Symposium

Eine Gesellschaft kommt ohne Gefängnis nicht aus

NRW Justizminister Biesenbach sprach sich bewusst gegen eine Abschaffung der Gefängnis-Strafe aus.

Die Bergische Gefängnis-Gemeinde hatte am Freitagabend zu einem Symposium über den Sinn von Haftstrafen eingeladen.

Von Jutta Schreiber-Lenz

Am Schluss musste Moderatorin Anke Bruns einige Wortmeldungen aus dem Auditorium ignorieren: Das überschrittene Zweistunden-Zeitfenster für die Veranstaltung im Vaßbendersaal der evangelischen Stadtkirche zeugte von der lebhaften Beteiligung am brisanten Thema „Macht Gefängnis Sinn“. Bewusst habe man das Fragezeichen hinter diesem Satz weggelassen, erklärte Ulrike Hollander als Vorsitzende der Bergischen Gefängnis-Gemeinde in ihren Begrüßungsworten. Sie wollten die Aufmerksamkeit einer Diskussion auch auf die Begriffe „Macht“ und „Sinn“ lenken. 

Gut 80 Interessierte füllten die Stuhlreihen um die Meinungen der Podiumsmitglieder zu verfolgen, aber auch, um im zweiten Teil des Abends kräftig mitzudiskutieren. Ein „buntes Podium“ versprach spannende Aspekte dieses bewusst aufrüttelnd-provozierenden Themas. Mit „Frank“ hatte ein ehemaliger Strafgefangener das Mikrophon in der Hand. Er brachte beispielsweise das Thema „Rente“ ins Spiel: „Wer nach einer Haftverbüßung wieder in Freiheit ist, wird unweigerlich im Alter bei Harz IV landen weil er in seinen Anstaltsjahren nichts in die Rentenversicherung einzahlen konnte. Diese Zeit fehlt hinterher.“ Dr. Thomas Galli, Rechtsanwalt und ehemaliger Anstaltsleiter stellte den Vollzug „so, wie er in der Praxis läuft“ komplett in Frage. Er habe noch nie erlebt, dass ein Ex-Gefangener sich nach der Entlassung als „geläutert“ gezeigt habe: „Die große Anzahl der Wiederholungstäter, die wie bei einer Drehtür immer wieder in die Gefängnisse hereinkommen, leben längst in einer Parallelwelt und sind von „normalen Lebensentwürfen“ abgehängt.“ 

INFO

Die Evangelische Bergische Gefängnis-Gemeinde wurde vor 70 Jahren gegründet. Die Idee war, inhaftierten Menschen eine seelsorgerische Lobby-Arbeit anzubieten. Sie wird getragen von den Kirchengemeinden der fünf bergischen Kirchenkreise Lennep, Leverkusen, Niederberg, Solingen und Wuppertal, sowie persönlichen Mitgliedern. Der Verein engagiert sich in den JVAs des Bergischen Landes, in Remscheid, Wuppertal Vohwinkel und Wuppertal Ronsdorf. Die EBGG e.V. finanziert Projekte in den Anstalten und die Fortbildung der Ehrenamtlichen.

Der durch einen verspäteten Flieger aus Berlin verzögert eingetroffene Justizminister NRWs, Peter Biesenbach, setzte mit einem umfangreichen Statement zu Anfang seine klare Position in den Raum: Es gebe keine Gesellschaft oder Gemeinschaft, die ohne Gefängnisstrafen als letztes Mittel der möglichen Sanktionen auskäme. Fast noch wichtiger als die Sanktion, die hinter einer Inhaftierung stecke, sei für ihn die Resozialisierung der straffällig gewordenen Menschen. Dass das ein hohes Ziel sei, das derzeit oft nicht erreicht werde, gab er unumwunden zu. „Da müssen wir besser werden.“ Nicht umsonst habe er seit Sommer erstmalig eine Bestandsaufnahme der herrschenden Maßnahmen angefordert, die in den Haftanstalten liefen. Mit dieser Haltung ging er mit den meisten Anwesenden offenbar „d’accord “ - allerdings wurden ihm aus dem Publikum tatsächlich viele Missstände aus der Praxis um die Ohren gehauen, die hinter das Gelingen einer Resozialisierung dicke Fragezeichen setzten. Trotzdem betonte Biesenbach immer wieder, dass man sich in der Justiz schon lange vor dem Prinzip "Schuld-Vergeltung“ verabschiedet habe. 

Der Vorschlag von Rechtanwältin Andrea Groß-Bölting, Gefängnisse aufzulösen und nur noch auf Sozialarbeit als Sanktionen für Straffällige zu setzen, wurde als „Sozial-Romantik“ bezeichnet. „Das sei organisatorisch und personell nicht zu schaffen.“ Pfarrer Jörg Schnitzius, Seelsorger in der JVA Wuppertal-Ronsdorf betonte den Aspekt der Mitmenschlichkeit und der Würde für die Inhaftierten, der in den Vollzugsanstalten, nie vergessen werden dürfe. „Gefängnisse sind für mich ein notwendiges Übel. Sie machen nur dann Sinn, wenn das Augenmerk spürbar und erfahrbar darauf liegt, Gestrandete der Gesellschaft Hilfestellungen zu geben, die auch nach der Entlassung noch abrufbar sind.“

Auch interessant

Kommentare zu diesem Artikel