Verdienste im Zweiten Weltkrieg

Doku folgt den Spuren Fritz Gräbes

Daniela Tobias, Vorsitzende des Vereins Max-Leven-Zentrum, begrüßte die Gäste.
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Daniela Tobias, Vorsitzende des Vereins Max-Leven-Zentrum, begrüßte die Gäste.

Filmgespräch im Zentrum für verfolgte Künste rückt das Leben des Solinger Judenretters in den Fokus.

Von Karl-Rainer Broch

Solingen. Das Max-Leven-Zentrum führte am Donnerstag im Ratssaal des Zentrums für verfolgte Künste an der Wuppertaler Straße den Film „In Deutschland unerwünscht: Hermann Gräbe“ wieder auf. Im Beisein des Regisseurs Dietrich Schubert und seiner Frau Katharina. Der 1999/2000 entstandene Dokumentarfilm über den 1900 in Gräfrath geborenen und 1986 in San Francisco gestorbenen Bauingenieur Hermann Friedrich Gräbe, kurz Fritz genannt, schildert dessen Verdienste im Zweiten Weltkrieg, als er in der Ukraine mit gefälschten Dokumenten mindestens 2000 Juden das Leben rettete. Dargestellt werden aber ebenso die Anfeindungen gegen ihn nach Kriegsende, als er verleumdet und seine Aussagen infrage gestellt wurden.

Ein Neuanfang in den USA

Anerkennung fand der Solinger, an den an seinem Geburtshaus an der Schulstraße eine Plakette erinnert, anfangs nur in Israel und den USA, in die er mit seiner Familie 1948 ausgewandert war. Er hatte in den letzten Kriegswirren seine Aufzeichnungen über die Nazi-Mordtaten gerettet, die zusammen mit seinen Aussagen beim Nürnberger Kriegsverbrecherprozess 1946 zur Verurteilung zahlreicher Täter führten. Er wurde deshalb als „Vaterlandsverräter“ und „Nestbeschmutzer“ beschimpft, dem man auch keine Aufträge in seinem Beruf als Bauingenieur mehr erteilte, so dass er in den USA ohne Englischkenntnisse neu anfangen musste.

In dem Film von Dietrich Schubert, von dem nur noch zwei persönliche Kopien existieren, kommen nicht nur sein Sohn, sondern als Zeitzeugen auch ehemalige Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter sowie Biograf Douglas K. Huneke zu Wort – angereichert durch Originalaufnahmen von den Schauplätzen in der Ukraine.

1961 war Gräbe, der sich in den USA Graebe schrieb, wieder in Deutschland, um gegen einen untergetauchten Täter auszusagen, was zu einer Anklage gegen ihn wegen „Meineides“ führte. Er musste die Bundesrepublik verlassen, weil ihm wegen der falschen Behauptungen eine Gefängnisstrafe drohte. 1965 wurde er in Israel als einer der „Gerechten unter den Völkern“ in der Holocaust-Gedenkstätte Yad Vashem geehrt.

Die 30 Besucherinnen und Besucher im Museum waren am Donnerstag vor allem an den Abschnitten des Films interessiert, die die unrühmliche Rolle der Presse dokumentierten. Der Spiegel übernahm 1966 die falschen Behauptungen über den „Lügner“ Gräbe, das Solinger Tageblatt schloss sich damals der Spiegel-Version an, das Thema war bis dahin in Solingen so gut wie unbekannt. Die Kehrtwende kam erst in den 1990er Jahren, als in Israel und USA überprüfte Aussagen verwertet wurden, die im Gegensatz zu den Zeitschriften-Artikeln standen, und außerdem die Übersetzung der Biografie von Huneke ins Deutsche übersetzt wurde.

Schubert wurde auch gefragt, wie er zum Film gekommen sei. Das sei durch diese Veröffentlichung geschehen. Er berichtete auch: „Während der Dreharbeiten in der Ukraine wurden Fakten entdeckt, die vorher nicht bekannt waren, so auch Massengräber.“ Solingen wurde in der Dokumentation nur kurz gezeigt: ein Blick auf die Schulstraße mit dem Geburtshaus Gräbes. Die Rehabilitation durch die Stadt war auch Thema der regen Diskussion. Erschreckend sei nur, dass Neonazis immer noch die 1966 aufgestellten falschen Behauptungen als Argument anführen.

Hintergrund

Buch: Biografie „In Deutschland unerwünscht – Hermann Gräbe“ von Douglas K. Huneke, in der Stadtbibliothek auszuleihen.

Film: Der gleichnamige Film von Dietrich Schubert, seiner Frau Katharina (Produzentin) und Wolfgang Heuer (Regie) wurde am 22. Oktober 2000 im Fernsehen bei 3sat das erste Mal aufgeführt.

Name in Solingen: Die Fritz-Gräbe-Straße führt vom Heiderhof in Richtung Gräfrath-Mitte. Das Gräfrather Haus der Jugend an der Nibelungenstraße trägt den Namen Fritz-Gräbe-Haus.

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