Historie

Ein Ladenlokal mit langer Tradition

Das Ladenlokal hat eine lange Tradition als Schuhhaus. Stefanie Schlüter hofft, dass die neue Nutzung dem Stadtteil zugutekommt.
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Das Ladenlokal hat eine lange Tradition als Schuhhaus. Stefanie Schlüter hofft, dass die neue Nutzung dem Stadtteil zugutekommt.

Über Jahrzehnte wurden in der Stresemannstraße 28 Schuhe verkauft – nun wird nach neuen Ideen gesucht.

Von Manuel Böhnke

Solingen. Die Adresse Stresemannstraße 28 ist eng mit dem Schuhhandel verbunden. Über Jahrzehnte drehte sich im Erdgeschoss der Immobilie im Walder Zentrum alles um Fußbekleidung. Damit ist es nun vorbei. Eigentümer Franz Schlüter und seine Familie suchen nach einer neuen Nutzung für das Ladenlokal. „Ich wünsche mir ein Angebot, das den Stadtteil zusammenbringt“, sagt Tochter Stefanie Schlüter. Einen Interessenten, der dieses Ziel verfolgt, gibt es mit dem Institut für DIY-Kultur. Der Verein sucht Unterstützer, um das Projekt zu realisieren.

Franz Schlüter stammt aus einer „Schuh-Dynastie“, wie er lachend berichtet. Sein Vater eröffnete 1926 ein Schuhgeschäft in Paderborn. Weil dort auch andere Familienmitglieder in derselben Branche tätig waren, suchte er nach einem neuen Standort. Den fand er über einen Vertreter. 1934 kaufte er den Walder Laden von Moses Rosenbaum. Der jüdische Kaufmann emigrierte im Anschluss mit seiner Familie nach Palästina, berichtet der Verein Max-Leven-Zentrum auf seiner Website.

30 Jahre lang war Franz Schlüter Vorsitzender des Walder Werberings. Er kann viel aus der Historie des Stadtteils berichten.

Im Zweiten Weltkrieg wurde Franz Schlüter mit seiner Familie nach Thüringen evakuiert. Der Vater überlebte den Krieg, kam nicht in Gefangenschaft. „Kurz nach Kriegsende konnten wir wieder eröffnen“, blickt der 81-Jährige zurück.

Das Problem: Neue Schuhe gab es im zerbombten Deutschland kaum. Deshalb beschränkte sich das Schuhhaus Schlüter in den ersten Jahren nach 1945 auf ein anderes Geschäftsmodell. In Care-Paketen aus Amerika befanden sich Treter für die deutsche Zivilbevölkerung. „Die hatten oft nicht die richtige Größe“, erzählt Franz Schlüter. Das Schaufenster an der Stresemannstraße entwickelte sich deshalb zu einer Tauschbörse für Stiefel und Co. Pro Tausch erhielten die Geschäftsinhaber einen Obolus.

Inzwischen wohnt Franz Schlüter in Landwehr. Doch noch immer ist er Wald eng verbunden. Er ist genau darüber informiert, was sich im Stadtteil tut. Und weiß viel aus der Geschichte zu berichten. „Früher war es im Rundling richtig voll. Die Straßenbahn fuhr direkt an unserem Geschäft vorbei“, erinnert sich der 81-Jährige. Von 1973 bis 2003 war er Vorsitzender des Walder Werberings. In seine Amtszeit fiel die Entscheidung, Weihnachtsbeleuchtung für den Stadtteil anzuschaffen. „Darauf bin ich stolz.“

Viel los im Walder Zentrum: Die Straßenbahn fuhr früher direkt am Schuhhaus Schlüter vorbei.

Der Schuhhandel ist für Franz Schlüter gewohntes Terrain. Für ihn und seine vier Geschwister war es normal, dass geschäftliche Themen beim Mittagessen mit der Familie zur Sprache kamen. Als ältestes Kind trat er in die Fußstapfen seines Vaters. „Ich bin mit dieser Entscheidung sehr zufrieden“, sagt er. Auch wenn die Zeiten bisweilen stressig waren. Vor allem, wenn Ehefrau Dorothee und er modische Trends antizipieren musste, um das Lager für die kommenden Monate zu füllen. „Da hatten wir schlaflose Nächte.“

„Die Straßenbahn fuhr direkt am Geschäft vorbei.“

Franz Schlüter, Schuhhändler

In den Jahren als Inhaber hat er den Wandel seiner Branche in der ersten Reihe miterlebt. Mehrfach wurde das Ladenlokal umgebaut, mit ABC-Schuhe 1969 ein zweites Geschäft an der Friedrich-Ebert-Straße eröffnet. Früher habe man den Kunden die Schuhe angezogen, die Kartons zu Mobilitätseingeschränkten geliefert. Heute, weiß der 81-Jährige, habe es der Einzelhandel nicht leicht. „Ich dachte, man könne Schuhe nicht über das Internet verkaufen. Ich wurde eines Besseren belehrt.“

Diese Entwicklung verfolgt er als Zuschauer. 2006 verpachtete er seine beiden Läden an Herbert Röseler. Der hat sein Angebot nun an der Friedrich-Ebert-Straße gebündelt.

Das wirft die Frage auf, was mit dem traditionsreichen Ladenlokal an der Stresemannstraße geschieht. „Ich denke nicht, dass dort wieder ein Schuhhandel einzieht“, zeigt sich Franz Schlüter realistisch. Tochter Stefanie schätzt das ähnlich ein. „Toll wäre ein Angebot, das Wald belebt“, findet die selbstständige Poetin, Speakerin und Begleiterin.

Gelingen könnte das dem Institut für DIY-Kultur. In einer Werkstatt am Katternberg betreibt der Verein Upcycling. Defekte oder scheinbar nutzlose Dinge werden in neuwertige Produkte umgewandelt. „Die würden wir gerne an der Stresemannstraße verkaufen“, berichtet Milena Munsch. Die Vorsitzende könnte sich vorstellen, in den Kellerräumen Ateliers und eine Werkstatt einzurichten. Das Problem: „Eine regelmäßige Miete ist für uns als Verein schwierig zu stemmen.“ Deshalb suche man Unterstützer, die das Projekt ein Jahr lang finanzieren. In der Zeit soll ein tragfähiges Geschäftsmodell entstehen.

Verein

Das Institut für DIY-Kultur möchte Akteure mit Ideen zu Nachhaltigkeit, bürgerschaftlichem Engagement, Selbstorganisation, Stadtentwicklung, urbaner Ökonomie und Ökologie, politischer und kultureller Mitgestaltung sowie Kreativwirtschaft zusammenbringen. Dazu probieren die Mitglieder Vieles aus. 2021 betrieb der Verein etwa ein Café in den Waggons der Fuhrgemeinschaft an der Trasse.

www.institutfuerdiykultur.de

milena@institutfuerdiykultur.de

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