Montagsinterview

„Kein Spielraum für Bauen im Grünen“

Enrique Pless gilt als Mann der leiseren Töne, der gut moderieren kann. In Sachen Naturschutz vertritt er aber eine konsequente Linie.Foto: Michael Schütz
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Enrique Pless gilt als Mann der leiseren Töne, der gut moderieren kann. In Sachen Naturschutz vertritt er aber eine konsequente Linie.

Enrique Pless, alter und neuer Vorsitzender des Naturschutzbeirates, mahnt zu mehr Umwelt- und Klimaschutz

Von Timo Lemmer

Herr Pless, wenn es Sie in Solingen in die Natur zieht, wo kann man Sie als Vorsitzenden des städtischen Naturschutzbeirates dann finden?

Enrique Pless: Beim Wandern in den schönen Bachtälern Solingens oder in der Ohligser Heide.

Wo steht Solingen denn in Sachen Umweltschutz?

Pless: Durch den schon länger gültigen Landschaftsplan ist zum Glück noch viel an Natur in Solingen erhalten. Die Qualität der Bäche entspricht jedoch nicht überall im Stadtgebiet den Anforderungen der Europäischen Wasserrahmenrichtlinie. Und die festgesetzten Auflagen für die Landschaftsschutzgebiete werden nicht überall geachtet.

Wie macht sich das bemerkbar?

Pless: Immer noch gibt es nicht genehmigte Bauten, Parkplätze und Lauben in den Landschaftsschutzgebieten. Es muss nochmals in Erinnerung gerufen werden, dass diese Bauten und Anbauten im Landschaftsschutzgebiet durch den Stadtdienst Natur und Umwelt und den Beirat der Unteren Naturschutzbehörde zu genehmigen sind.

In ihrer kurzen Rede nach der Wiederwahl zum Beiratsvorsitzenden haben Sie drei Schwerpunkte für die kommende Wahlperiode ausgemacht: erstens der Zustand des Waldes.

Pless: Durch die drei letzten trockenen Sommer hat der Solinger Wald stark gelitten. Insbesondere die Fichte stirbt mit etwa 50 Prozent der Bestände ab. Buche und Eiche zeigen Vitalitätsverluste. Dazu kommen das Eschensterben und die massenhafte Vermehrung von Schadkäfern wie Buchdrucker und Kupferstecher.

Was kann man tun, um dem Wald zu helfen?

Pless: Es besteht Einigkeit im Naturschutzbeirat, dass ein standort- und klimaangepasster Waldumbau nötig ist. Zur Vermeidung von Erosion an den Wuppersteilhängen und im Einzugsbereich der Sengbachtalsperre werden dazu weitere Aufforstungen an den Stellen nötig sein, wo keine Naturverjüngung der Bäume stattfindet. Das Ziel ist ein stabiler und klimaresistenter Laubmischwald. Für Schadholzentfernung, Aufforstung, Pflegearbeiten muss in den nächsten Jahren intensiv in den Waldumbau investiert werden.

„Die Klimaerwärmung zeigt sich am Versiegen von Quellen und Bachläufen.“

Enrique Pless, Vorsitzender des Naturschutzbeirates

Zweitens macht Ihnen die Trockenheit Sorgen. Wo macht sich das in Solingen außer an der Talsperre und in den Wäldern bemerkbar?

Pless: Die Klimaerwärmung und die damit verbundene Trockenheit zeigt sich am Versiegen von Quellen und Bachläufen und durch das Trockenfallen von Teichen und Tümpeln. Neben Amphibien sind vor allem Libellenarten davon betroffen. Hier müssen wir im Beirat überlegen, wo durch Verschließung von Gräben, zum Beispiel in der Ohligser Heide, und Anlagen von Kleingewässern neue Feuchtgebiete für diese Tierarten entstehen können.

Und dann soll bis 2024 ein neuer Flächennutzungsplan vorliegen. Was wollen Sie hier einbringen?

Pless: Hier wird es darum gehen, dass sich positive Entwicklungen der Natur in Schutzgebietsausweisungen, in der Schaffung sogenannter Wildnisgebiete und im Erhalt der für Solingen so prägenden Bachtäler niederschlagen. Es gibt keinen Spielraum mehr für zusätzliches Bauen in der freien Landschaft. Diese muss geschützt werden.

Wie kann Umweltschutz im Rahmen eines solchen Plans gelingen?

Pless: Dazu ist es nötig, durch Pflegemaßnahmen endlich einen Schritt im Vertragsnaturschutz weiterzukommen. Das Land bietet hier 100-prozentige Fördermöglichkeiten für Naturschutzgebiete und geschützte Biotope. Verträge im Pilghauser Bachtal oder im unteren Teil des Weinsberger Bachtals wären zu 100 Prozent, im Nacker Bachtal und vielen anderen Tälern zu 80 Prozent förderfähig.

Derweil steht der Umweltschutz inzwischen ganz oben auf der politischen Agenda: Nachhaltigkeits- sowie Klimaschutzstrategie der Stadt oder ein Ausschuss für Klimaschutz und Umwelt. Welche Rolle hat da der Beirat?

Pless: In der vom Rat beschlossenen Nachhaltigkeitsstrategie ist die Aufstellung eines Kulturlandschaftsprogramms für Solingen als konkrete Maßnahme benannt. Hier ist die Verwaltung in der Pflicht, mit einem Vorschlag zur Umsetzung im Sinne von mehr Artenschutz in der Kulturlandschaft um die Ecke zu kommen. Baum- und Alleenschutz hat für die Beiratsmitglieder ebenfalls einen hohen Stellenwert. Durch die im Beirat vertretene Fachkompetenz werden wir nicht nachlassen, der Politik Vorschläge zur Verbesserung der Umweltsituation zu unterbreiten.

Zur Person

Privat: Enrique Pless, Jahrgang 1951, wurde in Buenos Aires/Argentinien geboren. Mit 31 Jahren kam er nach Solingen. Pless ist verheiratet und hat fünf Kinder.

Beruf: Er ist pensionierter Biologie- und Chemielehrer.

Politik: Im Beirat der Unteren Naturschutzbehörde vertritt er die Landesgemeinschaft Naturschutz und Umwelt NRW. Seit November 2017 ist er Vorsitzender des Beirates. Für die Grünen saß Pless von 1984 bis 1989 und von 2014 bis 2017 im Rat. Von 2016 bis 2017 war er einer von zwei Fraktionssprechern der Grünen. Dann zog er sich aus gesundheitlichen Gründen aus dem Rat zurück.

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