Andacht

„Einer, der ganz anders tickt“

Meinrad Funke
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Meinrad Funke

Theologen laden im ST zur Andacht ein – heute Meinrad Funke.

Liebe Leserinnen und Leser,

sind Sie cool? Ich meine: können Sie in schwierigen oder sogar katastrophalen Situationen gelassen bleiben?

Ich gebe zu: Ich nicht. Wenn ich mich ärgere, kann ich schon mal richtig laut werden. Wenn jemand mich verletzt oder nicht ehrlich ist, bin ich gekränkt. Und wenn mir ein Missgeschick passiert, kann ich mir sehr lange nicht verzeihen. Ich habe oft Kopfkino (stelle mir vor, was passiert, wenn. . .) und überlege ständig, wie und was ich anders machen müsste. Und da ich weiß, dass ich oft so bin und damit keine guten Erfahrungen habe, ärgere ich mich darüber, dass ich schon wieder in irgendeine Falle getappt bin. Jetzt sagen Sie doch wenigstens, dass es Ihnen ähnlich geht – dann fällt´s mir vielleicht leichter.

Das Evangelium des kommenden Sonntags (Mathäus 1,18-24) erzählt uns von einem Menschen, der ganz anders tickt. Josef von Nazareth, der Verlobte Marias, hätte allen Grund, verletzt, enttäuscht und wütend zu sein. Er könnte Maria sogar dem Gericht der Ältesten ausliefern und sie steinigen lassen. Denn eine verheiratete oder verlobte Frau, die ein Kind bekommt, ohne dass der Partner der Vater ist, hat Ehebruch begangen und darauf steht Todesstrafe im alten Israel.

Meinrad Funke wünscht sich Menschen, wie die biblische Figur des Josef, die im guten Sinne in stressigen Situationen cool bleiben.

Deshalb ist es schon sehr besonnen, sehr cool, dass er sich von Maria in aller Stille trennen will. Kein Prozess, kein Spektakel. Josef weiß, dass Liebe sich nicht erzwingen lässt. Nun aber geschieht noch Größeres: Josef träumt und in diesem Traum vermittelt ihm der Engel, dass Maria nicht fremd gegangen ist, dass Gott an ihr gehandelt hat, damit der versprochene Messias Mensch werden kann. Josef wird sogar aufgefordert, bei Maria zu bleiben und mit ihr und dem Kind durchs Leben zu gehen. Und als Josef wach wird, kommt er zu der Überzeugung, dass dieser Traum wahrhaftig ist. Es ist der Traum des alten Israel, dass Gott selbst kommt, um sein Volk zu befreien. Gelassen und zuversichtlich sagt er genau so „ja“, wie seine Braut es vor ihm getan hat und gemeinsam machen sie sich auf den Weg. Zunächst nach Betlehem, dann auf die Flucht nach Ägypten und zurück in den Alltag. Wer weiß, vielleicht kann Jesus seinen großen Auftrag und sein Gespür für seinen göttlichen Vater gerade durch das grenzenlose Vertrauen seiner irdischen Eltern in diesen Gott entwickeln.

Leider erzählt die Bibel viel zu wenig von Josef. Denn ich merke, dass er mir guttut. Ich glaube auch, in dem weltpolitischen Chaos des zurückliegenden Jahres, der Sorge um unsere Umwelt, den Frieden, Inflation, . . . und angesichts mancher persönlicher Krise oder Verletzung tun uns solche Josefs gut. Menschen, die einfach einmal durchatmen, gelassen bleiben und durch diese Kraft umso beherzter handeln können.

Es gibt schöne Darstellungen dieses Heiligen. Ich meine weniger diejenigen mit der großen Säge. Die sind auch okay, denn sie zeigen, dass Josef durchaus ein bodenständiger Handwerker ist. Aber die Bilder, die besonders sein hörendes Ohr zeigen, bestärken uns in der Offenheit und Zuversicht dieses Mannes.

Ich wünsche Ihnen und mir, in dieser Haltung auf Weihnachten und den Jahreswechsel zuzugehen und manchmal im guten Sinne cool zu bleiben.

Ihr Meinrad Funke

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