Abgesagte Veranstaltungen wegen Corona

Dürpelfest: Ausfälle in Millionenhöhe

Die Vereine trifft die Absage des Dürpelfestes mit rund 100 000 Besuchern schwer.
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Die Vereine trifft die Absage des Dürpelfestes mit rund 100 000 Besuchern schwer.

Abgesagte Veranstaltungen bringt Vereine an finanzielle Belastungsgrenzen.

Von Timo Lemmer

Solingen. Feste feiert man laut Volksmund normalerweise so, wie sie fallen. Und auf den Internetseiten vieler Brauchtumsvereine, Bürgervereine oder anderer engagierter Zusammenschlüsse ist der Veranstaltungskalender 2020 auch weiterhin prall gefüllt. Doch in diesem Jahr fallen keine Feste. Sie fallen nur aus. Und so lautet der entscheidende Zusatz in sämtlichen Terminübersichten: abgesagt.

Auch der Zöppkesmarkt wurde abgesagt.

Die Vereine frustriert das nicht nur, es bringt sie mitunter an die finanzielle Belastungsgrenze – und darüber hinaus. Denn während viele Finanzierungsquellen brachliegen, laufen die Fixkosten weiter. Über das Land gibt es daher inzwischen das Sonderprogramm Heimat 2020, das Vereine oder Verbände mit bis zu 15 000 Euro unterstützt.

Der Nümmener Heimatverein hat wegen der Festabsage eine Überbrückungshilfe erhalten.

Die Liste der entfallenen Veranstaltungen in Solingen ist derweil ellenlang. Es fallen auch kleinere darunter. So ist es für viele Sportvereine normalerweise der Broterwerb, Turniere oder Wettkämpfe durchzuführen. Die laufen nun zumindest langsam wieder an. Ein Stück weit exemplarisch: der Heimatverein Nümmen. „Die Einnahmequelle des Jahres ist unser Heimatfest, das entfallen ist“, sagt der Vorsitzende Dirk Schulenberg. „Auch Stammtische, Vermietungen, die Kinder- und Seniorenfeste an Weihnachten fallen aus. Außer durch die Beiträge haben wir daher aktuell keine Einnahmen.“ Der Verein hat eine kleine Überbrückungshilfe erhalten. Allerdings: In Nümmen hat der Verein über die vergangenen Jahre Rücklagen gebildet, aus denen die Fixkosten bezahlt werden können. Ein großer Zuschuss konnte daher nicht gewonnen werden. Und: Gebäude und Grundstück gehören dem Heimatverein. „Daher ist unser Hauptproblem eher“, sagt Schulenberg, „dass der Vereinszweck, das Zusammensein in Gruppen, aktuell und vorerst total zusammengebrochen ist.“

Die frühzeitige Absage des Gräfrather Marktfeste führte laut Arge nur zu wenigen Verlusten.

Auch die klassischen Bürgerfeste entfallen komplett. Beispiel Ohligs: „Aus dem Stegreif“ kann Gloria Göllmann für die Ohligser Werbe- und Interessensgemeinschaft (OWG) sechs größere Ausfälle nennen. Von Dürpelfest über Solitalia bis hin zum Ohligser Kinderfest. Als Projektleiterin des entfallenen Dürpels sagt sie: „Alle Vereine, eingeschlossen der OWG und der Schausteller, haben keine Einnahmen durch den Getränke- und Imbissverkauf oder die Fahrgeschäfte. Dazu haben die Bands und Einzelkünstler sowie die Veranstaltungstechniker, Dienstleister und Gewerke keine Honorare.“ Bei etwa 100 000 Besuchern, die das Fest mit fünf Bühnen und 50 Liveacts sonst bevölkern, sei die Rechnung für Vereine und Selbstständige so einfach wie bitter: „Das sind Ausfälle in Millionenhöhe.“

Man habe zwar alle Verträge eins zu eins für das kommende Jahr übernommen, die Austragung 2021 sei aber längst nicht sicher: „Keiner weiß, ob im Mai 2021 schon wieder Großveranstaltungen dieser Kategorie stattfinden können.“ Das Dürpelfest hatte der OWG-Vereinskasse in den letzten Jahren stets etwa 6000 Euro Gewinn beschert: Geld, das im Anschluss „in die beliebten, aber wirtschaftlich defizitären Veranstaltungen wie den Weihnachtsdürpel oder das Verwöhnwochenende geflossen ist“, wie Frauke Pohlmann erklärt.

Göllmann selbst kommt aus der Branche. Mit ihrem Mann Frank, der als Licht- und Videokünstler sowie Musiker ebenso an vielen Projekten beteiligt ist, ist sie ebenfalls von der Pandemie betroffen: „Wir haben fünfstellig Umsatzeinbußen, können aber glücklicherweise die Betriebskosten klein halten. Mir tut es unendlich leid für alle Schausteller, Dienstleister, Künstler und kleinen Vereine, die auf diese Art von Veranstaltungen angewiesen sind.“ Ihre Prognose: „Wir gehen davon aus, dass wir neue Wege der Veranstaltungsausführung werden gehen müssen.“ Sie sieht die Branche vor einem riesigen Umbruch.

„Wir gehen davon aus, dass wir neue Wege der Veranstaltungsausführung gehen müssen.“

Gloria Göllmann, OWG

In der OWG sei der Frust groß, dass mit dem Verwöhnwochenende, das für Anfang September geplant war, auch der verkaufsoffene Sonntag abgesagt wurde. Vorstandsmitglied Pohlmann spricht von einer großen Enttäuschung, da man die ab September geplanten Veranstaltungen im Sinne des Infektionsschutzes anpassen und entzerren wollte – der verkaufsoffene Sonntag wurde dennoch als nicht zulässig erklärt, da er im Zusammenhang mit dem Verwöhnwochenende geplant war. „Hier würden wir uns von städtischer Seite mehr Unterstützung für unser jahrelanges, ehrenamtliches Stadtmarketing wünschen.“

Verkaufsoffene Sonntage

Ohligs: Rathaussprecherin Birgit Wenning-Paulsen: „Der Verwöhnsonntag war zwingend abzusagen. Mit dem Wegfall dieser anlassgebenden Veranstaltung kann leider auch kein verkaufsoffener Sonntag stattfinden.“

Ausnahme: Das Wirtschaftsministerium habe zwar aktuell einen Erlass veröffentlicht, der verkaufsoffene Sonntage mit einer „Corona-Begründung“ ermögliche. „Nach Auffassung unserer Rechtsexperten ist die rechtliche Lage aber derart unsicher, dass die Stadt Solingen vor dem Hintergrund eines Klagerisikos die notwendige Rechtsverordnung nicht erlassen wird.“ Ob es in den nächsten Wochen verkaufsoffene Sonntage gebe, lasse sich nicht einschätzen: „Das hängt von der Entwicklung des Infektionsgeschehens ab.“

Im Mai gab es mit dem „Dürpel at home“ ein über das Internet ausgestrahltes musikalisches Trostpflaster.

Auch das Gräfrather Marktfest ist der Corona-Krise zum Opfer gefallen. Helmut Schurr, erster Vorsitzender der Arbeitsgemeinschaft der Gräfrather Vereine (Arge), fürchtet nach dem Wegfall des diesjährigen Marktfestes auch um den Martinszug im November.

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