Rückschau

Die erste Platte geht in den Ruhestand

Viereinhalb Jahre lang fragte unser Autor Julian Müller die Solinger nach ihrer ersten Platte. Sein eigener Weg zur Musik begann mit dem weißen Album der Beatles – allerdings zuerst nur auf CD. Mittlerweile hat er das Album in fünf verschiedenen Versionen. Foto: Suzan Köcher
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Viereinhalb Jahre lang fragte unser Autor Julian Müller die Solinger nach ihrer ersten Platte. Sein eigener Weg zur Musik begann mit dem weißen Album der Beatles – allerdings zuerst nur auf CD. Mittlerweile hat er das Album in fünf verschiedenen Versionen.

Nach einem halben Jahrzehnt endet die Serie im Tageblatt.

Von Julian Müller

Der erste Gang zum Plattenladen - anfangs noch etwas unsicher in dieser fremden, aber so verlockenden Welt. Klänge die man nur aus dem Radio kannte, wurden plötzlich greifbar und so für Generationen ein zentraler Bestandteil der Identität. Musik bestimmt das Lebensgefühl und fast jeder hat dazu eine Geschichte zu erzählen.

Carsten Wagner kaufte vom hart ersparten Taschengeld Michael Jacksons Thriller.

Gerade die erste Platte ist ein ganz besonderes Ereignis. Manche schämen sich für die jugendliche Wahl, andere waren von Anfang an auf dem Weg, der ihr Leben mitprägen sollte. Mehr als viereinhalb Jahre lang habe ich mich quer durch Solingen gefragt und viele schöne Geschichten gesammelt. So konnte ich spannende Trips in die Vergangenheit unternehmen. Zahlreiche Erinnerungen, die auf den ersten Blick vergessen geglaubt waren, kamen beim Gespräch wieder zum Vorschein. Der erste Plattenspieler, das Wohnzimmer der Eltern, in dem heimlich die neue Beat-Platte aufgelegt wurde. Bei den Gesprächen öffneten sich ganze Welten – man kam vom Hölzchen aufs Stöckchen. Palenschat, Montanus, Violetta oder Zack Zack waren ein paar der Solinger Plattenläden in denen sich viele der Geschichten abspielten.

Auch in den großen Kaufhäusern gab es oft Plattenabteilungen, in denen beim Familieneinkauf der Nachwuchs nach erfolgreicher Quengelei das heiß begehrte Objekt in den Korb packen durfte. Selbst im Mumms konnte man Musik kaufen.

Hörte immer noch gerne Kinks und Janis Joplin: Stephan Frinks.

„Der Franz Schwarz hatte dort Anfang der 1970er einen kleinen Importservice für Platten, die man hier noch nicht bekommen konnte“, erzählt Stephan Frink, Manager des berühmten Klezmer-Klarinettisten Giora Feidman. Im Mumms bestellte er „Cheap Thrills“ von Big Brother & The Holding Company – der damaligen Band von Janis Joplin. Später – nachdem die Schallplatte kurzzeitig aus der Mode kam – war es der Saturn oder auch Schultes, wo man hinging, um an den schwarzen CD-Playern in neue Alben reinzuhören. „Every generation throws a hero up the pop charts“, sang 1986 Paul Simon, der mit Simon & Garfunkel in den ‘60ern von seiner Generation selbst in die Hitlisten gekauft wurde.

Für die begehrten Scheiben wurde das Taschengeld zusammengekratzt

Und so hatte auch in Solingen jede Generation ihre Stars. Wo es in den ‘60ern oft die omnipräsenten Beatles oder Stones waren, löste Anfang der ‘70er die Glamrock-Fraktion um T. Rex und Sweet die ehemaligen Teenie-Helden ab. Kurz darauf kamen Abba oder die Bay City Rollers und in den ‘80ern dann die großen Popstars von Madonna bis Michael Jackson. Die ‘90er brachten sowohl den Grunge von Nirvana als auch die Boygroups à la Backstreet Boys auf den Plan.

Oft wurde das letzte Taschengeld zusammengekratzt, um die begehrten Scheiben zu bekommen. Manchmal gab es auch ein großzügiges Geschenk der Verwandtschaft, das allerdings gerne mal daneben traf. „Meine erste Platte ist total peinlich – ich habe von meiner Oma die CD „Bild Hits 2000“ geschenkt bekommen und da ist nur Schrott drauf“, erzählt der Solinger Musiker und Filmemacher Jens Vetter. Doch auch auf solche Geschmacksverirrungen kann man nach all der Zeit natürlich entspannt zurückschauen.

Gisela Elbracht-Iglhaut kaufte sich zuerst Harvest von Neil Young.

Jetzt zum Ende dieses turbulenten Jahres ist allerdings ein guter Zeitpunkt gekommen, um einen Schlussstrich unter diese lieb gewonnene Rubrik zu setzen. Es gibt aber auch schon neue Ideen. Lassen Sie sich, lasst Euch überraschen und ich wünsche auf diesem Wege allen Leserinnen und Lesern schöne und gesunde Weihnachtstage mit guter Musik.

Zum Autor

Unser Autor Julian Müller ist Musiker bei den Blackberries und Suzan Köcher’s Suprafon. Im ST schreibt er häufig über musikalische Themen und hat zuletzt eine Serie über die Solinger Rockgeschichte verfasst. Seine erste selbst gekaufte Platte war das weiße Album der Beatles, das er auf CD im Saturn erwarb. Mittlerweile hat er das Album in fünf verschiedenen Versionen und ist leidenschaftlicher Plattensammler und Musikhistoriker.

Meine erste Platte: Hans-Werner (Hacky) Bick

„Zu Weihnachten ‘63 habe ich einen batteriebetriebenen Plattenspieler bekommen“, erinnert sich der Solinger Musiker Hans-Werner (Hacky) Bick, der damals gegenüber vom Palenschat wohnte. „Dort habe ich mir dann ,A Big Hunk ‘O Love‘ von Elvis gekauft - der Rock’n’Roll-Drive gefiel mir total gut.“ Bei einem Campingurlaub an der Lahn mit seinen Eltern sollte ihm diese Kombination bald sehr nützlich werden. „Ich war auf dem

Hans-Werner (Hacky) Bick begeisterte sich früh für die Lieder von Elvis.

Campingplatz mit meinen 14 Jahren einer der jüngsten Jugendlichen, aber hatte als einziger einen Plattenspieler dabei und habe dort für die anderen Musik aufgelegt“, so Bick. Vor allem der Elvis-Song brachte die Leute zum Tanzen. „Auf der B-Seite war allerdings nur eine Schnulze drauf - die war dafür nicht geeignet.“ Bick fing kurz darauf selbst an, Musik zu machen und spielte Gitarre unter anderem beim Promotion Soul Concern und Sementis Dei. Ab den ‘90ern war er Keyboarder bei den Lonestars.

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