Ausstellung

Durch dieses Schwert rollten 306 Köpfe

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Klingenmuseum-Kurator Sixt Wetzler mit einem der ausgestellten Solinger Richtschwerter. Nach Überlieferungen wurde es bei 306 Enthauptungen eingesetzt. Das Museum zeigt die Schwerter als Mahnung gegen die Todesstrafe.

Philipp Müller stellt Richtschwerter vor, die im Klingenmuseum ausgestellt sind. Dort wird damit ein pädagogischer Ansatz verbunden.

Der zum Tode Verurteilte kniet sich hin. Der Kopf ist aufrecht. Das Urteil wird verlesen. Mit einem Hieb schlägt der Henker dem Delinquenten von der Seite aus den Kopf ab. Grausamer Gerichtsalltag seit dem Mittelalter sogar bis ins 19. Jahrhundert. Aber auch in der Neuzeit, etwa in Saudi-Arabien, könnte die Szene spielen. Dort allerdings nicht mit den Solinger Exemplaren, wie sie im Klingenmuseum ausgestellt sind. Die stammen aus dem 16. bis 18. Jahrhundert. Und das Museum zeigt sie bewusst. Zum einen, weil sie zur Geschichte der Blankwaffen gehören. Zum anderen, wie der Kurator des Klingenmuseums Sixt Wetzler erklärt, weil sie auch als Mahnung gegen die Todesstrafe zu verstehen sind.

Die Vitrine trägt die Nummer „5“. Mit bordeauxrotem Stoff ist sie ausgekleidet. Und eben nicht in Blutrot. Effekthascherei ist in dieser Vitrine nicht das Ziel. Nüchterne Texte verraten viel über die Geschichte, vor allem über den Schrecken, den die Schwerter zu erzählen haben. Schon in der Form unterscheiden sie sich von filigranen Degen oder Rapiren aus der Zeit.

„Die Herren Steuern dem Vnheil. Ich exquire ihr Vrteil.“

Gravur, Richtschwert von 1705

Etwa einen Meter sind sie lang, breit wie eine schmale Hand. „Linsenförmig“ sei der Körper geschmiedet, erklärt Wetzler. Eine Spitze haben sie nicht, sie sind vorne rund. Der Stahl wurde besonders gehärtet, um ihn gut schärfen zu können – ein optimales „Werkzeug“ sei das Ziel der Schmiedemeister gewesen. Offenbar auch ein Exportschlager. In vielen Museen und Sammlungen findet man in Solingen hergestellte Richtschwerter. Mit rund 2,5 Kilogramm Gewicht sind sie deutlich schwerer als die üblichen Blankwaffen der Zeit. Geführt wurde es mit zwei Händen.

Über eins der ausgestellten Schwerter weiß Wetzler zu berichten, dass es gleich bei 306 Enthauptungen eingesetzt worden war. Beim Betrachten sieht man das dem Schwert nicht an. Kaum Gebrauchsspuren. Auf dem Griff eines anderen Richtschwerts glaubt man, Blutspuren zu erkennen. Wetzler verneint das nicht. Denn trotz aller Klingenschärfe war eine Enthauptung eine blutige Sache. Die Klingen wurden daher auch mit einer Blutrinne geschmiedet.

Die Todesstrafe wurde bis ins 19. Jahrhundert schnell verhängt. Das ist alles mit der Justiz von heute nicht annähernd vergleichbar. Vollstreckt wurde sie von den Henkern. Wetzler erzählt, dass der Status des Scharfrichters oft vom Vater auf den Sohn überging, die Henker waren zum Teil sozial geächtet. Bei der Wahl ihres Schwertes legten sie offenbar zur eigenen moralischen Stütze Wert auf eingravierte Sinnsprüche. „Wan ich das Schwert Tuhe Auffheben so wünsche ich dem Sünder Ewiges Leben“, heißt es auf einer Scharfrichterklinge. Symbole wie Galgen oder Räder findet man auch. Dazu den Spruch „Me fecit Solingen“ – mich hat Solingen gemacht. Auf der Rückseite der Klinge hat sich der Meisterschmied namentlich verewigt.

Im Stile eines sich die Hände in Unschuld waschenden Pontius Pilatus taten der Henker auch kund, welchen Stellenwert er bei der Prozedur der Enthauptung hatte. Auf einem Richtschwert von 1705 heißt es: „Wan dem Armen Sünder ist Abgesprochen das leben, dan wirt er mir unter die Hand gegeben. Die Herren Steuern dem Vnheil. Ich exquire ihr Vrteil.“

Übrigens ist überliefert, dass mancher zum Tode Verurteilte dem Henker Geld zahlte, damit er wirklich mit einem wuchtigen Hieb den Kopf abtrennte und nicht mehrere Versuche brauchte. Ein Umstand, der zur Erfindung der Guillotine im 18. Jahrhundert führte, wie Wetzler berichtet. 

KLINGENMUSEUM

ÖFFNUNGSZEITEN Das Museum im Gräfrather Klosterhof ist täglich von 10 bis 17 Uhr geöffnet, freitags von 14 bis 17 Uhr, montags ist geschlossen. Infos unter Tel. 25 83 60. 

www.klingenmuseum.de

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