Corona-Krise

Empörung über gestrichene Bonuszahlung für medizinische Pflegekräfte

Medizinische Pflegekräfte erhalten keine Bonuszahlung für die Leistungen in der Corona-Krise.
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Medizinische Pflegekräfte erhalten keine Bonuszahlung für die Leistungen in der Corona-Krise.

Zusätzliches Geld gibt es nur in der Altenpflege – Krankenhaus-Mitarbeiter können das nicht nachvollziehen.

  • Noch im April hatte Gesundheitsminister Jens Spahn Boni für Pflegekräfte angekündigt.
  • Belastung für Pflegekräfte sei seit Corona noch größer geworden.
  • Betriebsratsvorsitzende des Klinikums will sich weiter für Bonus für alle einsetzen.

Von Björn Boch

Solingen. Medizinische Pflegekräfte erhalten nun doch keine staatliche Bonuszahlung. Als diese Nachricht das Städtische Klinikum Solingen erreichte, „haben sich viele veräppelt gefühlt. Und nicht wertgeschätzt“, betont die Betriebsratsvorsitzende Anke Jahncke. „Wir hätten alle eine Bonuszahlung verdient.“

Das sieht Andreas Degelmann genauso. Er ist seit Anfang des Jahres Sprecher der Geschäftsführung der Kplus Gruppe in katholischer Trägerschaft, zu der auch die St. Lukas Klinik in Ohligs gehört. Die Entscheidung, medizinischen Pflegekräften den Bonus nicht zu zahlen, findet er „empörend“.

Rückblick: Bundesgesundheitsminister Jens Spahn (CDU) hatte im April Boni für Pflegekräfte angekündigt, die während der Corona-Pandemie besonders viel geleistet haben. „Das war ein wichtiges und starkes Signal, die Politik hat sich hinter das Gesundheitssystem gestellt“, sagt Degelmann. Gesetzlich verankert wurde das nun aber nur für die Altenpflege. Das Bundesgesundheitsministerium begründet die Entscheidung auch damit, „dass die Entlohnung in der Altenpflege aktuell noch nicht so hoch ist wie die Entlohnung von Pflegekräften in Krankenhäusern“.

Andreas Degelmann, Sprecher der Geschäftsführung der Kplus Gruppe, und die Betriebsratsvorsitzende des Städtischen Klinikums, Anke Jahncke, kritisieren das.

Ein Argument, das Degelmann nicht gelten lässt. „Es geht doch nicht um noch geringere Einkommen, es sollte um Unterstützung gehen.“ Zur Kplus Gruppe gehören Alten- und Pflegeheime, die Mitarbeiter haben den Bonus verdient, betont Degelmann. „Die anderen Pflegekräfte aber auch.“

Natürlich seien die Arbeitsbedingungen in der Altenpflege hart, betont Anke Jahncke. Dort erhalten die Mitarbeiter einen Bonus von bis zu 1500 Euro. „Aber das sind sie im Krankenhaus, in der ambulanten Pflege und überall sonst im Gesundheitswesen auch.“ Jahncke hat noch eine weitere Befürchtung: Die Tarifverhandlungen für den öffentlichen Dienst stehen an. Da sei eine Erhöhung Pflicht. „Aber die Verantwortlichen haben offenbar wieder vergessen, dass bessere Bezahlung vor Monaten ein großes Thema war.“

„Jede fähige Person stellen wir sofort ein.“

Andreas Degelmann, Kplus Gruppe

Die Belastung für Pflegekräfte sei seit Corona noch stärker geworden, auch durch das ständige Tragen der FFP2-Masken und die Umsetzung der berechtigten, zusätzlichen Hygienemaßnahmen. „Wir haben das Glück, dass die Medizin weit fortgeschritten ist, aber die Versorgung älterer und schwer kranker Patienten wird immer pflegeintensiver“, so Jahncke.

Als öffentliches, kommunales Haus hätten sie und ihre Kollegen den Vorteil, dass nicht so viel Personal abgebaut wurde. „Es ist aber traurig, dass sich die Gesellschaft vor Jahren entschieden hat, dass ein Krankenhaus ein hart umkämpfter Markt sein darf.“ Sie werde sich weiter einsetzen für einen Bonus für alle, die im Krankenhaus arbeiten: Ob in der Pflege oder bei den Dienstleistern, etwa bei der Reinigung, beim Transport oder in der Küche. „Alle versuchen, das Ihre dazu beizutragen, dass es den Menschen besser geht.“

Damit das alle im Gesundheitswesen weiterhin tun, beschäftigt sich Andreas Degelmann viel mit Mitarbeiter-Zufriedenheit. Wichtig seien vor allem verlässliche Dienstpläne, gutes Führungsverhalten und ausreichend Mitarbeiter. „Jede fähige Person stellen wir sofort ein“, sagt Degelmann. Und macht noch auf ein anderes Problem aufmerksam: den Fachkräftemangel. Der werde unter anderem dadurch verursacht, dass eine ausgebildete Pflegekraft im Schnitt nur 7,5 Jahre in dem Beruf arbeite. Bei der Kplus Gruppe seien es immerhin 12 Jahre. „Der Beruf muss attraktiver werden, aktuell ist das kein zufriedenstellender Job“, sagt Degelmann.

Auch für Anke Jahncke stellt sich die Frage, „was wir als Gesellschaft aus der noch bestehenden Pandemie gelernt haben“. Gebe es ein „Weiter so“ mit unterfinanzierten Krankenhäusern? Oder habe die Gesellschaft erkannt, dass die deutsche Krankenhauslandschaft einen wesentlich glimpflicheren Verlauf der Pandemie begünstigt hat? Dann müsse eine deutliche Attraktivitätssteigerung für Pflegeberufe und eine nachhaltigere finanzielle Unterstützung von kommunalen Krankenhäusern folgen.

Gewerkschaft

Auch die Gewerkschaft Verdi wehrt sich dagegen, dass medizinische Pflegekräfte keinen Bonus erhalten sollen. „Wir haben in den Krankenhäusern, zu denen wir Kontakt haben, eine Unterschriftenaktion gestartet. Die Unterschriften sind mit einem Anschreiben an die Landesregierung verbunden und sollen demnächst übergeben werden“, sagt Gewerkschaftssekretärin Ina Oberländer. Im Fokus stehe außerdem die „rasche Einführung der bedarfsgerechten Personalbemessung“. Das Schichtsystem sei eine besondere körperliche Belastung.

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Standpunkt: Außer Beifall nix gewesen?

Von Björn Boch

bjoern.boch@solinger-tageblatt.de

Was die Pflegekräfte im Städtischen Klinikum, in der St. Lukas Klinik und – natürlich auch und besonders – im Krankenhaus Bethanien, dem Zentrum der Solinger Corona-Bekämpfung, geleistet haben, ist unstrittig. Der Beifall und die Aufmunterung aus der Bevölkerung waren mehr als verdient, die damit verbundene Wertschätzung sicher emotional wichtig. Sie war aber eben auch berechtigter Anlass, auf die schwierigen Arbeitsbedingungen hinzuweisen. Politiker haben sich mit sicherem Gespür an die Spitze der Dankbaren gestellt und wortreich verkündet, eben diese Arbeitsbedingungen verbessern zu wollen – und obendrein noch eine Bonuszahlung für die besonderen Leistungen angekündigt. 

In Bezug auf die Krankenpflege hätten sie besser darauf verzichtet, denn Empörung und Enttäuschung sind groß. Und das völlig zu Recht. Hatten viele Menschen in der Pflege das Gefühl, dass sich nun endlich etwas ändern könnte, ist die Hoffnung erst einmal verflogen. Man darf gespannt sein, was von den anderen Versprechen übrig bleibt, sobald Corona überwunden ist und der Kassensturz folgt.

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