“, sagt Dr. Ansgar Thimm: „Wir haben auch erlebt, dass Eltern sich mehr um ihre Kinder gekümmert haben, dass es mehr Austausch gab.“ Zudem habe man einen Rückgang der Infekterkrankungen gesehen. „Das hängt mit den Hygienevorschriften zusammen.“ Chronisch erkrankten Kindern habe die Phase mitunter gut getan. So habe sich bei Kindern und Jugendlichen mit Diabetes der Stoffwechsel im Frühjahr verbessert: „Es gab einfach die Zeit, sich einmal in Ruhe um die Krankheit zu kümmern.“ Der Kinderarzt glaubt, dass ein Großteil der Kinder keine nachhaltigen Schäden von der Krise davon tragen werde.

Was bedeuten die erneuten Kontaktbeschränkungen für Kinder und Jugendliche?

Insbesondere Jugendliche seien hier die Leidtragenden, sagt Dr. Fischbach. Eltern sollten Kontakte zu Gleichaltrigen nicht erneut abbrechen lassen. „Möglich machen, was möglich ist“, rät er. „Der Kontakt zur Peer Group sollte erhalten bleiben“, erklärt auch Dr. Damaschke. Treffen mit einem anderen Haushalt seien ja erlaubt. Auch für die Eltern sei ganz wichtig, dass Kitas und Schulen nun offen blieben.

„Soziale Kontakte in Schule und Kita sind für die psychosoziale Entwicklung regelrecht wie ein

Der Kinderpsychiater Dr. Gerhard Hapfelmeier leitet das Zentrum für seelische Gesundheit des Kindes- und Jugendalters.

Grundnahrungsmittel“, betont Dr. Hapfelmeier. „Ich halte es für einen Trugschluss, dass sich das über virtuelle Kontakte ersetzen lässt.“ Digitales Lernen habe geringere Lerneffekte, weil der emotionale Austausch, die Interaktion fehle. „Präsenzunterricht wird unersetzbar bleiben.“ Ein gelebtes soziales Miteinander sei essenziell, sagt auch Dr. Thimm. „Meine Sorge ist, dass nun noch mehr Zeit am Bildschirm verbracht wird.“

Was können Eltern tun, um ihre Kinder gut durch den „Lockdown light“ zu bringen?

„Zunächst müssen die Eltern auch für sich selbst sorgen. Auch sie brauchen Auszeiten, um Stabilität herstellen zu können“, sagt Dr. Damaschke. Er rät, Zeiten zu vereinbaren, wann man gemeinsam etwas kocht, zusammen spielt oder den Kindern vorliest. „Struktur tut allen gut“, betont Dr. Thimm. „Dann gelingt der Alltag besser. Eltern haben da eine große Vorbildfunktion.“

Kinderpsychiater Dr. Hapfelmeier mahnt, dass Kinder nicht zu viel Zeit mit elektronischen Spielen verbringen sollten. „Wichtig ist aber auch, gelassen zu bleiben. Konflikte sind letztlich schädlicher als die Zeit, die ein Jugendlicher mal zu lange am PC verbringt.“

„Manche Kinder haben im Frühjahr vier, fünf Kilo zugenommen.“

Dr. Thomas Fischbach vom Berufsverband der Kinder- und Jugendärzte

Ganz wichtig sei Bewegung, betont Dr. Fischbach: „Kinder müssen auch mal raus und sollten nicht nur drinnen spielen.“ Er empfiehlt gemeinsames Radfahren, den Spielplatz zu besuchen oder in den Wald zu gehen. Eltern hätten auch da einen Erziehungsauftrag. „Bewegung ist ein gutes Antidepressivum, das gilt auch für Kinder“, ergänzt Dr. Damaschke.

Wie überstehen Familien eine Quarantäne?

„Es ist wichtig, dass alle Beteiligten sich austauschen und über ihre Bedürfnisse sprechen“, sagt Dr. Thimm. „Wo liegen die Wünsche, wo die Ängste?“

Dr. Ansgar Thimm ist Chefarzt der Abteilung für Kinder- und Jugendmedizin am Sana-Klinikum Remscheid.

Dr. Damaschke rät, gemeinsame Aktivitäten zu verabreden, aber auch Auszeiten. „Man muss nicht alles miteinander teilen.“ Es sei wichtig, sich innerhalb der Familie auch Zeit für sich selbst zu nehmen, bestätigt Dr. Fischbach. Besonders überfordert seien Familien, in denen es massiven Unterstützungsbedarf gebe, betont Dr. Hapfelmeier. Im Frühjahr seien Jugendhilfe-Maßnahmen drastisch zurückgefahren worden. „Die Folgeschäden werden möglicherweise zu spät oder auch gar nicht gesehen.“

Vor allem auf Alleinerziehende müsse mehr geachtet werden, ergänzt Dr. Damaschke. „In der Quarantäne haben sie noch viel existenziellere Sorgen. Sie fragen sich zum Beispiel: Was passiert mit den Kindern, wenn ich ins Krankenhaus muss?“ Schwierig sei die Situation auch für Familien, die Kinder mit besonderem Förderbedarf haben. „Sie haben es schon im normalen Alltag schwer und kommen noch schneller an ihre Grenzen.“

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