Mein Blick auf die Woche

Einfach mal loslaufen, statt an Förderitis zu verzweifeln 

stefan.kob@solinger-tageblatt.de
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Wenn der Geldtopf einmal leer ist, kann es auch keine Fördermittel geben. Daher ist es oft Zeitverschwendung, den nächsten ellenlangen Antrag für eben diese Mittel auszufüllen. Am Ende füttert man ja doch nur das Bürokratiemonster. Die Zeit könnte man viel besser nutzen, indem man manchmal einfach macht, meint ST-Chefredakteur Stefan M. Kob.

Planen lässt sich so etwas kaum, weil die Termin- und Themenlage eines Tages selten einem bestimmten Muster folgt. Und doch zeigt sich manchmal im Lokalteil einer einzigen Tageblatt-Ausgabe, was so richtig gut und was so richtig schlecht läuft – und was die Ursachen hierfür sein könnten. Auf den ersten Blick haben die Themen, dass es Wartelisten an den Grundschulen für die raren Plätze der Übermittag-Betreuung gibt, nichts zu tun mit dem drohenden Engpass bei voll- und teilstationären Pflegeplätzen – außer, dass es beide Male um die Beschreibung eines Mangels geht. Es gibt zu wenig Geld und vor allem zu wenige Fachkräfte, um die Nachfrage zu decken. 

Beim genaueren Hinsehen kommt man um die Feststellung nicht herum, dass wir als moderne Industriegesellschaft die einst innerhalb der traditionellen Familie angesiedelten Versorgungsstrukturen outgesourct haben an ein staatlich finanziertes Geflecht von Dienstleistern. Die sollen sich um diejenigen kümmern, die sich noch nicht – oder nicht mehr – selbst versorgen können.

Früher passten die Großeltern auf die kleineren Kinder auf, während die Eltern schufteten. Wurden die Alten krank und schwach, sprangen wiederum Kinder und Enkel ein, um sie zu pflegen. Diesen Familienverbund gibt es heute kaum noch. Ihm hinterherzutrauern hat keinen Sinn. Wir haben uns als westliche Gesellschaft entschieden, die traditionellen Rollenbilder zu überwinden und stattdessen eine Welt zu schaffen, in der Kinder, Krankheit, Alter oder Tod oftmals unerwünschte Hindernisse auf dem Weg zur grenzenlosen Selbstverwirklichung sind, für die geeignetes Fachpersonal zuständig ist. 

Hier soll es nun keinesfalls um eine romantisierende Verklärung der Großfamilie gehen. Aber wenn wir uns nun einmal für diesen Weg entschieden haben, dann müssen wir dafür Sorge tragen, dass er ausreichend finanziert ist. Nur zur Erinnerung: Der Staat kann und muss dafür die Weichen stellen. Das dafür notwendige Geld steuert aber jeder Einzelne in Form von Steuern und Abgaben bei.   

Um die zu kurze Bettdecke jeweils an die Stelle zu ziehen, an der es am kältesten ist, haben wir die „Projekteritis“ erfunden, wie es Sozial- und Jugenddezernentin Dagmar Becker zutreffend nennt. Durch immer neue Förderprogramme mit wohlklingenden Titeln wie „Aufholen nach Corona“ werden die größten klaffenden Lücken gestopft, bevor sie sich zu einem alles verschlingenden Schwarzen Loch ausweiten.

Über fast alle Parteien hinweg und mit Unterstützung der Wohlfahrtsverbände und Jugendorganisationen fordert Solingen eine verlässliche Finanzierung der Kinder- und Jugendarbeit statt eines Hauptgewinns in der Förderlotterie. Der Appell ans Land wird ebenso verhallen wie alle anderen Resolutionen zuvor. Es ist schlicht nicht genug Geld da, um alle Wünsche zu bedienen. Und das in einer der reichsten Nationen weltweit? Liegt es also doch nicht am Geld, sondern an der Steuerung? Oder braucht das Bürokratiemonster, das unsere Umverteilungsgesellschaft geschaffen hat, ständig neues Futter, um weiter wachsen und gedeihen zu können? 

Bevor wir nun aber in tiefe Depression über das Unausweichliche versinken, liefern uns drei Beispiele in derselben ST-Ausgabe den Beweis, dass es auch ganz anders geht. Im Montessori-Zweig der Grundschule Meigen helfen alle mit, ukrainische Schüler zu integrieren und ihnen spielerisch die neue Sprache beizubringen. Selbst in den Pausen auf dem Schulhof wird Deutschlernen mit Bewegungsspielen kombiniert. An der Grundschule Weyer haben Eltern die Tornister-Patenschaft für die kleinen Kriegsflüchtlinge erfunden. Sie stellen den Kindern einen komplett mit allen notwendigen Inhalten gefüllten Schulranzen zur Verfügung. An der Fals haben die Schüler unfassbare 50 000 Euro durch Sponsorenläufe für die Ukrainehilfe zusammengelaufen.

Manchmal ist es eben besser, einfach loszulaufen, ein- und anzupacken, statt an 35-seitigen Förderanträgen zu verzweifeln. 

Unsere weiteren Themen in dieser Woche

Großrazzia zeigt erneut: Solingen ist ein Rückzugsort für kriminelle Clans.

Frühjahrsuntersuchung der Creditreform: Der Bergische Mittelstand blickt höchst verunsichert in die Zukunft.

Es grünt und blüht – doch Allergiker können den schönen Frühling oft nicht genießen. Diese Tipps helfen.

Wie denken die Bergischen angesichts des Kriegs in der Ukraine über Kohle und Atomkraft? Und welche Themen bewegen sie noch – eine Woche vor der Landtagswahl? Die Antworten liefert unsere große Forsa-Umfrage im NRW-Check.

Endlich kann die Busch-Seniorenstiftung nach der Corona-Zwangspause ihre segensreichen Angebote wieder öffnen.   

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