Andacht im ST

Erinnerungen können etwas in uns verändern

Pfarrerin Claudia Stark
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Die Pfarrerin Claudia Stark

Theologen laden im ST zur Andacht ein – heute die evangelische Pfarrerin Claudia Stark.

Liebe Leserin und lieber Leser!

Auf der Fensterbank steht ein Windlicht mit ein paar Muscheln. Sie erinnern mich an einen Ausflug. Wenn ich die Kerze anzünde und die Muscheln sehe, denke ich an den Ort, an dem ich sie gesammelt habe. Erinnerungen an die Zeit dort werden lebendig: die Stimmung am Strand, der blaue Himmel, der Duft, der die Luft erfüllte, die fröhlichen Menschen, die dort waren. Das war schön. Ich möchte es nicht vergessen.

Ich will die Erinnerungen bewahren und von Zeit zu Zeit wachrufen. Deshalb habe ich die Muscheln aufgehoben.

Haben Sie zu Hause auch solche Andenken – Erinnerungsstücke, die einen persönlichen Wert haben und durch die Sie schöne Situationen oder wichtige Ereignisse lebendig werden lassen können?

„Erinnern“: Da schwingt das Wort „innen“ mit. Erinnerungen berühren uns in unserem Inneren, im Herzen, in der Seele. Sie können etwas in uns verändern.

Wenn wir glückliche Zeiten nicht als Selbstverständlichkeit hinnehmen, sondern als ein Geschenk wahrnehmen, gelingt uns eine andere Sicht auf unser Leben. Wir können Gottes gute und liebevolle Spuren darin erkennen. Ein Bibelvers kommt mir in den Sinn: „Lobe den Herrn, meine Seele und vergiss nicht, was er dir Gutes getan hat“, heißt es im Psalm 103,2. Gutes schafft eine Art „Erinnerungsspeicher“, an dem ich auch in schlechten Zeiten „auftanken“ kann. Gott gibt mir etwas mit, was über den Moment hinaus trägt. Er schärft meinen Blick, dass ich das Gute nicht vergesse, wenn Schweres Überhand nimmt.

Vor einem Jahr hat die Flutkatastrophe furchtbare Erinnerungen in vielen Menschen hinterlassen. Die Ereignisse und ihre Folgen belasten Betroffene und Angehörige auch heute schwer.

Es berührt mich, wie Betroffene in den Gedenkveranstaltungen zum Jahrestag dennoch die positiven Erfahrungen der Hilfsbereitschaft und Solidarität betonen, die sie gemacht haben. Die Dankbarkeit für die vielfältige Unterstützung hat ihnen geholfen, nicht zu verzweifeln. Diese Frauen, Männer und Kinder geben die Erfahrung weiter, dass es wichtig ist, sich in belastenden Situationen auch Erholungszeiten und etwas Gutes zu gönnen. Betroffene erzählen, dass so scheinbar Unspektakuläres, wie ein Ausflug, ein Grillabend oder ein Kinobesuch entscheidend geholfen haben, Abstand zu gewinnen, Kraft zu schöpfen und das Gute im Leben nicht zu vergessen.

Diese Erfahrung hilft auch in ganz anderen Situationen, den Blick für das tragende Gute nicht zu verlieren.

Ich kenne eine kleine Übung, die die Wahrnehmung schöner Erlebnisse schärfen kann: Legen Sie sich am Morgen eine Handvoll Perlen oder Ähnliches in die linke Hosentasche. Wenn Sie am Tag etwas Schönes erleben, dann nehmen Sie eine Perle aus der linken Tasche und stecken diese in die rechte. Am Abend können Sie die Perlen zählen und sich dabei an die glücklichen Erlebnisse erinnern.

Es müssen nicht viele Perlen sein, die von der einen in die andere Hosentasche wandern, aber jede Perle hilft, dieses Gute – diese Geschenke Gottes – dankbar zu erinnern. Sie verändern den Blick auf das Leben.

Darum: Lobe den Herrn meine Seele und vergiss nicht, was er Dir Gutes getan hat!

Ihre Pfarrerin Claudia Stark

Zur Person

Claudia Stark (Foto: Thomas Förster) ist seit 23 Jahren Pfarrerin in der Evangelischen Kirchengemeinde Ohligs und war vorher in der Evangelischen Kirchengemeinde Bad Münstereifel tätig. Die Menschen dort waren von der Flut besonders betroffen.

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