Mein Leben als Papa

Ein großes Abenteuer: Die Stadt gehört uns fast allein

Zebrastreifen können aufregend sein, auch wenn sie nicht weiß und blau sind. Foto: Gunnar Freudenberg
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Zebrastreifen können aufregend sein, auch wenn sie nicht weiß und blau sind.

ST-Redakteur Gunnar Freudenberg erzählt vom Alltag mit seinen Söhnen Hannes (5) und Michel (2)

„Möchtest du ein Brötchen auf die Hand?“, möchte die nette Verkäuferin in der Bäckerei von Michel wissen. Aber Michel antwortet nicht und blickt nur verlegen zu Boden. Diese Frage hat ihn auf dem falschen Fuß erwischt, sie überfordert ihn. Hannes hätte das Brötchen früher sofort angenommen. „Und was sagt man da?“, hätte ich ihn zu einem Dankeschön gedrängt, bevor es in der Metzgerei mit einer Scheibe Fleischwurst zu einer Wiederholung der Prozedur gekommen wäre.

Mit Hannes war ich früher gerne und oft „mal eben in der Stadt“. Mit Michel erlebe ich diese normale Normalität erst jetzt so langsam wieder. Fast anderthalb Jahre, also sein halbes Leben lang, galt für Michel das, was eigentlich nur für Hunde gilt: „Wir müssen leider draußen bleiben!“ Ab und zu mal in die Eisdiele oder zur Tankstelle – mehr war in Zeiten hoher Inzidenzen und geschlossener Geschäfte für Michel nicht drin.

Umso aufgeregter ist er, als ich ihn an diesem Mittwochmorgen, an dem die Kehrmaschine uns alle früh aus dem Schlaf gerissen hat, frage, ob er mit mir in die Stadt gehen möchte, weil ich zum Geldautomaten, zur Apotheke und zum Bäcker muss.

In Rekordzeit ist er angezogen und fachsimpelt wenige Schritte und Augenblicke später mit mir an der Hand über den Gelenkbus, der an uns vorbeifährt. „Das ist ein Faltenbalg“, sagt er – und ich bin ein bisschen stolz, dass er diese Bezeichnung in seinen Wortschatz aufgenommen hat. Kannte ich mit zwei Jahren noch nicht. Auch der Satz, den er mit Blick auf die Werbetafel sagt, wäre mir mit zwei Jahren noch nicht über die Lippen gekommen: „Ich mag Bier.“ Eigentlich wird hier nur für alkoholfreie Fassbrause geworben, von der er zu Hause ab und an gerne nippt, aber irgendwie hat sich die Bezeichnung Bier bei Michel festgesetzt.

Gunnar Freudenberg

Wir sind jetzt fast im Zentrum angekommen. Nachdem Michel schon lautstark über sämtliche Gullydeckel gehüpft ist, will er nun einen Umweg über die Treppe am verwaisten Matratzengeschäft nehmen. Ich soll auf dem Bürgersteig unter ihm bleiben. Kein Problem, mein Sohn. Genauso hab ich es früher als kleiner Junge aus Rade auch gemacht, wenn ich mit meiner Mutter an Möbel Behnke vorbeikam.

Am Modegeschäft, in dem alles wegen Geschäftsaufgabe raus muss, nehmen wir uns wieder an die Hand. „Das Kleid ist doof“, findet Michel und wird den Laden wohl nicht vermissen.

So früh morgens sind wir fast alleine in der Stadt. Sogar vor dem Geldautomaten hat sich keine Schlange gebildet. Begeistert drückt Michel die grüne Taste, zieht meine Karte raus und sieht zu, wie ich fünf Zehn-Euro-Scheine aus dem Automaten nehme. „Hast du das Geld gekauft?“, fragt er mich. „Könnte man so sagen“, antworte ich.

Zur Apotheke müssen wir über den Zebrastreifen. Michel guckt links und rechts und fängt an zu singen: „Zebrastreifen weiß und blau. Jeder weiß genau: Das ist der MSV!“ Ich muss lachen, frage mich aber auch, ob ich meinen Söhnen vielleicht besser sinnvollere Dinge beibringen sollte als die Vereinshymne des MSV Duisburg oder Bezeichnungen wie Faltenbalg.

Egal, Michel hat richtig gute Laune und fühlt sich in der Stadt, die erwacht, richtig wohl. Auf dem Pferdchen vor der Apotheke, für das uns die Apothekerin einen Chip schenkt, will er diesmal aber lieber nicht reiten. Noch zu fremd und unbekannt.

Lösen wir den Chip eben bei einem unserer nächsten Ausflüge in die Stadt ein. Und dann, da bin ich mir sicher, wird Michel sicher auch das Brötchen dankbar annehmen.

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