Kostensteigerung

Energiearmut trifft in Solingen jeden vierten Haushalt

Steigende Energiekosten können zu finanziellen Engpässen führen. Foto: Christian Beier
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Steigende Energiekosten können zu finanziellen Engpässen führen.

Die Stadt Solingen rechnet für das Jahr 2023 mit vielen Betroffenen. Der Caritas-Direktor warnt vor sozialem Sprengstoff.

Von Björn Boch

Solingen. Die Stadtverwaltung rechnet für das kommende Jahr mit vielen Fällen von Energiearmut. „2023 wird das ein Riesenthema“, erklärt Juliane Hilbricht, Leiterin des Stadtdienstes Wohnen, im Gespräch mit unserer Redaktion. „Es wird viele Menschen geben, die Strom- oder Gasrechnungen nicht mehr bezahlen können.“

Schätzungen gehen davon aus, dass ein Viertel der Haushalte bundesweit betroffen sein wird. Eine Größenordnung, die in etwa auch auf die Klingenstadt zutrifft. Ungefähr 100 000 Haushalte gibt es in der Stadt, 25 000 wären also betroffen. Davon müssten bei der Krisenbewältigung die Haushalte abgezogen werden, die ohnehin im Leistungssystem sind, weil der Staat die Kosten erstattet.

Stadtwerke: Gaspreis soll in Solingen um etwa fünf Cent steigen

Juliane Hilbricht nimmt andere in den Blick: „Wir müssen vor allem Angebote schaffen für Menschen, die sonst von den Sozialsystemen nicht abgefangen werden. Es wird viele treffen, die oberhalb von Hartz IV und Grundsicherung im Alter liegen, die vielleicht noch nicht einmal Wohngeld bekommen, aber mit den Nachzahlungen überfordert sein werden.“ Das bestätigt auch Caritas-Direktor Dr. Christoph Humburg. „Bei uns in der Beratung sind viele, die gerade so über die Runden kommen mit einem Zweitjob oder einer kleinen Rente. Sie haben Angst, dass sie die Mehrkosten nicht stemmen können. Und ihnen droht der Verlust sämtlicher Ersparnisse.“

Juliane Hilbricht leitet den Stadtdienst Wohnen.

Die Caritas und andere Verbände riefen deshalb dazu auf, diese Menschen gezielt zu entlasten. Die geplante Mehrwertsteuersenkung auf Gas sei zwar erfreulich, helfe aber auch denen, die es nicht so dringend bräuchten.

Stadtdienstleiterin Juliane Hilbricht, früher Fraktionssprecherin der Grünen, befürchtet außerdem, dass es ein „wildes Abschalten“ von Gas und Strom durch Vermieter geben könnte, die sich mit Gasverträgen verzockt hätten. Nicht alle Probleme könne die Stadt beheben, es brauche große Lösungen – und Entlastungen vom Bund. „Hoffentlich wird der Ruf der Sozialverbände gehört.“ Außerdem brauche es politische Regeln, was noch gehe und was nicht: „Dass man angesichts von Gasknappheit Privatsauna oder Pool nicht mehr betreibt, hielte ich für richtig.“

„Die einen tanzen um das Goldene Kalb, die anderen fallen durchs Raster.“

Dr. Christoph Humburg

Mit Blick auf die vielen betroffenen Haushalte erklärt Hilbricht: „Das ist eine große Zielgruppe, die wir auch erreichen müssen. Es darf nicht sein, dass im Winter 2023 Menschen in kalten Wohnungen sitzen.“ Die Stadt bereite sich bereits vor und plane gemeinsam mit Sozialverbänden und der Verbraucherzentrale neue Maßnahmen.

In dieser Woche sei die Auszahlung des Heizkostenzuschusses für Wohngeldempfänger gut über die Bühne gegangen. „Wir nutzen das, um den Menschen zu sagen: Verbraucht das Geld nicht, sondern legt es auf die Seite oder gebt es als Abschlagszahlung an den Energieversorger.“ Auch Beratungen zum Energiesparen seien ein Ansatz. „Bei manchen ist da aber kein Spielraum mehr“, so Hilbricht.

Im Gegenteil: Mieterbund und Verbraucherzentrale sind besorgt, dass Menschen aus Verzweiflung gar nicht heizen – dann ist schnell Schimmel in der Wohnung. Mit falschem Sparbemühen könne so das Gegenteil erreicht werden. Hilbricht setzt auch auf eine Kampagne für Eigentümerinnen und Eigentümer: „Wir müssen jetzt in Klimaanpassungsmaßnahmen investieren. Wenn wir das nicht machen, haben wir in vielerlei Hinsicht ein großes Problem.“

Einen gesellschaftlichen Missstand nimmt Dr. Christoph Humburg in den Blick. „Menschen werden an den Rand gedrängt und müssen zu Tafeln und vielleicht bald in Wärmestuben. Meine Sorge ist, dass das irgendwann gesellschaftlich anerkannt ist.“ Es sei an der Zeit, klar zu benennen, dass sich die Klassengesellschaft verschärfe, so der Caritas-Direktor. „Das ist systemimmanent, weil der Schwerpunkt unseres Denkens auf Profit ausgerichtet ist. Die einen tanzen um das Goldene Kalb, die anderen fallen durchs Raster. Das ist sozialer Sprengstoff.“

Organisation und Beratung

Seit 1. August hat die Zentrale Fachstelle für Wohnungsnotfallhilfe (ZFS) die Antragsbearbeitung bei drohender Energiesperrung gebündelt übernommen. „Wir beraten und vergeben Darlehen aus einer Hand“, so Stadtdienstleiterin Juliane Hilbricht. Sofern die Finanzierung gesichert werden kann, soll jedem Haushalt, der die Beratung der ZFS in Anspruch nimmt, der Energiespar-Check der Caritas angeboten werden. Aktuell ist das nur für Haushalte möglich, die Transferleistungen beziehen, heißt es in einer Vorlage für den Sozialausschuss. Der tagt am kommenden Dienstag, 23. August, um 17 Uhr im Theater (Tagungsraum 3).

Standpunkt von Björn Boch: Zu Recht alarmiert

bjoern.boch@solinger-tageblatt.de

Erst am Mittwoch haben die Solinger Stadtwerke angekündigt, dass ihre Gaspreise steigen. Um mehr als 80 Prozent, rechnet man die neuen Umlagen mit. Wer das Geschehen verfolgt, weiß: Das dürfte noch nicht das Ende gewesen sein. Zeitgleich warnte Stadtdienstleiterin Juliane Hilbricht im Gespräch mit dem ST vor den Folgen der steigenden Preise. Auch die Caritas ist alarmiert. Viele Menschen in der Stadt sind das – zu Recht.

Als wäre bittere Armut nicht schlimm genug, die Folgen könnten schlimmer werden. Denn nichts gibt Populisten und Radikalen zuverlässiger Auftrieb. Wir haben gewiss noch keine Weimarer Verhältnisse, doch damals kippte die Stimmung binnen weniger Jahre.

Solingen hat sich mit der Armutskonferenz gerade erst auf den Weg gemacht. Akut sind andere am Zug. Die bisherigen Antworten aus Berlin zur drohenden sozialen Schieflage – insbesondere der FDP – sind aber ebenso wenig hilfreich wie die Protestaufrufe der Linken für einen „heißen Herbst“.

Hohe Energiekosten: Das raten die Stadtwerke Solingen

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