Erziehung

Entscheidung zwischen Familie und Heim

Lars Tewes bemüht sich, seine knappe Freizeit mit Sohn Lukas zu verbringen.
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Lars Tewes bemüht sich, seine knappe Freizeit mit Sohn Lukas zu verbringen.

Wenn Eltern mit der Erziehung überfordert sind, kann die Unterbringung in einer Einrichtung sinnvoll sein.

Von Simone Theyßen-Speich

Solingen. Lukas ist erst zehn Jahre alt. In seinem jungen Leben hat er aber schon einige gravierende Einschnitte hinnehmen müssen. Seit seinem fünften Lebensjahr lebt er in einer Jugendhilfeeinrichtung, da seine Mutter nach einer schweren Erkrankung die Erziehung nicht übernehmen konnte.

Jetzt hat sein Vater Ende Juli von der auswärtigen Einrichtung Post bekommen, dass „die Maßnahme beendet ist und Lukas in den väterlichen Haushalt entlassen wird“, erzählt Lars Tewes. Der 49-Jährige sieht sich mit der Situation überfordert. Er ist als Beschichter in einem Galvanik-Unternehmen tätig, lebt in einer kleinen Wohnung und ist selbst wegen eines Diabetischen Fußes, an dem schon eine Zehe amputiert werden musste, gesundheitlich angeschlagen.

Schon zwei Tage nach der amtlichen Mitteilung musste er Lukas aus der Einrichtung abholen. „Ich hatte keine Unterstützung, habe dann nach sechs Wochen über eine Betreuerin einen Schulplatz im Halfeshof gefunden“, so Tewes. Seinem Arbeitgeber ist Lars Tewes dankbar, dass er sich zunächst um seinen Sohn kümmern konnte. „Ich habe zwei Wochen mit Lukas trainiert, damit er mittags mit dem Bus vom Halfeshof zurückfahren kann.“ Morgens bringt ihn eine Bekannte zur Schule.

Seit Lukas bei ihm lebt, schläft Lars Tewes auf der Couch. „Als mein Sohn mich über Weihnachten besuchen wollte, wurde das vom Heim mit dem Argument abgelehnt, meine Wohnung sei zu klein. Jetzt soll er hier wohnen“, verweist der 49-Jährige auf seinen Single-Haushalt. Lukas sagt: „Ich fühle mich wie ein Fußball, der überall rumgekickt wird.“

Wie er sich um den Jungen, der einen erhöhten Förderbedarf hat und bislang kaum lesen kann, kümmern soll, weiß er nicht. „Ich gehe um 6 Uhr aus dem Haus, komme kurz vor 17 Uhr zurück“, erklärt Tewes. Den Hinweis, dass andere alleinerziehende Väter auch von Hartz IV leben würden, findet er abwegig.

Von 8 bis 16.30 Uhr ist Lukas jetzt in einer Tagesgruppe im Halfeshof. Lars Tewes versucht, seine Arbeitszeit zu reduzieren, bis sich eine andere Lösung gefunden hat. „Lukas braucht viel Aufmerksamkeit. Aber ich habe mit ihm schon besprochen, dass eine Wohngruppe für ihn das Beste wäre.“

Grundsätzlich haben die Eltern natürlich erstmal die Pflicht, sich um ihr Kind zu kümmern, erklärt Rüdiger Mann, Leiter des Stadtdienstes Jugend, die Rechtslage. Auf „Hilfen zur Erziehung“ könne aber ein Antrag gestellt werden, wenn „eine dem Wohl des Kindes förderliche Erziehung nicht gewährleistet ist“. Dabei stehe das Jugendamt hilfreich zur Seite.

Die Unterbringung im Halfeshof könne eine übergangsweise Lösung sein, bis beispielsweise ein Platz in einer anderen Einrichtung zur Verfügung stehe. „Natürlich können die Eltern über die Unterbringung nicht selbst entscheiden, weil das eine Antragsleistung ist. Im Mittelpunkt steht immer das Kind“, so Mann.

Lesen Sie auch: Erziehung - Mehr Eltern brauchen Hilfe

Mitarbeiter des Allgemeinen Sozialen Dienstes im Stadtdienst Jugend würden sich die Familie genau anschauen und nach einer Fallbesprechung die Entscheidung treffen. „Jüngere Kinder kommen oftmals eher in Pflegefamilien, ältere in stationäre Wohngruppen.“

Stationäre Jugendhilfe

Unterbringung: Etwa 250 Solinger Kinder und Jugendliche sind derzeit in stationären Jugendeinrichtungen untergebracht, in Solingen aber auch weiter entfernt. Weitere 250 Kinder leben in Pflegefamilien.

Kosten: Zwischen 150 und 250 Euro kostet ein stationärer Platz pro Tag und Kind. Bei intensiver Betreuung, etwa von sogenannten „Systemsprengern“, können die Kosten bis zu 800 Euro pro Tag betragen. Zusammen mit den Kosten für die ambulanten Hilfen hat die Stadt Solingen in diesem Jahr Kosten von 35 Millionen Euro für die stationäre Jugendpflege. Damit sind die Aufwendungen einer der größten Posten im städtischen Haushalt.

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