Die Woche

Ein Grundkurs in Diplomatie könnte hilfreich sein

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stefan.kob @solinger-tageblatt.de

Trotz aller schlechten Erfahrungen mit dem bisherigen Impfanmelde-Verfahren hat das Land heute ein neues Wettrennen für die Ü-60-Jährigen um die wenigen Astrazeneca-Dosen eröffnet

Von Stefan M. Kob

Das Rennen um die wenigen freigegebenen Impfdosen ist der nächste Höhepunkt des katastrophalen NRW-Corona-Kurses. Für den Zorn der Menschen sind die Verantwortlichen in Düsseldorf oder Berlin schwer zu erreichen. Also laden sie ihren Ärger dort ab, wo sie Resonanz erzielen können: in ihrer Stadt, bei den Handelnden vor Ort.

Das Rathaus tut daher gut daran, sich schützend vor die eigenen Mitarbeiter zu stellen und ihre Bürger auf die wahren Schuldigen hinzuweisen. Und da überall die Nerven blankliegen, darf der Ton schon mal direkter und rauer sein. Allerdings scheint Oberbürgermeister Tim Kurzbach zunehmend Gefallen an der Rolle des Rebellen gegen die unfähige Ministerialbürokratie zu finden. Das war im Herbst noch sehr verständlich, denn das Basta-Nein der Schulministerin gegen den sogenannten Solinger Weg des Wechselunterrichts war mit rationalen Argumenten nicht mehr erklärbar. Solingens OB wurde damals als aufrechter Kämpfer gegen eine herz- und hirnlose Landesregierung bundesweit herumgereicht und konnte vor zahlreichen Mikrofonen und Kameras bis hin zum Heute-Journal über Solingen als moderne, digitale und innovative Stadt sprechen. Das hat dem Ruf der Klingenstadt sicher nicht geschadet. Entsprechend feiert die städtische Pressestelle bis heute jedes Interview eines überregionalen Mediums als Erfolgsstory ab.

Doch mittlerweile nutzt Tim Kurzbach jede sich bietende Gelegenheit, um auf die schwarz-gelbe Landesregierung mit markigen Worten draufzuschlagen. Ob es die Bätschi-Presseerklärung zum Gerichtsurteil war, mit der das Land zur kurzzeitigen Öffnung aller Geschäfte verdonnert wurde, oder jetzt die Terminvergabe für die Ü-60-Jährigen – wenn der Ton die Musik macht, dann sendet Solingen derzeit Heavy Metal. Höhepunkt war der – allerdings von allen drei bergischen OBs unterschriebene – Wutbrief an Wirtschaftsminister Pinkwart, um die Bewerbung als Modellkommune für weitere Öffnungsmöglichkeiten zurückzuziehen. Von „absolutem Armutszeugnis“, „Knauserigkeit“ und „beispielloser Missachtung der Kommunen“ ist in dem öffentlich gemachten Brief die Rede, und dass das Land seiner Verantwortung in der Pandemielage nicht gerecht werde. Mehr Schaum vor dem Mund geht nicht. Das mag ja verständlich sein, weil das Land offenbar gar kein offenes, faires Verfahren angestrebt hat, sondern „seine“ Modellkommunen mit Sicherheit schon vorher kannte. Dennoch könnte ein Grundkurs Diplomatie hilfreich sein. Zumal Solingens Bewerbung als nordrhein-westfälisches Tübingen ohnehin verwundert, da Kurzbach bisher strikt im „Team Vorsicht“ gespielt hat – man denke nur an die Solinger Ausgangssperre. Da muss man jetzt nicht den dicken Holzhammer schwingen, zumal Lockerungsübungen à la Tübingen angesichts exponentieller Inzidenzzahlen ohnehin vor dem Aus stehen. „Nach Corona“ wird Solingen auch wieder auf das Wohlwollen des Landes angewiesen sein. Irgendwann beantragt man wieder Fördermittel für ein wichtiges Projekt. Aber Lüdenscheid auch.

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