Montagsinterview

Kinderschutzbund: „Druck wird an Kinder weitergegeben“

Ruth Karschewsky-Klingenberg vom Kinderschutzbund Solingen möchte für die besonderen Bedürfnisse von Kindern und Jugendlichen während der Corona-Pandemie sensibilisieren. Foto: Christian Beier
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Ruth Karschewsky-Klingenberg vom Kinderschutzbund Solingen möchte für die besonderen Bedürfnisse von Kindern und Jugendlichen während der Corona-Pandemie sensibilisieren.

Ruth Karschewsky-Klingenberg vom Kinderschutzbund Solingen über die Situation der Jugend in der Pandemie.

Das Gespräch führte Kristin Dowe

Was bedeuten die monatelangen Kita- und Schulschließungen für Kinder und Jugendliche in Solingen?

Ruth Karschewsky-Klingenberg: Wir muten unseren Kindern und Jugendlichen zu, dass sie sich nicht mehr mit ihren Freunden treffen dürfen und dass sie allein zu Hause lernen müssen beziehungsweise im Kreis ihrer Familie. Das funktioniert unterschiedlich gut. Während es in manchen Familien eine gute Betreuung gibt, weil die Eltern vielleicht mehr Zeit haben, sind andere Eltern beruflich stark eingebunden oder verfügen nicht über die benötigte digitale Ausstattung, damit die Kinder die Hausaufgaben gut erledigen können. Die Wohnsituation ist zudem teilweise sehr beengt – und das führt zu Stress. Dabei sprechen wir nicht mal unbedingt von physischer Gewalt gegen Kinder, die bei meinen Mitarbeiterinnen in Beratungsgesprächen thematisiert wird. Es geht vielmehr um den psychischen Druck, den auch Eltern verspüren, wenn sie in einer schwierigen Situation sind. Dieser Druck wird an die Kinder weitergegeben.

Welche Fälle können Sie aus Ihrem Beratungsalltag in Solingen nennen?

Karschewsky-Klingenberg: Wir haben kürzlich einen Brief von einem 17-jährigen Jugendlichen erhalten, der uns darin eine Situation schilderte, die mich nachdenklich gemacht hat. Er hatte sich mit einem Freund auf dem Bolzplatz getroffen, und es waren noch mehrere kleinere Kinder dabei. Dann kamen Mitarbeiter des Ordnungsamtes und auch Polizeibeamte hinzu und fragten, was die Gruppe denn dort mache. Die Kinder sind dann weggelaufen. In dem Brief hat der 17-Jährige uns gegenüber sein Verhalten damit begründet, dass er nicht den ganzen Tag allein vor dem PC verbringen wolle. Ich glaube, dass gerade kleine Kinder von der langen Zeit der Isolation Schaden nehmen, da sie persönliche Beziehungen gar nicht mehr erlernen können.

Werden die Bedürfnisse der Jugend von der Politik während der Pandemie ausreichend berücksichtigt?

Karschewsky-Klingenberg: Nein, sie wurden zu wenig in den Blick genommen. Wir befinden uns jetzt seit mehr als einem Jahr in dieser Pandemie. Jetzt wird allmählich auch über die Spät- beziehungsweise Folgeschäden nachgedacht, nachdem es lange Zeit nur um das Coronavirus ging, was ja zunächst auch nachvollziehbar war. Allerdings sagen auch Psychologen, dass wir für die Begleiterscheinungen sensibilisiert sein sollten. Dieser Umgang auf Distanz ist für Menschen ja eigentlich gar nicht natürlich. Deshalb sind die Auswirkungen auf kleine Kinder sicherlich nicht zu unterschätzen, wenn sie ständig das Gefühl haben, an niemanden herangehen zu dürfen, was natürlich trotzdem passiert. Der ständige Appell an Kinder, Abstand zu halten, kann zu Verhaltensauffälligkeiten führen.

Was müsste sich ändern?

Karschewsky-Klingenberg: Für alle Beteiligten, und damit meine ich Erwachsene und Kinder, ist es ausgesprochen schwierig, sich auf die sich ständig ändernden Verordnungen in der Corona-Pandemie und insbesondere den andauernden Wechsel von Distanz- und Präsenzunterricht bei den Schulen einzustellen. Da wünsche ich mir mehr Einheitlichkeit. Bis zu den Sommerferien haben wir jetzt noch etwa acht Wochen. Statt des ständigen Hin und Her wäre es vielleicht sinnvoller, bis dahin – unabhängig von der Inzidenzzahl – auf Wechselunterricht mit geteilten Klassen zu setzen.

Wie groß ist das Problem von Gewalt gegen Kinder während der Pandemie?

Karschewsky-Klingenberg: Ich kann nicht sagen, dass sich das Problem aus unserer Erfahrung gravierend verschlimmert hat. Dennoch kommen solche Fälle vor. Es ist auch die Frage, wie man körperliche Gewalt definiert. Für mich persönlich fängt sie schon bei einem Klaps auf den Po an. Aber es gibt Eltern, die das anders sehen und nicht so schlimm finden. Da zeigt sich in den Gesprächen mit unseren Mitarbeiterinnen häufig so eine Haltung, dass die Eltern ihrem Kind ja nichts Böses antun würden und das eben eine Form der Maßregelung sei. Von Gewalt haben sie eine ganz andere Vorstellung. Oft steckt bei Eltern auch eine gewisse Hilflosigkeit dahinter, wenn sie ihren eigenen Stress an ihr Kind weitergeben.

Mit welchen Anliegen wenden sich Bürgerinnen und Bürger zurzeit an den Kinderschutzbund?

Karschewsky-Klingenberg: Es gab zuletzt häufiger Anrufe von Menschen, die sich Sorgen gemacht haben, wenn sie bei ihren Nachbarn lautes Geschrei von den Kindern oder auch den Eltern gehört haben und sie nicht wussten, ob dort möglicherweise ein Kind geschlagen wird. Da herrscht dann oft eine große Verunsicherung. Es ist dann eine vollkommen richtige Reaktion, sich bei uns zu melden. Gleiches gilt natürlich auch für Eltern, die sich im Umgang mit ihrem Kind überfordert fühlen und nicht mehr weiterwissen. Wenn wir selbst in einem bestimmten Fall nicht weiterhelfen können, vermitteln wir den Kontakt an die entsprechenden Stellen weiter.

Wie helfen Sie Eltern, die bei Konflikten zu Gewalt neigen?

Karschewsky-Klingenberg: Der Kinderschutzbund bietet in Solingen und auch in anderen Städten beispielsweise den Kurs „Starke Eltern, starke Kinder “ an, der coronabedingt zurzeit leider nicht stattfindet. Dort werden verschiedene Erziehungssituationen besprochen und Möglichkeiten aufgezeigt, wie Eltern damit umgehen können. Auch der Austausch der Eltern untereinander ist dabei eine gute Sache. Nach der Pandemie soll der Kurs auf jeden Fall wieder angeboten werden.

Zur Person

Ruth Karschewsky-Klingenberg ist Vorsitzende des Solinger Ortsverbandes des Kinderschutzbundes. Die Einrichtung will ihre Räumlichkeiten am Amtstor 4 erweitern, um dort unter anderem Nachhilfe- und Förderkurse anbieten zu können.

Bei Beratungsbedarf ist der Kinderschutzbund unter Tel. (0212) 18 39 3 oder per Mail zu erreichen.

info@kinderschutzbund-solingen.de

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