ST vor Ort

Ehepaar Siering hat sich eine Kunstoase geschaffen

Drei Öfen stehen dem 72-Jährigen in seiner Werkstatt für Projekte zur Verfügung.
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Drei Öfen stehen dem 72-Jährigen in seiner Werkstatt für Projekte zur Verfügung.

Musik und Kultur ziehen sich wie ein roter Faden durch das gemeinsame Leben der Solinger.

Von Manuel Böhnke

Solingen. Wer Brigitte und Heinz Siering besucht, kann sich auf kurzweilige Stundeneinstellen. Bildreich erzählen sie von ihren musikalischen Reisen um den Globus, greifen kurzerhand selbst zu den Instrumenten oder legen eine spontane Tanzeinlage hin. Kultur spielt eine zentrale Rolle im Leben des Ehepaars. In Aufderhöhe haben sie sich eine Kunstoase geschaffen.

Deren Zentrum ist eine frühere Sarg- und Möbelschreinerei. Brigitte Sierings Familie, die tief im Stadtteil verwurzelt ist, hat sie betrieben. Bis vor wenigen Jahren war die 72-Jährige Inhaberin des gleichnamigen Beerdigungsinstituts an der Aufderhöher Straße.

Aufwendig hat das Ehepaar das rund 150 Jahre alte Gebäude umgebaut. Heute kreischen dort keine Sägen mehr, angenehmere Klänge sind zu hören: Musik der 1940er und 1950er Jahre, eine Mischung aus Jazz, Blues und Swing. „Wir spielen jeden Tag. Das gehört für uns dazu wie Butterbrote“, erzählt Brigitte Siering.

Als sich das Paar kennenlernte, spielten beide noch keine Instrumente. „Unsere Musik war in den Knien“, erzählt Heinz Siering. Ein leidenschaftlicher Boogie-Tänzer sei er gewesen. Bei seiner heutigen Frau kam das an. Im Tanzcasino Hilden forderte er sie 1967 auf – zwei Jahre später folgte die Hochzeit. „Wer seinen Körper in Stimmung bringen möchte, muss tanzen“, sagt der 72-Jährige.

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Während seines Studiums der Sozialarbeit begann er, Saxofon zu spielen. Inzwischen sind Gitarre, Ukulele und Mundharmonika hinzugekommen. Seine erste Band hieß Route 66, seit 1987 existieren die Bobcats. Dort trat Brigitte Siering zunächst als Background-Sängerin auf, seit knapp 30 Jahren spielt sie Kontrabass – und nimmt bis heute an Kursen teil, um neue Techniken kennenzulernen. „Alles, was man macht, muss man beherzt tun. Es muss swingen“, sind sich die Sierings einig.

Das ist nicht nur das Motto des Ehepaars, sondern auch des Trios Swingvergnügen. Seit knapp vier Jahren besteht die Gruppe um Brigitte und Heinz Siering sowie Bobcats-Mitglied Heidi Dreibholz.

Kurz vor Beginn der Corona-Pandemie feierte ein neues Veranstaltungsformat Premiere in der Künstleroase: das Kulturcafé. Alle zwei Monate verwandelt Heinz Siering sein Carport in einen Veranstaltungsraum. Nachbarn, Freunde und Bekannte sind eingeladen, die Musik zu erleben, die das Ehepaar so liebt. Die Besucherzahl ist auf 50 beschränkt, die Gäste bringen Kuchen mit, dazu gibt es Kaffee. Die Veranstaltungen sind beliebt: Wer kommen will, benötigt eine Einladung. 200 Personen lang ist die Interessentenliste.

Nicht nur die Musik steht im Mittelpunkt, sondern auch die Interpreten, ihre Geschichte. Heinz Siering nutzt zudem die Gelegenheit, um „unliebsame Dinge“ anzusprechen, etwa aktuelle Krisen: „Die Demokratie ist das kostbarste Gut, wir müssen dafür einstehen.“
Alle Teile der Stadtteilserie

Sich für Benachteiligte einzusetzen, ist Heinz Siering ein Anliegen. Als Gründer und langjähriger Leiter der Jugendhilfewerkstatt hat er rund 700 junge Menschen aus 36 Nationen betreut, darunter viele Geflüchtete. Jüngst haben seine Frau und er eine Ukrainerin samt Tochter aufgenommen. „Es ist so leicht, jemandem die Hand zu reichen“, ist Siering überzeugt. Das Engagement des 72-Jährigen lässt sich wohl mit einem Blick auf sein Leben erklären: Als Junge floh er aus Sangerhausen in der damaligen DDR nach Solingen.

Heinz Sierings Glaskunst ziert das Grundstück in Aufderhöhe.

Zunächst lebte er in Ohligs. Doch seit fast 40 Jahren ist Aufderhöhe sein Lebensmittelpunkt. Den Stadtteil möchte er nicht missen: „Die Wohn- und Lebensqualität ist fantastisch. Wir haben eine gute Nachbarschaft und können alles fußläufig und mit dem Rad erreichen. In fünf Minuten sind wir im Grünen.“

Ist Siering nicht dort oder bei seinen Instrumenten, befindet er sich wohl in seiner Werkstatt. Kunsthandwerk gehört auch nach seinem Ausscheiden aus der Jugendhilfewerkstatt weiter zu seinen Leidenschaften. Er fertigt Skulpturen und hat sich auf Glasgestaltung spezialisiert. Das Faszinierende an dieser Leidenschaft: „Es ist ein großes Abenteuer. Man weiß nie, was beim Schmelzen herauskommt.“ Für ihn fühlt sich die Kunst, die er auf Anfrage in Kursen weitergibt, wie Meditation an. „Man ist in einer anderen Welt.“

Musik und Kunst ziehen sich wie ein roter Faden durch das gemeinsame Leben von Brigitte und Heinz Siering. Sie haben ihre Leidenschaften weitergegeben. Sohn Dennis ist Künstler in Frankfurt, Sohn Andre Musiker in Berlin.


Weitere Infos zur Künstleroase in Aufderhöhe und zum Kulturcafé: brigittesiering@aol.com

Serie: Aufderhöhe ist in dieser Woche das Thema in der ST-Stadtteilserie. In der nächsten Ausgabe geht es um das TSV-Neubauprojekt.

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