Probleme bei praktischen Prüfungen

Wer bremst? Fahrschulen in Solingen beklagen Wartezeiten

Michael Pfannkuchen warnte bereits vor einigen Jahren vor den nun zu beobachtenden Engpässen bei Tüv-Prüfern.
+
Michael Pfannkuchen warnte bereits vor einigen Jahren vor den nun zu beobachtenden Engpässen bei Tüv-Prüfern.

Solinger kritisieren die Personalpolitik des Tüvs.

Von Manuel Böhnke

Solingen. Wer seine praktische Führerscheinprüfung in Solingen ablegen möchte, braucht Geduld. „Früher war nach der Anmeldung ein Vorlauf von zwei Wochen normal“, erklärt Thomas Rademacher. Doch bereits vor Beginn der Corona-Krise habe sich die Situation zugespitzt. Inzwischen seien Wartezeiten von vier Wochen üblich, teils bis zu sechs. Für den Obmann der Solinger Fahrlehrer ist die Ursache klar: Dem Tüv Rheinland fehlen Prüfer.

Immer wieder klagten hiesige Fahrschulen in den vergangenen Jahren über fehlende Kapazitäten aufseiten des Tüvs. Dort räumt man „aktuell lange Vorlaufzeit“ ein. Dies sei „unbefriedigend für alle Beteiligten, auch für uns selbst“. Pressesprecher Alexander Schneider führt eine hohe Nachfrage als Begründung an. Diese gehe „aktuell deutlich über das hinaus, was wir aus den vergangenen Jahren kennen“. Der Bedarf für Fahrerlaubnisprüfungen habe zuletzt mehr als doppelt so hoch wie zu dieser Jahreszeit üblich gelegen. Corona verschärfe die Situation: Immer wieder fallen Prüfungen kurzfristig aus.

Der Tüv betont, auf die Entwicklung zu reagieren. Dazu setze man „seit einiger Zeit mehr Personal als üblich“ ein. Zudem finde in dieser Woche eine Sonderaktion statt. „Wir werden zusätzliches qualifiziertes Personal aus anderen Regionen und Bereichen für Solingen abstellen, um möglichst viele Fahrprüfungen zu ermöglichen“, berichtet Schneider. Es sei zwar nicht möglich, in dieser Woche alle Terminwünsche zu erfüllen – in rund 80 Prozent der Fälle gelinge das jedoch. Im Anschluss wolle man „wieder in die üblichen und von uns angestrebten Planungszeiten der praktischen Fahrprüfung von rund drei Wochen zurückzukehren“.

„Den Ärger kriegen wir ab.“

Michael Pfannkuchen, Fahrlehrer

Thomas Rademacher stimmt das nicht zufrieden. Ursprünglich hatte der Tüv den Fahrschulen gegenüber das Ziel ausgegeben, in der gestern begonnenen 25. Kalenderwoche alle seit Anfang Mai angeforderten Prüfungen abzufahren. Dieser Plan ist nicht aufgegangen. Die Folge: Die Fahrlehrer mussten einige Schüler vertrösten. Eine oft missliche Situation, berichtet Thomas Rademacher: „Viele brauchen den Führerschein zu einem bestimmten Termin.“

Für Fahrlehrer wie Michael Pfannkuchen, Inhaber der gleichnamigen Fahrschule in Wald, bedeutet das hohen Aufwand. Sie müssen abpassen, wann eine Prüfung angemeldet werden muss, um den zeitlichen Rahmen zu halten. Läuft es nicht nach Plan, bekommen sie den Unmut der Betroffenen zu spüren: „Den Ärger kriegen wir ab, dabei sind wir nur die Vermittler zum Tüv.“

Führerschein in Solingen: Tüv beklagt enorme Verwaltungsprobleme

Pfannkuchen ist pessimistisch, dass die Sonderaktion in dieser Woche die Lage nachhaltig verbessert. Seine Befürchtung: Ein Berg an offenen Prüfungen wird abgearbeitet, während sich die Nachfrage bei den Fahrschulen längst wieder staut. „Es wird bei langen Wartezeiten bleiben“, ist er überzeugt. Rademacher schätzt das ähnlich ein: „Man hat das Gefühl, seit Jahren nur Ausreden zu hören.“

Die beiden Fahrlehrer sehen ein strukturelles Problem. Er warne seit langem vor einem Prüfer-Engpass, sagt Pfannkuchen. Der Tüv habe aufgrund demografischer und gesellschaftlicher Entwicklungen damit gerechnet, dass zukünftig weniger junge Menschen einen Führerschein machen – und es deshalb weniger Prüfer braucht. Dies sei nicht eingetreten. Die Auswirkungen seien nun spürbar.

3400 Solinger müssen ihren alten Führerschein umtauschen

Um Abhilfe zu schaffen, wünscht sich Michael Pfannkuchen veränderte Regeln. Tüv-Prüfer müssen Ingenieure sein – „die wollen nach dem Studium in der Regel aber etwas anderes machen“. Pfannkuchens Idee: Fahrlehrer absolvieren eine Zusatzausbildung und nehmen Prüfungen in anderen Städten ab. „Niemand kann besser beurteilen, wie sicher ein Schüler fährt, als Menschen, die täglich mit Fahrschülern zu tun haben.“

Der Tüv äußert sich zurückhaltend zur personellen Situation: „Grundsätzlich suchen wir ständig nach qualifiziertem Personal. Allerdings lassen sich offene Stellen – wie in vielen anderen Branchen – nicht immer kurzfristig besetzen.“

Unternehmen

Der Tüv Rheinland zählt laut eigenen Angaben mit mehr als 20 000 Beschäftigten und einem Jahresumsatz von etwa zwei Milliarden Euro „zu den weltweit führenden Prüfdienstleistern“. Der Unternehmenssitz befindet sich in Köln.

Das könnte Sie auch interessieren

Unsere News per Mail

Nach der Registrierung erhalten Sie eine E-Mail mit einem Bestätigungslink. Erst mit Anklicken dieses Links ist die Anmeldung abgeschlossen. Ihre Einwilligung zum Erhalt des Newsletters können Sie jederzeit über einen Link am Ende jeder E-Mail widerrufen.

Die mit Stern (*) markierten Felder sind Pflichtfelder.

Open-Air-Konzert: Einige Helfer nutzten ihre Freikarte nicht
Open-Air-Konzert: Einige Helfer nutzten ihre Freikarte nicht
Open-Air-Konzert: Einige Helfer nutzten ihre Freikarte nicht
Corona: Viele offene Fragen zur 3-Euro-Regel für Bürgertests
Corona: Viele offene Fragen zur 3-Euro-Regel für Bürgertests
Corona: Viele offene Fragen zur 3-Euro-Regel für Bürgertests
Pläne für Veloroute lösen Debatte um Parkplätze aus
Pläne für Veloroute lösen Debatte um Parkplätze aus
Pläne für Veloroute lösen Debatte um Parkplätze aus
Corona: So geht es mit den Zugangsregeln im Rathaus weiter
Corona: So geht es mit den Zugangsregeln im Rathaus weiter
Corona: So geht es mit den Zugangsregeln im Rathaus weiter