Prozess

Tod eines Kleinkinds (2): Frühere Pflegemutter muss ins Gefängnis

Die Angeklagte (51) verbarg ihr Gesicht, während sie mit ihrem Anwalt Michael Kaps (re.) auf das Urteil wartete. Hinten Gerichtsbediensteter.
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Die Angeklagte (51) verbarg ihr Gesicht, während sie mit ihrem Anwalt Michael Kaps (re.) auf das Urteil wartete. Hinten Gerichtsbediensteter.

Am Landgericht wurde die 51-Jährige Solingerin zu einer Haftstrafe von sechs Jahren und zehn Monaten verurteilt.

Von Dirk Lotze

Solingen. Für tödliche Misshandlung eines Kleinkinds in Solingen im Juni 2017 muss die 51 Jahre alte, frühere Pflegemutter ins Gefängnis. Das Mädchen wurde nur 21 Monate alt. Eine Hilfsstelle hatte es der Frau als Pflegekind anvertraut. Tatort war die Wohnung der Solingerin im Stadtteil Höhscheid

Das Landgericht Wuppertal verurteilte die Frau am Freitag zu sechs Jahren und zehn Monaten Gefängnis. Bewährung ist bei der Höhe ausgeschlossen. Die 51-Jährige ist Geschäftsfrau und hatte gestanden: Sie habe das Kleinkind bestrafen wollen, weil es "Schwierigkeiten" beim Essen machte. Sie hatte selbst den Rettungsdienst gerufen, als sie erkannte, dass das Kind Hilfe brauchte.

Das Gericht geht davon aus, dass eine angebliche Herzdruckmassage der Frau an der verletzten Zweijährigen nicht stattgefunden hat: "Das entstammt wohl eher dem Wunschdenken der Angeklagten." Das Mädchen war am selben Tag in einer Klinik an schwersten, inneren Verletzungen verstorben. Der vorsitzende Richter sagte: "Das ist ein Verfahren, bei dem es schwer fällt, die richtigen Worte zu finden."

Solingen: Das Kind kam aus einer Familie aus Leverkusen

Das Urteil nimmt Körperverletzung mit Todesfolge an, zusammen mit Misshandlung von Schutzbefohlenen. Der Frau wurde nicht nachgewiesen, dass sie den Tod gewollt oder wissentlich riskiert habe. Sie soll im Krankenhaus zusammengebrochen sein, als die Ärzte ihr Einverständnis erbaten, die aussichtslosen Rettungsversuche an dem Mädchen beenden zu dürfen. 

Das Kind war der Frau anvertraut worden, weil die ursprüngliche Familie in Leverkusen es nicht versorgen konnte. Laut Unterlagen hatten die Behörden zahlreiche Hinweise auf Schwierigkeiten der angeklagten, alleinstehenden damaligen Pflegemutter mit dem Mädchen, wie schon bei anderen Pflegekindern zuvor. Die Frau hatte darauf Beratungen erhalten.

Der vorsitzende Richter stellte fest: „Eine ‚Tragödie‘ kann man das allenfalls aus der Perspektive der leiblichen Mutter nennen. ‚Katastrophe‘ trifft es auch nicht. Die Justiz nennt das ein Verbrechen.“

Nachbarn beschrieben die Frau mit Kinderwunsch als impulsiv und schwierig im Umgang. Das Gericht zitierte eine Mitarbeiterin aus einer Hilfsstelle: Sie habe den Umgang der Angeklagten mit einem ihr früher anvertrauten Jungen als „schlimmste Pflegschaft jemals“ bezeichnet. Dennoch erhielt die Angeklagte danach wieder Kinder.

Das zu Tode gekommene Mädchen war Oktober 2016 zu der Frau gekommen. Für Prellungen und Verletzungen des Kleinkinds habe sie jeweils Erklärungen angegeben – bis hin zu einem Treppensturz, bei dem sie nicht dabei gewesen sei. In einer Klinik entstand der Verdacht, ein gebrochener Arm des Mädchens sei bereits seit zwei Wochen verletzt gewesen. Kommentar des Richters: „Wir hatten hier einen Arzt, der hat mich angeguckt, als hätte ich nicht alle Tassen im Schrank, als ich ihn fragte, ob das weh getan hat. Der konnte nicht verstehen, dass er das überhaupt noch mal aussprechen musste.“ Über die Angeklagte fügte der Richter hinzu: „Sie hat vielleicht gar nicht gemerkt, dass sie ein Kind nicht wie eine Nippes-Figur einfach ihrem Leben hinzufügen kann.“ Und: „Die Leute glaubten ihr, die sie da in ihrem picobello aufgeräumten Haus lebte.“

Unter dem Blick der Fachleute sei das verstorbene Mädchen bei der Angeklagten „verkümmert.“ Was die übrigen Beteiligten betrifft, stellte der vorsitzende Richter klar: „Was die sich vorzuwerfen haben, soll hier nicht weiter vertieft werden.“ Er fasste zusammen: „Es handelt sich um ein schreckliches Geschehen.“

Die Angeklagte kann Rechtsmittel einlegen.

Absprache

Gericht, Staatsanwaltschaft und Verteidigung hatten vereinbart, dass die Frau bei vollem Geständnis mit Strafe zwischen fünf und sieben Jahren Haft rechnen müsse. Mit dem Urteil schöpft das Gericht den abgesprochenen Rahmen. Laut Richtern wurde das Verfahren zwei Jahre verzögert, weil die Angeklagte mit bürgerlichem Hintergrund nicht in Untersuchungshaft war.

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