ST-Montagsinterview

Engel fordert 500-Euro-Einkaufsgutschein für alle

Der Geschäftsführer des Einzelhandelsverbands Rheinland Region Bergisches Land, Ralf Engel, erwartet nach Corona eine neue Einzelhandelslandschaft. Sinkende Umsätze und Kundenfrequenzen in den Geschäften bedeuteten ganz neue Herausforderungen für die Zukunft. Foto: Roland Keusch
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Der Geschäftsführer des Einzelhandelsverbands Rheinland Region Bergisches Land, Ralf Engel.

Der Handel wird sich nach Corona ändern: Ralf Engel, Geschäftsführer des Einzelhandelsverbands, sieht weiter düstere Wolken am Konjunkturhimmel.

Von Philipp Müller

Solingen. Der Geschäftsführer des Einzelhandelsverbands Rheinland Region Bergisches Land, Ralf Engel, erwartet nach Corona eine neue Einzelhandelslandschaft. Sinkende Umsätze und Kundenfrequenzen in den Geschäften bedeuteten ganz neue Herausforderungen für die Zukunft. Lesen Sie hier das gesamte Interview:

Ab Montag, 11. Mai, dürfen alle Geschäfte wieder öffnen, was bedeutet das für den örtlichen Einzelhandel?

Ralf Engel: Das ist schon lange eine Forderung unseres Verbands. Da gab es vorher viele unverständliche Lösungen. Ich nenne die Beschränkung auf 800 Quadratmeter Verkaufsfläche. Da musste das ganze Sortiment auf kleinerer Fläche präsentiert werden. Deswegen sind wir froh, wenn es jetzt wieder für alle losgeht.

Wie sind die Geschäfte in Remscheid und Solingen seit März durch die Phase der Schließungen gekommen?

Engel: Wir haben eine Umfrage unter unseren Mitgliedern in ganz NRW gemacht. Die lässt sich aber auf jeden Standort übertragen, also auch auf Remscheid und Solingen. Danach lagen die Kundenfrequenzen nach der Eröffnung der ersten Phase seit dem 20. April durchweg bei 40 bis 43 Prozent. Die Umsätze erreichten gegenüber dem Vorjahr aber nur maximal 40 Prozent. Die Händler berichten, dass sich die Stimmung bessert. Aber die Lage ist weiter schwierig, besonders für die Textilbetriebe. Da soll jetzt eigentlich die Sommerware in die Regale, aber die aus dem Frühjahr ist noch nicht verkauft.

Können die Händler die vielen Hygiene-Vorschriften gut umsetzen oder wo liegen die Probleme?

Engel: Das war für alle Händler eine Herausforderung, das sind ja alles keine Hygiene-Experten. Außerdem hat der Gesetzgeber die Betriebe ziemlich allein gelassen. Große Betriebe haben zusammen mit dem Tüv Konzepte entwickelt, die kleinen Läden standen aber vor einem Problem, haben das aber ganz gut gemeistert. 50 Prozent der von uns befragten Händler haben aktive Zugangsbeschränkungen durch das Personal eingerichtet, mehr als 80 Prozent bieten Desinfektionsmöglichkeiten für die Kunden und 77 Prozent haben ihre Kassenbereiche mit Schutzscheiben abgetrennt. Das hat aber insgesamt zu einer Mehrbelastung der Mitarbeiter geführt.

Haben Sie einen Überblick, wie viele Händler Instrumente wie Corona-Soforthilfen oder Kurzarbeit nutzen?

Engel: Nach unserer Umfrage sind das immerhin 68,6 Prozent unserer Mitglieder, die die Soforthilfe beantragt und auch erhalten haben. Das kann man so auch für Solingen und Remscheid ansetzen.

Drohen trotz der Lockerungen noch Pleiten? Und wen wird es treffen?

Engel: Wenn ich das wüsste, würde ich Glaskugellesen machen. Wir haben natürlich auch die Einschätzung zur wirtschaftlichen Lage abgefragt. Immerhin 19,3 Prozent betrachten das Risiko einer Geschäftsaufgabe als sehr hoch. Rund 60 Prozent nutzen immer noch die Kurzarbeit. Ich gehe davon aus, dass die Einzelhandelslandschaft eine andere sein wird, wenn wir das alles überstanden haben.

Viel Umsatz ist in den Online-Handel abgewandert. Kann der in den stationären Handel jetzt zurückgeholt werden? Was müssen die Händler dafür tun?

Engel: Das ist mehr als eine Hoffnung. Denn ich höre aktuell viel von den Schwierigkeiten mit den Paketzustellern. Auch von Paketen, die als geliefert gemeldet wurden, nie angekommen sind, aber der Preis für die Ware abgebucht wurde. Der stationäre Handel hat natürlich immer noch das Plus des Einkaufserlebnisses. Ich hoffe, dass durch die Krise bei Händlern, die bisher nur stationär unterwegs waren, der Blick dafür geschärft wird, welche Möglichkeiten der Online-Handel bietet. Es geht darum, sich ein zweites Standbein zu schaffen. Wir raten als Verband schon lange zu diesem Schritt. So kann über einen Online-Shop Ware bestellt werden und dann im Laden angeschaut und getestet werden, was so auch Chancen für Zusatzgeschäfte bietet. Das ist eine andere Form der Kontaktaufnahme mit dem Kunden, die der Handel jetzt weiterentwickeln sollte.

Greift man mal zwei Bereiche, untere Alleestraße in Remscheid und den Kern der Solinger Innenstadt, heraus. Wird die Corona-Krise Einfluss darauf haben, diese Bereiche wiederzubeleben?

Engel: Das ist ein Thema, an dem wir schon lange arbeiten. Die Corona-Krise zeigt, dass man auch andere Schwerpunkte setzen muss. Stichwort Nachhaltigkeit. Wir beobachten beispielsweise, dass Kunden jetzt verstärkt Bio-Läden und Direktvermarkter aufsuchen. Nehmen wir Textilien. Da ist ja noch überhaupt nicht klar, was Corona in den Produktionsländern in Asien anrichtet. Das alles öffnet Chancen für lokale und regionale Waren. Ich wünsche mir, dass viele Direktvermarkter sich nicht nur auf den Wochenmärkten, sondern auch in den Geschäften präsentieren können. Da muss der Handel offensiv mit umgehen.

Mit Beginn der Krise erfuhr der örtliche Handel viel Unterstützung, auch in sozialen Medien. Wird das auf Dauer helfen?

Engel: Sicher. Da gibt es die Gutschein-Aktion der Sparkasse. Und unser Hauptverband fordert, jedem einen 500-Euro-Gutschein in die Hand zu geben, den er im örtlichen Handel einlösen soll. Ich erlebe jetzt schon, dass sich viele fragen: „Wie geht’s meinem Händler vor Ort, den habe ich zwar lange nicht aufgesucht, warum eigentlich nicht?“ Ich sehe schon ein wachsendes Interesse, dass diese Läden nicht sterben.

Wie fällt vor diesem Hintergrund Ihr Fazit zu den aktuellen Chancen des Handels im Bergischen aus?

Engel: Es gibt so viele Baustellen, die brach liegen. Da ist das Thema DOC in Lennep. Was ist da mit den Klagen der Bürgerinitiativen? Auch bei der „Gläsernen Manufaktur“ und den Fair-Trade-Angeboten in Solingen sind viele Fragen offen. Dann weiß man noch nicht, welche Geschäfte schließen werden und für zusätzlichen Leerstand sorgen, der die Situation verschlimmert. Ich habe schon mehrfach betont, das Thema Innenstädte nicht nur aus der Sicht des Handels zu betrachten. Die Zentren müssen zu Begegnungsorten –auch der Kommunikation – werden. Dazu gehören ganz viele konsumfreie Angebote. Man muss über die Kombination aus Gewerbe, Dienstleistungen, Handel und Wohnen nachdenken. Und über die Mobilität. Wie schaffen wir es, dass die Menschen ohne eigenes Auto leicht zu den Angeboten in den Innenstädten kommen? Ich bin sicher, mit einer größeren Vielfalt in der Innenstadt, dazu gehört auch Handwerk, wird sich dort herum auch neuer Handel ansiedeln.

Zur Person

Ralf Engel ist einer der Geschäftsführer des Handelsverbands Nordrhein-Westfalen für die Region Rheinland in der Geschäftsstelle in Wuppertal.

Die Fakten

Nach der teilweisen Schließung im März durften seit dem 20. April zunächst kleinere Läden öffnen, danach die mit bis zu 800 Quadratmetern Verkaufsfläche, in der Folge auch größere Läden mit Beschränkungen. Nun ist alles geöffnet: Kosmetik- und Manikürestudios dürfen ab dem 11. Mai wieder öffnen, Hotels demnächst auch. Die Bäder erarbeiten Konzepte für eine Öffnung. Hier finden Sie alle Änderungen im Überblick.

Alle Entwicklungen rund um das Coronavirus können Sie in unserem Live-Blog verfolgen, der laufend aktualisiert wird.

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