Erinnerung

Opfer des Pogroms am Pfaffenberg: Ein Stolperstein für Hedwig Brauer

Hedwig Brauer lebte dort, wo heute die Adresse Am Neumarkt 5 ist. Sie musste zwangsweise zum Pfaffenberg in ein „Judenhaus“ umziehen und wurde dort Opfer eines Pogroms durch NSDAP-Schergen.
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Hedwig Brauer lebte dort, wo heute die Adresse Am Neumarkt 5 ist. Sie musste zwangsweise zum Pfaffenberg in ein „Judenhaus“ umziehen und wurde dort Opfer eines Pogroms durch NSDAP-Schergen.

In einer Feierstunde wurde der Opfer des Pogroms am Pfaffenberg gedacht.

Von Philipp Müller

Mit einer Gedenkfeier und einer Stolpersteinverlegung wurde an das Pogrom vom Pfaffenberg vom 13. Juli 1941 erinnert.

Solingen. Von sehr viel Alkohol aufgeputscht und Judenhass befeuert, machte sich in der Nacht vom 12. auf den 13. Juli 1941 eine Gruppe von Teilnehmern eines Schulungsabends der NSDAP-Ortsgruppe Dorp zum Pfaffenberg auf. Ziel war ein „Judenhaus“, in dem Juden lebten, die das NS-Regime meist willkürlich verurteilt und gesellschaftlich ausgegrenzt hatte. Mit Stöcken bewaffnet, stürmten sie das Haus und prügelten auf sechs jüdische Bewohnerinnen und Bewohner ein und misshandelten ihre Opfer auf brutale Weise.

Die Historiker Dr. Stephan Stracke und Armin Schulte ließen diese Momente vor 80 Jahren bei einer Gedenkfeier auf dem Neumarkt wieder aufleben. Der Ort Am Neumarkt 5 war gewählt worden, weil dort eines der Opfer, Hedwig Brauer, vorher gelebt hatte. Das Haus wurde nun mit einem Stolperstein im Pflaster als Ort markiert, in dem Opfer der Nazis gewohnt hatten. Weitere Stolpersteine für Brauers Sohn Walter und ihre Schwiegertochter Herta Helena Brauer sowie deren Mutter Friederike Blondine Strauss liegen dort bereits.

Bei der Veranstaltung, zu der der Solinger Appell, der Unterstützerkreis Stolpersteine für Solingen und der Verein Max-Leven-Zentrum Solingen eingeladen hatte, sprachen neben den Historikern auch Oberbürgermeister Tim Kurzbach und Sylvia Löhrmann, die Generalsekretärin des Vereins „321 – 1700 Jahre jüdisches Leben in Deutschland“. Moderiert wurde die Veranstaltung von Daniela Tobias, der Vorsitzenden des Max-Leven-Vereins. Eindringliche Musik bot Luca Miedek von der Musikschule mit ihrem Cello.

OB Kurzbach nahm die Veranstaltung zum Anlass, sehr persönlich zu werden. Er bat darum, nicht pauschal und reflexartig alle Opfer auf den heroischen Sockel zustellen und Widerstand gegen das NS-Regime heute als versäumte Selbstverständlichkeit zu brandmarken. „Es gab ein Versagen und ein Nichthinsehen“, erklärte er. Es sei nicht so leicht gewesen, gegen das Regime Nein zu sagen. Keiner von uns wisse heute, wie er sich verhalten hätte.

„Wir sind verantwortlich für das, was heute gilt.“

Sylvia Löhrmann, Verein „321 – 1700 Jahre jüdisches Leben“

Und er warnte davor, dass Judenhass auch heute wieder aktuell sei. Er verwies auf das Verbrennen der israelischen Flagge vor dem Rathaus vor einigen Wochen. Er habe damals öffentlich bekundet: „Ich stehe auch zu meinen jüdischen Freunden in Israel.“ Daraufhin sei er bedroht worden. „Die Polizei stand vor meinem Haus.“

Sylvia Löhrmann, die politisch zuletzt als grüne stellvertretende Ministerpräsidentin des Landes NRW tätig war, hatte die Patenschaft für den neuen Stolperstein übernommen. Sie lenkte den Blick in die Neuzeit. Es sei eine große, gesellschaftliche Aufgabe, eine Antwort auf diese Frage zu finden: „Wie erreichen wir es, dass sich Jugendliche mit der Geschichte auseinandersetzen? Wie schaffen wir es, nicht nur die Toten solcher Taten zu sehen, sondern die Opfer auch als lebendige Persönlichkeiten mit eigener Geschichte wahrzunehmen?“ Ihre Antwort darauf ist Bildung, getragen vom Leitsatz: „Wir sind verantwortlich für das, was heute gilt.“

Dabei nannte sie die Querdenker-Bewegung gegen die Corona-Maßnahmen. Das gehe teilweise mit einem Angriff gegen unsere Demokratie einher. Ganz laut „Nein!“ müsse man all denen entgegenrufen, die bei Demos etwa behaupten, als Corona-Opfer stehe man in unserer Demokratie mit Anne Frank auf einer Stufe. Die junge Jüdin konnte sich in Amsterdam vor den Nazis verstecken, bevor sie entdeckt wurde und in den letzten Kriegstagen in einem KZ starb.

Wie Kurzbach verwies Löhrmann auf die Notwendigkeit, die Demokratie zu schützen. Dabei müsse man sich bewusstmachen, dass die Nazis nur erfolgreich sein konnten, weil die Demokratie zwischen 1919 und 1933 „von der Mitte ausgehöhlt worden war“.

Prozess zum Pogrom am Pfaffenberg

In Wuppertal befasste sich das Landgericht 1947 mit den Taten vom 13. Juli 1941. Doch die zehn Angeklagten leugneten eine direkte Tatbeteiligung. Der Prozess war erst auf Grundlage des von Alliierten geschaffenen Rechts aus dem Jahr 1945 möglich. Es ermöglichte die „Bestrafung von Personen, die sich Kriegsverbrechen, Verbrechen gegen den Frieden oder gegen die Menschlichkeit schuldig gemacht haben“. In Wuppertal erhielten die Angeklagten Zuchthausstrafen zwischen zehn Monaten und zweieinhalb Jahren.

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