24 Jahre danach

Brandanschlag: Drei Täter leben von Sozialhilfe

Heute erinnern ein Gedenkstein und fünf Kastanienbäume an die fünf Mordopfer des Brandanschlags auf die türkische Familie Genç an der Unteren Wernerstraße. Foto: Daniela Tobias
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Heute erinnern ein Gedenkstein und fünf Kastanienbäume an die fünf Mordopfer des Brandanschlags auf die türkische Familie Genç an der Unteren Wernerstraße.

Die damals jungen Solinger haben ihr Leben nicht mehr so richtig in den Griff bekommen.

Von Hans-Peter Meurer

Jene Nacht vor 24 Jahren hat Solingen, hat Deutschland verändert: In der Nacht vom 28. auf den 29. Mai 1993 brannte das Haus der türkischen Großfamilie Genç in der Unteren Wernerstraße nahezu bis auf die Grundmauern nieder. Fünf Menschen starben bei dem feigen Brandanschlag, acht weitere wurden zum Teil schwer verletzt (» siehe Kasten).

Die mörderische Attacke auf die Familie Genç löste damals weltweit Empörung aus. In Solingen kam es zu bürgerkriegsähnlichen Unruhen, die den damals bislang größten Polizeieinsatz seit Gründung der Bundesrepublik zur Folge hatten.

Standpunkt von Hans-Peter Meurer

Der Brandanschlag gilt heute als einer der schwersten rassistischen Übergriffe in Deutschland. Solingen wurde damit zum Symbol für Ausländerfeindlichkeit und Fremdenhass. Schon kurz nach der Tat nahm die Polizei vier junge Solinger im Alter zwischen 16 und 23 Jahren fest. Sie waren der rechten Szene zuzuordnen. Das Quartett soll das Haus der türkischen Familie vorsätzlich angesteckt haben, lautete der Mordvorwurf damals. Es folgte ein Mammutprozess, der sich allein auf Indizien stützte.

Nach 128 Verhandlungstagen in einem von Pannen, Widersprüchen, Geständnissen und Geständniswiderrufen geprägten Verfahren sah das Düsseldorfer Oberlandesgericht die Schuld der vier jungen Solinger als erwiesen an. Drei wurden 1995 zu Jugendhöchststrafen von zehn Jahren, der zur Tatzeit einzige Erwachsene wurde zu 15 Jahren Haft verurteilt.

Wenn am Montag am Mahnmal am Mildred-Scheel-Berufskolleg der Opfer des Brandanschlags gedacht wird, interessiert auch die Frage nach den verurteilten Tätern. Vor allem die 1993 noch jugendlichen Solinger genießen heute einen im Jugendstrafrecht verbrieften Schutz.

Die Verurteilten leben in verschiedenen Städten in NRW

Ein damals 16-Jähriger und ein 18-Jähriger hatten eine Tatbeteiligung von Anfang an bestritten: Bis heute tun das beide. Nur der zur Tatzeit 23-Jährige hatte im Prozess ein Geständnis abgelegt: Die drei anderen Angeklagten und er hätten den Brand gelegt. Einmal widerrief er es für ein paar Tage, dann hielt er am Geständnis bis zum 80. Prozesstag fest – um dann erneut zu widerrufen.

Ein zur Tatzeit 17-jähriger Nachbarsjunge der Familie Genç rundete damals den Wirrwarr ab: Er habe das Haus der türkischen Familie allein angesteckt, nur „um Rabatz zu machen“, mehr nicht. Sein Geständnis sollte nach 17 vorangegangen Versionen sein endgültiges sein, erklärte damals sein Anwalt vor Gericht.

Die Brandruine des Genç-Hauses: Fünf Menschen starben 1993 bei dem Anschlag.

Die vier Verurteilten sind längst auf freiem Fuß, leben in verschiedenen Städten Nordrhein-Westfalens. Ein heute 43-Jähriger erhielt nach Verbüßung von zwei Dritteln seiner zehnjährigen Haftstrafe als Freigänger die Möglichkeit, sein Abitur an einer Schule nachzumachen. Dies gelang ihm ebenso mit Erfolg wie das Examen als Sozialpädagoge.

Er war aber nur kurz als Sozialarbeiter tätig, hatte zunehmend berufliche Probleme, als seine Lebensgeschichte den jeweiligen Arbeitgebern bekannt wurde. Heute wohnt er als einziger der Verurteilten wieder in Solingen. Er lebt – unterstützt von Sozialhilfe – zurückgezogen ohne soziale Kontakte.

Anwalt bezweifelt Schuld eines Mandanten nicht

Auch der damals einzige Erwachsene holte in der Haft sein Abitur nach, verzichtete dafür sogar auf eine vorzeitige Entlassung aus der Haft, die wegen guter Führung früher möglich gewesen wäre. So kam er nach zwölfeinhalb Jahren frei, studierte Anglistik und Romanistik, brach das Studium nach wenigen Semestern ab. Dann fiel er in ein Loch, jobbte als Lager- und Hilfsarbeiter. Auch er lebt heute inzwischen von Sozialhilfe, nachdem das Arbeitslosengeld ausgelaufen ist. Er wohnt in einer Großstadt mehr als 100 Kilometer von Solingen entfernt.

Der 43-Jährige ist immer bei seiner letzten Version geblieben: Er sei unschuldig, sei damals von Kripobeamten massiv eingeschüchtert und zum Geständnis gedrängt worden. Sein damaliger Verteidiger, der Marler Rechtsanwalt Siegmund Benecken, sieht das anders: „Ich hatte und habe keine Zweifel an der Schuld meines ehemaligen Mandanten.“

Einer der Verurteilten, zur Tatzeit 17-jährig, war direkter Nachbarsjunge der Opferfamilie Genç. Er musste seine Jugendstrafe voll absitzen, weil er in Haft zwei Mal ausländische Mithäftlinge körperlich attackiert und verletzt hatte. Nach der Haftentlassung war er weiterhin in der rechten Szene aktiv. Der heute 41-Jährige, der am Rande des Ruhrgebiets lebt, wurde 2011 erneut zu einer Haftstrafe verurteilt, weil er bei der Kundgebung einer Neonazi-Kameradschaft in Hagen mehrfach den Hitlergruß gezeigt hatte. Er hat inzwischen eine Tochter, ist aber nicht verheiratet. Beruflich jobbt er unregelmäßig als Hilfsarbeiter.

Der jüngste Verurteilte, der damals 16-Jährige, kam nach Verbüßung von sechseinhalb Jahren Haft frei, machte eine kaufmännische Lehre. Bis heute lebt der Arztsohn abgeschottet außerhalb Solingens. Auch er fühlt sich 24 Jahre nach dem Brandanschlag als ein unschuldig Verurteilter. 

GEDENKEN

MORDOPFER Die Kinder Gülüstan (12), Hülya (9) und Saime (4) starben an Rauchvergiftung, die 18-jährige Hatice in den tödlichen Flammen. Die 27-jährige Gürsün sprang in Panik aus einem Fenster, zog sich dabei tödliche Verletzungen zu. Ihre Tochter (3) hatte sie den eintreffenden Feuerwehrleuten entgegengeworfen. Das Kind überlebte.

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