Montagsinterview

Dr. Klaus-Peter Starke: „Es wird mir einiges fehlen“

Seit 1994 ist Dr. Klaus-Peter Starke Geschäftsführer der Vereinigung Bergischer Unternehmerverbände. 2015 übernahm er zusätzlich die Geschäftsführung des Arbeitgeberverbandes Solingen. Foto: Christian Beier
+
Seit 1994 ist Dr. Klaus-Peter Starke Geschäftsführer der Vereinigung Bergischer Unternehmerverbände. 2015 übernahm er zusätzlich die Geschäftsführung des Arbeitgeberverbandes Solingen.

Dr. Klaus-Peter Starke, Geschäftsführer des Arbeitgeberverbandes Solingen, geht in Ruhestand.

Herr Dr. Starke, Ende März gehen sie als Geschäftsführer des Arbeitgeberverbandes Solingen in Ruhestand. Dafür hätten Sie sich sicherlich andere Umstände gewünscht als eine weltweite Pandemie.

Dr. Klaus-Peter Starke: So ist es. Die Corona-Krise betrifft uns aber alle. Insoweit findet man sich damit ab.

Wie meistern die Solinger Unternehmen die Krise Ihrer Einschätzung nach bisher?

Starke: Wir haben dazu keine Zahlen erhoben. Mein Gefühl ist, dass es durchaus Betriebe gibt, die gut durch die Krise kommen. Andere haben schwer zu kämpfen, viele fahren Kurzarbeit. Das spürt im kommenden Jahr dann auch unser Verband an seinen Haushaltszahlen.

Welche Auswirkungen hat die Pandemie darüber hinaus auf die Arbeit des Verbandes?

Starke: Verändert hat sich zum einen der Inhalt unserer Beratungen. Neben gewohnten Fragen zu Kündigungen oder Betriebsvereinbarungen geht es nun häufig um die aktuellen Corona-Regeln. Enorm ist die Schlagzahl, mit der wir neue Informationen an unsere 60 Mitgliedsunternehmen weitergeben. Alle paar Tage kommen neue Vorgaben. Wir mussten zudem unsere Angebote umstellen. Normalerweise veranstalten wir viele Seminare. Die haben wir auf schriftliche Angebote und Online-Veranstaltungen umgestellt.

Wie ist die Resonanz?

Starke: Das funktioniert sehr gut. Wir stellen sogar fest, dass die Beteiligung noch größer ist als bei den Präsenzseminaren. Man kann sich ohne Anreise kurzfristig einklinken.

Was waren in Ihrer Zeit als Geschäftsführer des Arbeitgeberverbandes die größten Herausforderungen?

Starke: Mir wird sicherlich besonders in Erinnerung bleiben, dass sich rund um das Industriehaus an der Neuenhofer Straße einiges getan hat. Wir haben unter anderem das Dach erneuert und eine neue Heizung eingebaut. Zugleich haben sich die Rechtsverhältnisse verändert.

Inwiefern?

Starke: Das Industriehaus wurde 1966 vom Industrieverband Schneid- und Haushaltswaren und dem Arbeitgeberverband gemeinsam erbaut. Bis Mitte 2018 gehörte die Immobilie dem Verein Industriehaus. Nach 50 Jahren ist das Erbbaurecht allerdings erloschen und der sogenannte Heimfall ist eingetreten. Seitdem ist der Arbeitgeberverband, dem auch das Grundstück gehört, Eigentümer.

Und welche inhaltlichen Aspekte bleiben Ihnen in Erinnerung? Spannende Themen gab es schließlich genug. Man denke an Donald Trumps Wahl zum US-Präsidenten und den Brexit.

Starke: Das sind allgemeine politische Entwicklungen, an denen ich natürlich ein persönliches Interesse habe. Die Arbeit des Verbandes beeinflussen sie aber erst, wenn sich beispielsweise arbeitsrechtliche Auswirkungen ergeben. Bei uns stehen eher sozialpolitische Themen wie das Aushandeln von Tarifverträgen im Mittelpunkt.

Aktuell laufen Tarifverhandlungen für die Metall- und Elektroindustrie. In der vergangenen Woche gab es einen Warnstreik bei Zwilling in Solingen. Weitere Aktionen sind angekündigt.

Starke: Davon sind wir überhaupt nicht begeistert. Dass die IG Metall in der aktuellen Situation, in der viele Unternehmen erheblich unter der Krise leiden, zu diesem Mittel greift, halten wir für unverständlich – gelinde gesagt.

Zwilling hat jüngst verkündet, das Jahr 2020 mit einem Rekordergebnis abgeschlossen zu haben.

Starke: Deswegen greift sich die Gewerkschaft auch dieses Unternehmen für einen Warnstreik heraus. Sie möchte die Tarifrunde insgesamt unter Druck setzen. Aber der Abschluss gilt am Ende auch für Unternehmen, die mit erheblichen Schwierigkeiten zu kämpfen haben.

Die IG Metall schlägt vor, die Arbeitszeit abzusenken, um Beschäftigung zu sichern.

Starke: Dafür brauchen wir keinen neuen Tarifvertrag. Aber die Gewerkschaft fordert einen Teilentgeltausgleich. Damit verteuert man die Arbeit wieder. Und das können die Unternehmen aktuell nicht gebrauchen.

Man bekommt den Eindruck, nicht-monetäre Aspekte spielen bei Tarifverhandlungen auf Arbeitnehmerseite eine immer größere Rolle.

Starke: Das kann ich bestätigen. Die Einstellungen der Mitarbeiter haben sich tatsächlich verändert. Daran kann man ablesen, dass die finanziellen Grundbedürfnisse offensichtlich ausreichend abgedeckt sind. Eine ausgeglichene Work-Life-Balance wird für viele immer wichtiger. Diesem Wunsch kommen die Arbeitgeber mit verschiedenen Möglichkeiten der Arbeitszeitgestaltung nach.

Da ist man schnell beim Thema Fachkräftemangel und bei der Frage, wie man Jobs attraktiv macht.

Starke: Da ist die Arbeitszeit sicher ein Thema. Auch darüber hinaus unternehmen die Betriebe viel, um neue Mitarbeiter zu finden. Bis vor kurzem gab es in Solingen einen Nachholbedarf in Sachen Ausbildung. Es ist jedoch eine positive Entwicklung zu erkennen.

Abgesehen davon: Was ist die größte Herausforderung für die Solinger Wirtschaft in den nächsten fünf Jahren?

Starke: Die ist im Grunde schon da. Die Prozesse in den Unternehmen werden immer weiter digitalisiert. Diese Entwicklung müssen wir als Arbeitgeberverband begleiten. Eine Herausforderung wird sein, die Tarifverträge an diese Veränderungen anzupassen.

Woran denken Sie dabei?

Starke: Qualifizierung wird eine große Rolle spielen. Manche Tätigkeiten verändern sich durch die Digitalisierung, andere fallen weg. Wir müssen schauen, wie sich den Betroffenen helfen lässt. Das ist ein Thema, das im Grunde schon in der aktuellen Tarifrunde auf dem Tisch ist.

Das heißt, die aktuelle Tarifrunde gibt einen Ausblick auf zukünftige?

Starke: Das ist durchaus der Fall. Die aktuellen Forderungen der Gewerkschaft beziehen sich schließlich nicht nur auf vier Prozent Entgelterhöhung und Arbeitszeitverkürzung mit Teillohnausgleich. Es geht auch darum, wie Unternehmen mit ihren Mitarbeitern die Herausforderungen der Zukunft bewältigen.

Zukunftstarifverträge sollen der Belegschaft bei dieser Frage ein größeres Mitspracherecht ermöglichen.

Starke: Wir vertreten die Auffassung, dass die unternehmerische Freiheit durch eine solche Tarifregelung nicht eingeschränkt werden darf. Wenn sich ein Unternehmer nicht um die Zukunft seines Unternehmens kümmert, hat er seinen Job verfehlt. Das ist ja gerade die Kunst des Unternehmertums, sich auf neue Gegebenheiten einzustellen.

Die aktuellen Tarifverhandlungen sind Ihre letzten. Wie schwer fällt der Abschied?

Starke: Es wird mir einiges fehlen. Ob das nun unbedingt die Tarifverhandlungen sind, weiß ich nicht. (lacht) Die sind nicht immer nur angenehm. Aber auch das gehört dazu. Die Tarifautonomie in Deutschland ist ein sinnvolles Instrument.

Zur Person

Dr. Klaus-Peter Starke kam in Herford zur Welt. In Bielefeld studierte der 65-Jährige Rechtswissenschaften. Seit 1994 ist er Geschäftsführer der Vereinigung Bergischer Unternehmerverbände. Der gehört dem Arbeitgeberverband Solingen an, dessen Leitung Starke 2015 von Hans-Peter Pollmann übernahm. Starke bekleidet einige Ehrenämter. Unter anderem ist er ehrenamtlicher Richter am Bundesarbeitsgericht. Seinen Ruhestand genießt der Jurist mit seiner Frau in Köln. Das Paar hat zwei erwachsene Töchter. Neuer Geschäftsführer des Arbeitgeberverbandes Solingen wird Michael Schwunk.

Das könnte Sie auch interessieren

Meistgelesen

Kripo-Chef sieht Solingen als eine Hauptwirkungsstätte krimineller Familienclans
Kripo-Chef sieht Solingen als eine Hauptwirkungsstätte krimineller Familienclans
Kripo-Chef sieht Solingen als eine Hauptwirkungsstätte krimineller Familienclans
Brückensteig: Die Kletterer gehen an den Start
Brückensteig: Die Kletterer gehen an den Start
Brückensteig: Die Kletterer gehen an den Start
Nach dem Hochwasser kehrt der Alltag nicht zurück
Nach dem Hochwasser kehrt der Alltag nicht zurück
Nach dem Hochwasser kehrt der Alltag nicht zurück
Corona: Solingen wieder mit landesweit höchsten Wert - Impfungen in Burg und Südpark
Corona: Solingen wieder mit landesweit höchsten Wert - Impfungen in Burg und Südpark
Corona: Solingen wieder mit landesweit höchsten Wert - Impfungen in Burg und Südpark

Unsere News per Mail

Nach der Registrierung erhalten Sie eine E-Mail mit einem Bestätigungslink. Erst mit Anklicken dieses Links ist die Anmeldung abgeschlossen. Ihre Einwilligung zum Erhalt des Newsletters können Sie jederzeit über einen Link am Ende jeder E-Mail widerrufen.

Die mit Stern (*) markierten Felder sind Pflichtfelder.

Kommentare